Das falsche Gesangbuch
von Günter Thonke
So der Kirchturm eine Uhr hat, so stelle die Deine danach.
Mit einem falschen Gesangbuch triffst du nicht den richtigen Ton.
Das war so, das ist so und es wird so bleiben im Land.
Alle werden verbraucht wie sie sind und die Gütigen ohne spitze Ellenbogen bleiben auf der Strecke. Werden Pfarren eingespart, muss der Pastor sich doppelt und mehr bemühen. Will er gleich ein neues Gesangbuch einführen, so stößt er auf Granit. Auch in einem Obrigkeitsstaat gab es Widerspruch. In diesem Falle kannte man die alten Verse aus dem Kopf und brauchte sich neue nicht erst zu erlesen. Wie soll man den Kindern helfen, wenn über Nacht alles anders wird.
Kurzum, die neuen Gesangbücher der Eingemeindeten wurden zurückgeschickt. Ein Bote stellte sie beim Pfarrer in einem Korb ohne ein Wort in den Flur. Nur ein Zettel teilte mit, dass es nicht der Person des Pastors und Seelsorgers gelte. Sie aber wollen trotzdem beim alten Gesangbuch bleiben. Das hätte dieser am Ende schweren Herzens akzeptiert, nur als beim nächsten Gottesdienst die jungen Burschen durcheinander grölten, verzweifelte er und sah dahinter die Staatsraison in Gefahr und eine Revolution kommen. Er fürchtete, dass aus Böhmen gekommene Sektierer aus einem Nachbardorf offene Ohren bei seinen Leuten gefunden hatten, um Unruhe gegen die bestehende Ordnung auszulösen.
Redaktionell bearbeitet am 06.11.2007 von Robby Schmalz
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