Die wirtschaftliche Entwicklung in Rathenow von 1850 bis 1900
von Wolfram Bleis
Die Beschreibung eines Zeitabschnittes in der Geschichte ordnet sich in den seltensten Fällen einer sozusagen „mathematischen Einteilung", wie etwa einem halben Jahrhundert, unter. Vor allem in der
Regional- und noch stärker in der Lokalgeschichte sind andere Ereignisse maßgebend für den Beginn oder das Ende einer bestimmten Epoche.
Allgemein sieht man für die 2. Hälfte des 19. Jh. die Industrialisierung als das bestimmende Element der Entwicklung. Dabei wird die Industrialisierung nicht durch ein Einzelereignis sondern eine Vielzahl von Ereignissen repräsentiert, die den Anfang einer neuen Epoche so erst erlebbar machen. Damit besteht auch auf lokaler Ebene die Möglichkeit, den Beginn einer „Neuen Zeit" mit einem bestimmten Ereignis zu verbinden, das oft erst im Nachhinein von vielen Zeitgenossen als solches verstanden wird.
Die Stadt Rathenow ist ein Paradebeispiel dafür, wie die Industrialisierung in alle Lebensbereiche eingreift und innerhalb einer Zeitspanne von 50 Jahren oder zwei Generationen das Gesicht einer Stadt völlig verändern kann. Das Ereignis, das am Anfang dieser Entwicklung steht, lässt sich heute noch auf den Tag bestimmen: Am 05. November 1846 wurde die erste Dampfmaschine in der „Optischen Industrieanstalt" von Emil Busch, dem Enkel Johann Heinrich August Dunckers, in Betrieb genommen. Da es die erste Dampfmaschine in Rathenow war, wurde sie bei der Ankunft mit Girlanden bekränzt und unter Musikbegleitung durch die Stadt zu ihrem Standort an der Brandenburger Straße gefahren. Selbstverständlich blieb sie nicht die einzige ihrer Art, auch andere Wirtschaftszweige nutzten die neue Antriebsart, wie die im Jahr 1848 entstandene „Dampfmühle" westlich der Langen Brücke.
Zu dieser Zeit beschränkte sich das Rathenower Stadtgebiet auf die mittelalterlich ummauerte Altstadt und die von der Zollmauer umgebene barocke Neustadt, in der eine große Anzahl der Grundstücke noch unbebaut war. Dazu gehörte auch die heutige Wilhelm- Külz- Straße, die damals nur „der Bauplatz" hieß und vollständig erst im 20. Jahrhundert bebaut wurde.
In der Stadt lebten etwa 6.000 Einwohner, wovon 67 im damals einzigen optischen Betrieb beschäftigt waren.
Die revolutionären Ereignisse der Jahre 1848/49 gingen auch an Rathenow nicht spurlos vorüber. Der sie mitauslösenden Wirtschaftskrise mit Hungersnot und hoher Arbeitslosigkeit versuchte die Regierung mit Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen zu begegnen, indem eine Reihe von Infrastrukturmaßnahmen in Auftrag gegeben wurden. Für Rathenow war eine solche Maßnahme ab 1848 der Bau der Chaussee nach Brandenburg über Bamme, Gräningen, Mützlitz und Marzahne. Die Eröffnung dieses wichtigen Verbindungsweges war imJahr1856.
Ein Indiz für die langsame wirtschaftliche Wiederbelebung war die Gründung einer zweiten optischen Fabrik: Schulze & Barthels, im Jahr 1851. Das letzte Gebäude dieser Fabrik, westlich der Hohen Brücke am Schwedendamm, wurde im Jahr 2006 abgebrochen.
Mit der Zunahme der Bevölkerung waren die Schulgebäude am Kirchplatz (Nr. 16 und 17) nicht mehr ausreichend, es wurde ab 1854 ein neuer Komplex am Weinberg errichtet, der auch heute noch Schulstandort für Grund- und Oberschule ist.
1857 und 1858 eröffnete je eine neue optische Fabrik. 1861 wurde der Rathenower Bankverein gegründet, sein 1893 eröffnetes Geschäftshaus beherbergt heute die Dresdner Bank. Die Firma Gebr. Picht entstand 1864, sie machte mit der Ausrüstung von Leuchttürmen den Namen Rathenow zusätzlich in der Welt bekannt.7' Die erfolgreichste Neugründung der Optik-Branche war zweifellos 1866 die der Firma Nitsche & Günther, aus der später die Rathenower Optischen Werke ROW entstanden?) In ihrem Verwaltungsgebäude befindet sich heute die Rathenower Stadtverwaltung.
Im gleichen Jahr 1866 begann in Rathenow die öffentliche Gasversorgung mit einem stadteigenen Gaswerk. Die zunehmend positive Entwicklung der Stadt drückte sich auch in solchen Maßnahmen wie der Verlegung des Königlichen Wasserbauamtes 1869 von Havelberg nach Rathenow aus. Gleichzeitig erfolgte der Bau der Eisenbahnlinie Berlin -Lehrte (Hannover), die 1871 eröffnet wurde
und der Rathenower Industrie wesentlich bessere Transportmöglichkeiten bot. Auch die regionalen Verkehrsverbindungen wurden stark ausgebaut, wie 1874 mit dem Chausseebau nach Rhinow und 1875 nach Friesack.
Neben der Optikbranche, wie der 1874 gegründeten Firma Lücke und Andre, deren schönes
Verwaltungsgebäude heute noch in der Bahnhofstraße 28 als Wohnhaus vorhanden ist, profitierte besonders der Bausektor von diesen Maßnahmen. So entstanden 1875 das Dampfsägewerk Ludwig Arndt in der Forststr., heute Standort des Pflegeheimes, und das Baugeschäft Gebrüder Wodtke, Rhinower Str. 1, deren großes Wohnhaus auch heute noch das Umfeld der Jederitzer Brücke dominiert, sowie die Maschinenfabrik Friedrich Richter in der Bahnhofstraße. 1878 folgte eine weitere Maschinenfabrik Otto Schmidt, die die Bauteile für die Havelwehre in Grütz und Gartz sowie für den Neubau der Langen Brücke in Rathenow lieferte.
Die gestiegene Wirtschaftskraft erforderte auch eine Ausweitung des Geldverkehrs. 1882 wurde die Westhavelländische Vereinsbank Rathenow, der Vorläufer der heutigen Volksbank Rathenow eG, gegründet.
Über die Einschätzung der damaligen wirtschaftlichen Entwicklung gibt sehr gut ein Artikel aus der Rathenower Zeitung vom 09. März 1884 Auskunft:
„Die günstigere Lage der Groß-Industrie befestigt sich auch im Regierungsbezirk Potsdam mehr und mehr. Im verflossenen Quartal haben größere Betriebseinstellungen, mit Ausnahme einer in Concurs gerathenen Tuchfabrik, die schon längere Zeit kränkelte, oder umfangreichere Arbeiterentlassungen, mit Ausnahme bei den Militär-Werkstätten in Spandau, welche ihr Personal erheblich reducierten, nicht stattgefunden. Dagegen sind etwa 45 Neuanlagen entstanden, darunter 15 neue Dampfkessel und 6 Locomobilen. Der Aufschwung der Glas-Industrie ist nachhaltig, namentlich in der Beleuchtungsbranche. Die Maschinen-Industrie hatte reichlich zu tun, doch lassen die niedrigen Preise zu wünschen übrig; daß aber der Verdienst immer noch leidlich ist, zeigt die Ausdehnung der Geschäfte und die Vermehrung des Arbeiter-Personals um 5 bis 6 Procent. Günstiger liegt die Metall-Industrie in Eberswalde und Umgegend, wo für fertige Waare verhältnismäßig gute Preise erzielt werden. Die optische Industrie in Rathenow ist bemüht, ihren alten guten Ruf zu erhalten. Es arbeiten dort 8 Fabriken, darunter 4 mit Dampfkraft. Beschäftigt werden ungefähr 700 Arbeiter. Die Lage der Tuchindustrie ist eine erfreuliche. Ein Zeichen der allgemeinen Besserung der wirthschaftlichen Verhältnisse ist, daß die Fabriken neuerdings fast nur Waare besserer Qualität anfertigen. Auch die Wollhutfabrikation in Luckenwalde und Brandenburg entwickelt sich in erfreulicher Weise. Die Zahl der Arbeiter ist nicht unerheblich vermehrt worden, und auch Lohnerhöhungen haben stattgefunden. Dagegen ist die Lage der Industrie in Webstoffen in Bernau, Zinna und Luckenwalde sehr zurückgekommen. -
Der Braunkohlebergbau in unserm Bezirk erfreut sich im Allgemeinen eines recht lebhaften Betriebes und hat wiederum an Ausdehnung gewonnen. Förderung und Absatz waren im letzten Quartaides vorigen Jahres gestiegen, doch wurden die Preise durch die Concurrenz der böhmischen und der schlesischen Kohlen auf mäßiger Höhe gehalten. Auf den Kalksteinbrüchen zu Rüdersdorf verliefen Betrieb und Absatz in regelmäßiger und günstiger Weise. An Arbeitskräften hat es bisher nicht oder doch nur an solchen Punkten gefehlt, wo ein bergmännisch geschulter Arbeiterstamm erst herangebildet werden muß. Die Lage der Arbeiter, auf welche die vorhandenen Knappschaftsvereine ihren günstigen Einfluß ausüben, ist, ebenso wie der Stand der Löhne, befriedigend."
Die Reihe der öffentlichen Investitionen wurde 1886 mit dem Bau des ersten Krankenhausgebäudes in der Paracelsusstraße fortgesetzt. Im gleichen Jahr wurde der Bau der Chaussee nach Milow abgeschlossen. 1887 begann der Aufbau der Zieten-Kasernen in der Bahnhofstraße, der Komplex wurde 1891 fertiggestellt.
1892 wurde Rathenow an das Fernsprechnetz angeschlossen, von 1893 bis 1895 entstand das neue
Kreishaus am heutigen Platz der Freiheit. Da die Stadtschleuse den Schiffsverkehr nicht mehr bewältigen konnte, wurde 1898 bis 1900 die neue Hauptschleuse errichtet. Ebenfalls 1900 wurde die Kreisbahn Rathenow - Senzke - Nauen, die „Stille Pauline", eingeweiht, deren letztes Teilstück 1964 stillgelegt wurde. Auf großen Abschnitten ihrer Trasse verläuft heute der Havelland-Radweg.
Im Jahr 1900 konnte Rathenow auf eine ohne Abstriche positive Entwicklung seit 1850 zurückblicken. Die Bevölkerungszahl war in den Jahren 1858 bis 1895 von 6.820 auf 18.450 Einwohner gestiegen und hatte sich so fast verdreifacht 1860 bestanden 655 Wohngebäude; bis 1900 war ihre Zahl auf 1.254 angewachsen. Am eindrucksvollsten fällt die Bilanz im Wirtschaftsbereich aus: 1847 bestand 1 optische Fabrik mit 67 Arbeitern, im Jahre 1896 waren es 193 optische Firmen in denen 1900 mehr als 6.000 Menschen beschäftigt waren.
Quelle: Festbroschüre zum 125. Jubiläum der Volksbank Rathenow e.G.
Redaktionell bearbeitet von Hans- Jürgen Wodtke im August 2007
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