Der Kümmerer
von Günter Thonke
Den Alten sagt der Pfarrer: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder...!“ Und die ganz Alten werden es wieder und bereiten den Jungen Probleme. Da heißt es, Opa läuft heute wieder nicht rund. Schaue doch mal aufs Barometer, ob es Wind und Regen oder gar Sturm gibt. Mein Reißen zwickt mich auch schon.
So war es schon vor Zeiten gewesen in allen Generationen.
Nur haben es die Alten vergessen, was sie als Junge erlebten.
Fragt man alte Leute nach Altersgenossen, so heißt es: „Ick kenne keene mehr, sint alle lang doot. Et gefft nur noch junge Dachse. Deei huet all Rente kriejn, deei heff ick noch över de Dööp hollen!“
Damals, ja damals, da waren alle noch fromm oder taten so!
Et geiht ok daohne, in der Liebe, beim Aufwachsen oder Krank sein.
Nur wenn der Gevatter Hein ans Tor klopft beginnt das Wehklagen!
„Nur wer nichts hat, der kann nichts verlieren,“ kräht Opa oft aus seiner Kammer, „und wenn ich Hundert werde krieg ich `nen Telegramm von Erich!“ -„Wilhelm“, so wurde er nur genannt, wenn es ernst gemeint war, „Wilhelm, der ist längst tot! Die DDR die gibt es nicht mehr und das neue Geld stapelst du immer weiter!“
„Ja, ja, nur eine Pulle Schluck bekomme ich in der Woche. Eine Woche ist lang; nur mit Wassernachfüllen, reicht der Bedarf. Mein Hals braucht den Koem und auch das danach bis zum Darm. Dann klappt auch der Morgengruß!“
Ein halbes Jahrhundert hat er mit den Seinen und lange ohne Frau im Haus gelebt. Den Kümmerer nannten sie ihn im Dorfe. So es alle erfreute, warum auch nicht, denn geteilte Sorgen sind halbe und geteilte Lust verdoppelt sich. Heute tat ihm die Windstille gut, das Zipperlein hatte ihn nicht, doch Pustekuchen meinte der Alte:
„Windstille ist nur in der Hose bei mir!
Da war es aber einmal sehr stürmisch gewesen!“
Nur für das Gewesene gibt es leider nichts mehr!
Redaktionell bearbeitet am 06.11.2007 von Robby Schmalz
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