Von Rathenow aus über den Tellerrand geschaut
von Günter Thonke
Jeder Ort hat seine Leute, die in ihrem Leben über Tellerrand des Provinziellen schauten, ihre Heimat stets im Auge und Gespräch hatten und so deren Ansehen mehrten. Lassen wir diese Menschen
vor unserem geistigen Auge Revue passieren.

Stefan Bodeker brachte es bis zum Bischof von Brandenburg. Am 15.11.1384 wurde er als Sohn eines Böttchers in Rathenow geboren, was auch zu seinem Zunamen führte. Er wuchs in ärmlichen Verhältnissen unter der Obhut strenger Erziehung einer gottesfürchtigen Mutter auf, was wohl dazu führte, als Mönch in den Orden der Praemonstratenser mit strengen Regeln des Gehorsams, der Keuschheit und der Armut einzutreten. Als begabtes junges Ordensmitglied konnte er nach kurzer Zeit ein Universitätsstudium in Erfurt, dann Prag und Leipzig beginnen, wo er 1412 promovierte.
In Brandenburg war er 1415 Domherr und Generalvikar, wurde 1419 schon zum Domprobst gewählt und 1421 zum Bischof berufen und im Jahr darauf vom Papst Martin den Fünften geweiht.
Er zeichnete sich durch diplomatisches Geschick im Schlichten von Streit zwischen Landesherren und der Kirche, gar friedens- stiftend in der Auseinandersetzung zwischen den Pommern und den Brandenburgern aus. 1448 saß er mit zu Gericht über die Empörung der Stadt Berlin gegen den Kürfürsten, dessen Vertrauen und Unterstützung er dadurch gewann in einer Zeit, da Landfriedensbruch, Hussitenkriege und Wegelagerei große Schwierigkeiten in einer Amtsführung machten.
Lange Zeit vor Luther verlangte er von der Geistlichkeit sich der Volkssprache zu bedienen und auch von den Eltern zu fordern , dass ihre Kinder sich in Wort und Schrift bilden sollen.
Sogar ein hebräisches Lexikon verfasste er, doch über seine Gelehrsamkeit und sein Wissen äußerte er sich bescheiden und sah seine Lebensaufgabe darin, dem bäuerlichen und gemeinen Manne dienlich zu sein, ehe er am 15.2.1459 im Alter von 74 Jahren verstarb.
Sein Grabstein steht als Relief im Dom, sich mit der linken Hand auf den Bischofsstab stützend und die rechte zum Schwur erhebend, zu seinen Füßen ein kleiner Hund, links ein Schreibpult. Er war der 36. Bischof in der Domstadt.
Joachim Christian Blum wurde 1739 als einziger Sohn in die vermögende Familie des Kaufmannes Adolph Christian Blum hineingeboren. Er hatte drei Schwestern gehabt. Der Vater verstarb 1750 im Alter von 48 Jahren und wurde in der Stadtkirche begraben.
Als Fünfjähriger erlitt Joachim Christian einen Straßenunfall. Er geriet unter das Reitpferd eines Betrunkenen und wurde lebensgefährlich verletzt. Es gelang sein Leben zu erhalten, doch blieb er bis an sein frühes Lebensende ein von Schmerzen gepeinigter Mensch. Seinen ersten Unterricht erhielt er mit seinen Schwestern von einer Französin, ehe er die hiesige Lateinschule besuchte und danach sich fünf Jahre bis 1759 auf der Saldria in Brandenburg und dem Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin weiterbildete, ehe er in Frankfurt an der Oder studierte. Der unheilvolle siebenjährige Krieg nötigte ihn sein Studium abzubrechen und zu seiner Mutter zu flüchten, bevor er es später noch beendete, aber keinen Lehrstuhl dort erhielt. Als Kranker kam er wieder nach Rathenow zur Mutter. Seine drei Schwestern waren schon verstorben. Hier war er vor Nahrungssorgen sicher und blieb als Dichter bis zu seinem Tode mehr als ein Müßiggänger an der frischen Luft in des Weinbergs Gärte und Verse schmiedend, die unserer Zeit voller Unrast zu lesen schwer fiele. Der junge Goethe doch nahm sie erfreut zur Kenntnis.
Da es keine hiesige Presse gab, schuf er einen Lesezirkel und war eifrig bemüht, intelligente Menschen um sich zu scharen. Seine schon vom Vater ererbte Bücherei vermachte er der Lateinschule. Unter seinen eigenen Werken wäre das „Deutsche Sprichwörterbuch“ mit volkstümlichen Redewendungen zu erwähnen, deren Ursprung er suchte und die Deutung von Volksweisheiten, die er erläuterte.
Joachim Christian Blum verstarb am 28.8. 1790.
Seine Gebeine ruhen in einem Gewölbe, welches 1860 an seinen heutigen Platz umgesetzt wurde und in dem auch sein Freund der Doktor Immanuel Meier ruht, der 1834 hier verstarb.
Doktor Immanuel Meier war Stadt- und Kreis- Physikus hier.
Er kam aus Meseritz, wo er 1746 geboren wurde. Ihm verdanken wir in der Region die Erfolge bei der Bekämpfung der Pocken -Seuche.
Um 1785 starb noch jeder dritte Rathenower daran, ehe der Doktor Meier die Risikobereitschaft wagte mit Impfversuchen der Kuh - und Menschenpocken, was vielen Menschen dann das Leben rettete.
Samuel Christoph Wagener wurde am 11.4.1763 in Sandau an der Elbe geboren. Der Vater war Zolleinnehmer am Elbe und Havel.
Nach dem Theologie-Studium 1780-84 in Halle wurde er erst Lehrer in Wilsleben, dann luth. Feldprediger beim hiesigen Regiment. Er war um die Bildung der Soldatenkinder und Militärwaisen bemüht und verschaffte dem Pfarrer Johann Heinrich August Duncker ein Darlehen zum Start seiner königlich priveligierten optischen Anstalt, das Sohn Eduard erst nach zwanzig Jahren der napoleonischen Umstände halber begleichen konnte.
S.C. Wagener schrieb als liberaler Mensch der Aufklärung Gespenstergeschichten, um gegen Furcht und Aberglauben anzugehen und die Chronik der Stadt (1803) kam auch aus seiner Feder.
Nach 1801 wurde er Pfarrer in Altenplathow und Schulinspektor in Genthin, 1817 Superintendent der 2. Burgschen Diözese, danach in Potsdam an der Garnisonkirche, wo er am 12.Januar 1845 verstarb.
Es war der Enkel Dunckers, Emil Busch, der mit der Dampfmaschine die industrielle Revolution in der Optik hier begann. Die besseren Arbeitsbedingungen ließen viele Ziegeleiarbeiter den Beruf wechseln, ein Ziegelmeister Günter wagte mit dem Kaufmann Nitsche wie auch Schulze und Bartels konkurrierende optische Unternehmen.
Die Ziegelherstellung hatte ihre Höhen und Tiefen bis sie ab 1914 eingestellt wurde. Die Stadtziegelei brannte mehrmals ab und wurde zeitweise verpachtet. Andere Ziegeleibesitzer waren die Herren Meuß, Heidepriem, Schuwardt, Mathes und Borchmann unter anderen.
Der Bedarf an den Steinen der guten Rathenower Qualität war während der Gründerjahre nach 1871 beim Aufbau des Berliner Westens besonders hoch und da man sagt, Berlin wäre aus dem Kahn erbaut, bot sich die Havel als billiger Wasserweg an.
Otto von Bismarck aus Schönhausen hatte in Rathenow nicht nur Freunde gehabt. Hier war sein
Wahlkreis Westhavelland, der Rathenow und Brandenburg mit umfasste, zur 2.Kammer des preußischen Landtags, in den er zu gelangen versuchte. Als Kandidat der Februarwahl verargte man ihm noch sein Auftreten beim Aufstand 1848 in Berlin. Rathenow glich einem Hexenkessel. Der damalige linksliberale Bürgermeister Fischer war ein heftiger Gegner der Königstreuen und in der gespaltenen Stadt wurde dies mit Katzenmusiken kund getan. Als es laut wurde, Bismarck wäre im Bölkeschen Haus vor dem Brandenburger Tor abgestiegen, strömte die Menge dorthin und bewarf das Haus mit Steinen, obwohl Bismarck gar nicht dort war. Einige Tage danach kam er aber wirklich, um im Wirtshaussaal vor dem Berliner Tor des Wirtes Nose seine politischen Ansichten zu erklären. Die meisten Anwesendenteilten diese, doch als er das Haus verlassen wollte wurde ihm gesagt, ein wütender Volkshaufen erwarte ihn. Es wurde ihm eine Gasse gebahnt zur Unterkunft im Deutschen Haus. Als er dort mit dem Wagen abgeholt wurde, hatte sich die Menge noch verstärkt und empfing ihn mit Johlen. Als der Wagen anfuhr, wurde er mit einem Steinhagel überschüttet, der das Verdeck völlig durchlöcherte. Bismarck erhob sich als er getroffen wurde und warf den Stein in die Menge zurück. Der Kutscher warf eine Decke über die Insassen, um sie zu schützen.
Um 1890 erzählte er im verehrende Rathenower, dass er jetzt noch Schmerzen am Oberarm verspüre. - Bismarck wurde damals zwar gewählt, aber 21 von 22 Rathenower Wahlmännern stimmten gegen ihn. Im April wurde die Kammer aufgelöst, nun waren einige der anderen Wahlmänner im Westhavelland gegen Bismarck, aber alle Rathenower diesmal auf seiner Seite.
Am 11.12.1875 überreichten Bürgermeister Grosse und die Ratsherrn Borchmann und Meuß dem Kanzler den Ehrenbürgerbrief der Stadt Rathenow.
Über das Wirken Bismarcks gehen auch heute noch die Meinungen auseinander; die Folgen des Verlassens des Staatsschiffes als Lotse wirkten lange nach.
Seit 1914 hat Rathenow einen Bismarckturm auf dem Weinberg
in dem sein Standbild bis 1944 stand. Nun ist ein Verein um den Erhalt des Turmes bemüht, zeitweise besorgt wegen der chinesischen Türmchendächer nach der Sanierung.
Wer auch immer sich hier um das Gemeinwohl bemühte,
konnte nicht immer über den Tellerrand sehen, weil seine Tätigkeit ihn auf der täglichen unteren Ebene forderte und er vielleicht erst im Alter die Muße und Möglichkeit fand, über den flachen oder tiefen Tellerrand zu schauen. Auch die jeweilige Zeit spielt immer mit und welche Suppe aufgetragen wurde. In der konnte man Fettauge oder Haar sein, Nudel oder Gemüse!
So kamen neben den Stadtoberen die Pfarrer, Ärzte, Richter, Apotheker, viele Lehrer, Unternehmer und Handwerker durch ihre Zeit, wie auch alle Leute der unteren Stände die sich öffnende oder schließende Schere des Wohlstandes zu spüren bekamen und weiterhin bekommen werden - Die Träume junger Jahre werden immer einmal enden ,- das Wünschen aber bleibt bis zum letzten Tag.
Redaktionell am 06.08.2007 bearbeitet von Hans- Jürgen Wodtke
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