Paul Albrecht, ab 1945 Landrat des Kreises Jerichow II
von Hans- Jürgen Wodtke
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Paul Albrecht im Jahre 1945
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Paul Albrecht wurde ab dem 19. August 1945 vom damaligen Kreiskommandanten der Roten Armee zum Landrat im Kreis Jerichow II ernannt. Er bestimmte bis zur Gebietsreform 1952 entscheidend die Entwicklung in einigen Orten des heutigen Landkreises Havelland.
Der Kreis Jerichow II bestand bis dahin aus 88 Dörfern sowie den beiden Städten Jerichow und der Kreisstadt Genthin.
1952 wurden die Dörfer Bahnitz, Möthlitz, Nitzahn, Knoblauch, Jerchel, Milow, Steckelsdorf, Neue Schleuse, Grütz, Ebelgünde und Göttlin aus dem Kreis Jerichow II ausgegliedert und dem neu zugeordneten Kreis Rathenow angegliedert.
Die Dörfer Bützer,
Böhne, Vieritz, Zollchow, Schmetzdorf, Großwudicke und Buckow kamen vom Kreis Jerichow II bis 1958 zunächst noch zum Kreis Havelberg.
Paul Albrecht wurde am 07. Februar 1902 in Erfurt geboren und besuchte dort die Volksschule. Sein Vater war Arbeiter und seine Mutter Wäscherin. Albrecht erlernte in Erfurt den Beruf des Schlossers. Schon früh schloss er sich der Gewerkschaft an und wurde bald Gewerkschaftsfunktionär.
1929 nahm er als gewählter Vertreter an der 4. Arbeiterdelegiertenkonferenz in Moskau teil. Anschließend trat er der KPD bei. 1932 wurde Paul Albrecht in den Preußischen Landtag gewählt und kandidierte 1933 für den Reichstag.
In der Nacht des Reichstagsbrandes wurde er verhaftet und für über ein Jahr im KZ Sonnenburg eingekerkert.
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Genthin war zum Kriegsende mit Soldaten, Zivilisten und umherirrenden Heimatlosen vollgestopft
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Danach stand er unter ständiger Polizeiaufsicht, wurde 1937 erneut verhaftet und im KZ Sachsenhausen eingekerkert. Nach sechs Monaten wurde Albrecht entlassen und unter verschärfte Polizeiaufsicht gestellt. Er arbeitete in einer Berliner Firma als Werkzeugmacher und gehörte weiterhin zum illegalen kommunistischen Widerstand. Als 1943 durch einen Luftangriff seine Wohnung zerstört wurde, ging seine Frau zu Verwandten nach Genthin. Er musste zunächst in Berlin bleiben, konnte sich aber im Februar 1945 illegal nach Genthin absetzen. Dort versteckten ihn Genthiner Bürger bis zum Einmarsch der Roten Armee am 06. Mai 1945.
Durch intensive eigene Bemühungen und durch die Vermittlung von Freunden konnte Albrecht bereits sehr früh engen Kontakt zur sowjetischen Militärführung herstellen. So löste er bereits am 20. Mai den neu von der Roten Armee eingesetzten Bürgermeister Müller als Bürgermeister von Genthin ab.
Durch die engen Kontakte zum damaligen 1. Kreiskommandanten von Jerichow II, Oberstleutnant Chernow, wurde er dann am 19. August 1945 zum Landrat für den Kreis Jerichow II, berufen. Paul Albrecht löste damit den Kommunisten Dr. Meyer ab. Dieser hatte das Amt am 06. Juli 1945 von seinem Vorgänger, dem 1. Landrat des Kreises Jerichow II nach dem Kriegsende übernommen.
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Die Henkelwerke in Genthin
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Die Aufgabe des Bürgermeisters von Genthin wurde dem Kommunisten Gustav Dittmann übertragen. Sein Stellvertreter wurde der Sozialdemokrat und spätere Landrat von Stendal, August Langnickel.
Im Juli 1945 gelang es Paul Albrecht die vollständige Demontage des Persilwerkes durch die SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) erfolgreich verhindern. Unter seiner Führung als Bürgermeister gelang es, die schlimmsten Versorgungsengpässe in Genthin und dem nahem Umfeld zu lindern und das wirtschaftliche Leben im bescheidenen Umfang wieder in Gang zu setzen. Dabei stellte die Versorgung der unzähligen Flüchtlinge mit dem Allernötigsten die junge und noch unerfahrene Stadtverwaltung vor eine große Herausforderung.
Mit der Übernahme des Landratsamtes von Jerichow II ergaben sich für Albrecht, neue den gesamten Kreis und für die darin lebenden Menschen, betreffende Aufgaben mit wesentlich größerem Arbeitsumfang und wachsenden Schwierigkeiten.
War es zunächst die Organisation der Einbringung der Ernte in einem regenreichen Sommer 1945, so folgte die bedingungslose Umsetzung der Bodenreform in den Dörfern des Kreises.
Albrecht und seine Vertrauten waren überwiegend Arbeiter mit geringer Schulbildung und hatten von den Zusammenhängen in der Landwirtschaft nur geringe Kenntnisse. Damit kam es bei der Durchführung der Bodenreform zwangsläufig zu zahlreichen Fehlentscheidungen, Härten für Betroffene und volkswirtschaftlichem Unsinn. In der Folge verschärfte sich die Versorgungslage für den Kreis noch mehr.

Heute wissen wir, dass die Durchführung der Bodenreform in der sowjetischen Zone eine Entscheidung aus Moskau war. Damit gab es im Herbst 1945 im Osten keine Alternative zu deren Umsetzung. Allerdings waren die im Kreis Jerichow II in der Kommunalverwaltung eingesetzten Personen besonders ehrgeizige und damit auch willfährige Werkzeuge der Moskauer Politik. Sie sorgten unerbittlich, energisch und mit Härte für Umsetzung der "Verordnung für die Bodenreform in der Provinz Sachsen" vom 3. September 1945.
Die Bodenreform bildete neben allem Unrecht bis zur Willkür für die Enteigneten, aber auch eine Chance für die bis dahin landlosen oder landarmen Bürger des Kreises. Bot diesen doch das zugeteilte Land die Chance nicht mehr Hunger leiden zu müssen und vermittelte eine neue Perspektive für ihr weiteres Leben.
Unter der Führung von Albrecht wurden im Kreis Jerichow II 45820 ha Land enteignet und an 7.123 Familien aufgeteilt, darunter 3.391 Neubauern.
Mit der Neuaufteilung der landwirtschaftlichen Nutzfläche waren aber keineswegs deren Bewirtschaftung und damit die ausreichende Produktion von dringend im Kreis benötigten Nahrungsmitteln gesichert. In diesem Zusammenhang darf man auch nicht die gewaltigen Mengen an Nahrungsmittel vergessen, die für die Versorgung der riesigen Anzahl von Soldaten der Roten Armee bereitgestellt werden mussten. Deren Versorgung musste gesichert sein und das ohne Rücksicht auf die jeweilige Wirtschaftssituation in der Region.
In dem Beschluss zur Bodenform war auch die Bildung von regionalen Komitees der gegenseitigen
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Requirierung landwirtschaftlicher Technik
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Bauernhilfe verankert. Diese Komitees sollten besonders die Neubauern bei der Beschaffung von Zug- und Zuchttieren, Saatgut sowie Maschinen und Geräte unterstützen. Jedoch waren diese Einrichtungen 1945/46 wirtschaftlich schwach und es bestanden auch nur geringe Möglichkeiten der materiellen Unterstützung durch die von der SMAD ernannte Verwaltung. In dieser Situation erließ Albrecht eine Anordnung zur Requirierung von Traktoren, landwirtschaftlichen Maschinen und Geräten in den Dörfern des Kreises, ohne Rücksicht auf die Eigentumsverhältnisse. Damit wurden besonders auf größeren Bauernwirtschaften, die nicht unter Enteignung gefallen waren, Maschinen und Zugmittel beschlagnahmt und entschädigungslos enteignet. Die so "gewonnenen" Zugmittel und landwirtschaftlichen Geräte wurden den regionalen Komitees der gegenseitigen Bauernhilfe übergeben. Diese vermieteten dann die Geräte einschließlich Fahrer und Bedienung, vorwiegend an die Neubauern.
Im Frühjahr 1945 entstand auf Initiative von Albrecht eine Jugendtraktorenbrigade mit acht Traktoren
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Die Jugendtraktorenbrigade bestand aus bis zu 8 Lanz-Bulldog und weiteren landwirtschaftlichen Maschinen
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und dazugehörenden Landmaschinen aus dem Fond der requirierten Landtechnik. Diese Jugendbrigade unterstützte besonders die Neubauern, unter anderem auch in den Dörfern Großwudicke, Buckow, Böhne, Schmetzdorf, Zollchow und Möthlitz bei der Frühjahrsbestellung. Die jungen Leute leisteten mit „ihrer“ Technik einen enorm wichtigen Beitrag nicht nur für die jeweiligen jungen landwirtschaftlichen Betriebe, sondern schufen vielfach überhaupt erst die Voraussetzungen für eine erfolgreiche landwirtschaftliche Bewirtschaftung der Felder.
Die Einführung des Abgabesolls von landwirtschaftlichen Produkten brachte für viele
landwirtschaftliche Betriebe zum Teil unerträgliche Härten. Vom Landratsamt wurde für jede Bauernwirtschaft auf Basis der Betriebsgröße und Betriebsbeschaffenheit das Abgabesoll festgelegt. Es stieg progressiv mit der Betriebsgröße. Auf die Einhaltung des festgelegten Abgabesolls wurde mit aller Härte und unnachgiebig vom Landratsamt eingefordert. Auch die Neubauern fielen unter die Abgabepflicht, „Soll“ genannt. Doch die Abgabepflicht traf die mittleren und besonders die größeren Wirtschaften wesentlich stärker. Bei Widersetzung drohte Verhaftung, Verurteilung und Inhaftierung. Auf Anweisung von Albrecht wurden derartige Urteile in allen Dörfern des Kreises Jerichow II zur Abschreckung öffentlich ausgehangen.
Paul Albrecht verstarb im Alter von 83 Jahren, am 22. Mai 1985 in Genthin. Die letzten Jahre seines Lebens litt er an einem schweren Herzleiden und war fast vollständig erblindet.
Wenn man heute als später geborener ein Resümee über das Wirken von Paul Albrecht in der Zeit von 1945/46 geben will, hat man Mühe, sich in die Zeit, die Situation und in die Zwänge zu versetzen, in der sich damals solche Menschen wie Paul Albrecht befanden. Er wurde durch die bescheidenen Verhältnisse in seiner Kindheit und Jugend und auch durch sein unter dem deutschen Faschismus Erlebtes für sein ganzes Leben geprägt. So hatte er hat die Verfolgung und Ermordung Andersdenkender erlebt und kannte Diktatur sowie Terror gegen das eigene Volk. Trotzdem hat auch er sich zum Teil der gleichen Instrumente beim schweren Aufbau nach dem 2. Weltkrieg und zur Sicherung seiner Macht bedient. Quellen belegen, dass er panisch mit Andersdenkenden umging bzw. deren "Behandlung" mit Härte veranlasste.
Für ihn zählten nicht das fachliche Wissen und die Erfahrung sondern an erster Stelle stand die Treue zur Partei bzw. zu deren Zielen.
Quellen belegen, dass durch dieses Verhalten von Albrecht auch positiv zur neuen Ordnung stehende Menschen aus dem Kreis Jerichow II vertrieben, andere auch verhaftet und verurteilt wurden.
In einer heutigen Beurteilung von Albrecht darf man aber auch nicht die Zwänge vergessen, in denen er sich befunden haben muss. Da waren auf der einen Seite die Forderungen der SMAD und deren bedingungslose Erfüllung.
Auf der anderen Seite standen die immer noch starken reaktionären Kräfte, die nur unter Zwang bereit waren, von ihrer Position zurückzuweichen. Vergessen darf man auch nicht seine mangelnde Verwaltungserfahrung und die weitaus bessere Schulbildung, die so mancher seiner Widersacher besaß.
Aber es ist Menschen wie Paul Albrecht auch zu verdanken, dass das gesellschaftliche und organisatorische Chaos unmittelbar nach dem Kriegsende überwunden wurde und das unzählige entwurzelte Menschen wieder Lebensmut und eine Perspektive für ihr weiteres Leben bekamen. Besondere Verdienste haben sich Paul Albrecht und seine Mitstreiter auch beim Kampf gegen den Hunger in den Nachkriegsjahren erworben. Neben seinen organisatorischen und rhetorischen Fähigkeiten konnte Albrecht Menschen begeistern und motivieren. So hat er schon sehr schnell zuerst nur die Jugend von Genthin und später auch die des gesamten Kreises Jerichow II für seine Ideen und für den Aufbau eines neuen Lebens im Kreis Jerichow II begeistern können.
Quellen:
1) „Die demokratische Bodenreform“ vom Verlag Volk und Wissen, Volkseigener Verlag Berlin, 1952
2) „Auf dem Wege zur revolutionären Arbeitereinheit“ von Paul Albrecht
Herausgegeben durch die Kommission zur Erforschung der Gegenwart der Geschichte der örtlichen Arbeiterbewegung der Kreisleitung Genthin, 1986
3) „Grünes Herz zwischen Hoffnung und Abschied“ von Hubert Hundrieser
Wage-Verlag 2005
Bilder: aus 2) , Archiv Havelland-Kiosk und Archiv Wodtke
Collagen Hans- Jürgen Wodtke
Redaktionell bearbeitet von Hans- Jürgen Wodtke im September 2007
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| Kommentar: | 1 |
| von: | Tomas Lenk, geb. Albrecht |
| am: | 16.10.2007 |
| um: | 19:01:48 |  | |
| Kommentar: | Langer Artikel über meinen Großvater. Leider hat sich der Fehlerteufel eingeschlichen. Mein Opa starb nicht in Genthin, sondern in seiner Wohung in Halle/Saale. Weitere kleinere Fehler haben sich eingeschlichen und werden von mir in den folgenden Tagen berichtigt.
MfG Tomas Lenk, geb Albrecht |
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