Die Wanderung der Seelen
von Günter Thonke
Das Beschlagen beherrschte der Großvater aus dem Eff-Eff.
Er beruhigte die Beißer und Schläger auf seine Art, sprach mit ihnen, dass sie die Ohren spitzten und die Prozedur über sich ergehen ließen.
Mit allen Tieren kommunizierte er, im Alter mehr als mit den Leuten.
„Opa hat`n Mall“, sagten die Enkel. Das hatten sie aufgeschnappt, bewunderten und liebten ihn darum und trotzdem. Sie wollten unbedingt einmal selbst Rentner werden, um Geld und Zeit zu haben.
Für seine Geschichten hatten sie immer ein Ohr.
Kam die Frage auf die Oma, deren Grab auf dem Kirchhof sie pflegen halfen, so mit Blumen gießen, hacken und harken, nach ihrer Seele und Leib, so hatte er seine eigene Version dieser Dinge.
„Aus dem Leib wird wieder Erde und daraus der erste Mensch. Der Adam wurde doch aus Lehm geformt. So steht es in der Bibel.“
„Und der Zweite?“
„Das war doch die Eva aus seiner Rippe!“
„Ach so, - aber dann und danach?“
Da lenkte Opa verlegen auf die Seelenwanderung seiner Sicht ab.
„Eine Seelenwanderung kann sehr lange dauern. Zuerst wird jede Seele eine Mücke. Stirbt wer, sagt man er hat die Mücke gemacht. Viele werden Heusprengsel, die hässlichen Pferdebremsen, doch schöne Seelen auch Schriddebolds, Libellen und Schmetterlinge.“ - „Und dann?“
„Ja dann schnappt sie der Frosch, ein Vogel oder ein Raubfisch. Immer fressen die Großen die Kleinen! Wir Menschen genießen aus der Pfanne Hecht, Aal, Gans und Ente!“
„Da hat ja keiner eine Chance ins Paradies zu kommen!“
„O doch! Nur den der Storch verschlingt, der hat eine Chance!“
„Ha, die scheißt er dann auf das Kirchendach und der Pastor tobt über den Bekleckerer. Dort ist doch nicht das Paradies?“
„Das liegt hinter dem Äquator in Afrika. Wenn die Störche im August nach Süden fliegen, sind die Seelen bei ihnen. Hinter dem Äquator fliegen sie auf dem Rücken, weil sie bei den Antipoden sind und ihre Poden nach oben zeigen müssen.“
Ungläubig schüttelten die Kinder ihre Köpfe.
„Laufen da die Menschen etwa auf den Händen?
„Die ich kenne haben davon weiße Handflächen, es könnte also sein!
Redaktionell bearbeitet am 06.11.2007 von Robby Schmalz
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