Brodelnd steigen Brandrauche
von Karl-Heinz Hipke
Im Einsatztagebuch der Feuerwehr Rathenow steht vermerkt: „26. März 1962, 17.36 Uhr, Pförtner vom Rat des Kreises meldet Dachstuhlbrand im Kreishaus."
Eine kurze dokumentarische Niederschrift verkündet über Seiten den Fortlauf des Brandes und seine Bekämpfung. Bis weit nach Mitternacht zeichnete die Feder des Zentralisten der Feuerwache Meldungen und Anforderungen von der Brandstelle ins Einsatztagebuch. Dann kommt das im Bericht in der letzten Zeile benannte Wort „Schluss"
mit doppelt rot unterstrichen, was aussagt, dass der Brand gelöscht und die Einsatzkräfte in ihre Standorte abgerückt sind.
Meinen Beitrag für den diesjährigen Heimatkalender möchte ich so noch nicht enden lassen, sondern will den geneigten Lesern ein Bild schaffen, wie ich den Brand im Kreishaus miterlebte. Was ich somit in die Tat umsetze.
Seit Dienstschluss tagt die Leitung der Parteiorganisation Feuerwehr im Klubraum der Wache. Kontrolle der Beschlüsse und Maßnahmen der Parteiarbeit stehen auf der Tagesordnung. Im Kollektiv wird beraten, wie die Lösung der Aufgaben garantiert werden kann. Vorschläge werden eingebracht, erörtert, verworfen und für gut befunden. Der Beratung setzt die Alarmglocke plötzlich ein Ende. Das gellt durch die hohen Flure und Räume, wenn der Klöppel wie rasend ans Metall schlägt. Tote könnten auferstehen. Stühle kippen, hastig wird zur Mütze gegriffen, und schon laufen die ersten Genossen. Lichtgeschrieben steht am Tableau „TLF — LF". Stumm am Leuchtkasten, überlaut der Rasselwecker, rufen beide Signale die Löschmannschaften zum Fahrzeug. Eiliges Getrampel vieler Füße auf den Treppen. Die Stufen überspringend, am Geländer festhaltend, zum Sprung ansetzend, geht es wie im Fluge hinunter in die Fahrzeughalle. Die Motoren beider Löschfahrzeuge brummen. Schnell waren die Maschinisten zur Stelle und starteten die Maschinen. Geräuschvoll singen sie nun ihr Lied. Die Aufbauten vibrieren leicht, so wie die Weichen eines edlen Rosses, das den Reiter spürt und auf die Sporen wartet, um zum Sprung anzusetzen.
„Alles drin?" ruft der Löschgruppenführer und gibt seinem Maschinisten den Befehl
„Fahrzeug marsch". Der drückt dem 80pferdigen Motor die „Sporen", und ab schießt das TLF und nach ihm das LF aus der Halle, dem Brand entgegen.
Hinten im Mannschaftsraum zurren die Männer an den Kinnriemen, schnallen den Hakengurt fest. Einige ordnende Handgriffe am Kampfanzug prüfen den Sitz der Schutzbekleidung. In diese Tätigkeit hinein der Ruf des Kommandeurs: „Dachstuhlbrand im Kreishaus, Angriffstrupp mit C-Rohr ausrüsten. Wasserentnahmestelle Überflurhydrant an der Notenbank." Diese Angaben können bereits getroffen werden, da der Löschgruppenführer über ein gutes operativ-taktisches Studium der Lage am Objekt verfügt.
Die an diesem Tage des kommenden Frühlings nach Hause eilenden Bürger bleiben stehen und blicken den unter Alarm fahrenden roten Fahrzeugen nach.
War der eben vorgehabte Gang noch so wichtig, jetzt muss erst einmal geschaut werden, wo die beiden Löschfahrzeuge hineilen. Sie biegen in die Forststraße ein — stellt der eine und der andere fest. Das ist in der Stadt. Nach außerhalb geht es diesmal nicht. Kinder eilen hinterher. Die Genossen im Fahrzeug, außer Fahrer und Löschgruppenführer, haben keine Gedanken für die Straße, sie überlegen nochmals, was sie alles zu tun haben. Ihre Pflicht kennen sie, haben es ja aus dem täglich Geübten beherrschen gelernt; dennoch ist es immer wieder erforderlich, in Gedanken die spezifischen Merkmale durchzugehen. Jeder Handgriff muss sitzen, soll der Angriff Erfolg bringen. Das Kreishaus ist erreicht. Vorher spähte ich schon nach Qualm aus. Jetzt sehe ich aus dem Dach, eine Rauchsäule quirlen. Nun ist es meine vordringlichste Aufgabe, gemeinsam mit dem Gruppenführer die Lageerkundung vorzunehmen. Wo brennt es, was brennt, sind Menschen in Gefahr? - Dinge, die zum Grundsätzlichsten gehören, sind dem Feuerwehrmann in Fleisch und Blut übergegangen. Peinlichst genau muss alles bedacht werden, um dem Brand das richtige, gekonnte Paroli zu bieten. Wollen Sie einmal mitkommen auf so eine Lageerkundung? So entscheiden Sie sich, Eile tut not.
Im schnellen Laufschritt über die Straße. Schon sind wir im Kreishaus. Der Pförtner ruft, dass es links, im neu ausgebauten Dachstuhl brennt. Ein Sprung über die Sperrkette, so geht es hastend die Stufen hinauf, die Flure entlang, höher zum Dachboden. So, da wären wir. Keuchende Lungen! Das Herz schlägt bis zum Halse! Verdammter Qualm, runter auf die Knie, ja, hier ist noch frischere Luft als 50 cm höher. So, nun kriechen. Ich dachte, dass das nur den Soldaten beschieden ist, als ich vor Jahren zum ersten Brand fuhr, aber hier bei der Feuerwehr ist es ebenfalls eine notwendige Maßnahme, um an den Feind zu kommen. Sind Sie noch da? Ja, dann vorwärts!
Hier steht Lodrian mit seiner Armee von Tausenden von kleinen und größeren Brandteufeln. Hier hat das feurige Element sein Werk der Vernichtung begonnen.
Knisternde, fauchende, pfeifende, rasselnde, krachende Laute dringen in die Ohren, als wäre die Armee Lodrians mit ihren feurigen Mäulern beim Mahle und schwingen im Tanze und stritten sich Zechbrüder im lauten Krawall.
Himmel, die Flammen nagen überall. In den Hohlräumen, die von Leichtbauplatten geschaffen, steigt die glutrote Pracht an die Decken. In die hinteren Räume zum Westgiebel lassen die Flammen keinen voran. Hier liegt eine feurige Barriere. Links fressen sich die Flammen schlangengleich in die Balken und Sparren des Saalbodens. Über die abgeschlagenen Räume rast das Feuer im Dachgebälk.
Ausmaß und Richtung sind festgestellt. Zurück und den Entschluss, hier sofort die Bekämpfung des Brandes aufzunehmen, in die Tat umsetzen zu lassen. Das bewerkstelligt jetzt der Löschgruppenführer. Ich muss weiter zum Saalboden. Das geht aber nur über den Nebenaufgang. Also hinunter die Treppen und hinauf die Stufen zum rechten Boden und dann durch zum Saalboden. Donnerwetter, das macht warm. Schon klebt die Kleidung schweißnass am Körper, die Augen brennen vom Qualm. Aber darauf achtet man jetzt nicht. Noch gilt es, die Lage über dem Saal zu erkunden. Feuer muss in die Gewalt gebracht werden, ist nunmehr der einzigste Gedanke.
Unterwegs, auf diesen Ritt über die Treppenstufen, kommt der Leiter der Rathenower Feuerwehr mir entgegen. Kurze Schilderung der Lage meinerseits und Anweisungen seinerseits. Dann bin ich auf dem zweiten Boden.
Im Saalboden züngeln schon die Flammen. Tausende rote Punkte, wie Glühwürmchen, glimmen auf dem Bretterfußboden. Sie tanzen
schon den Festtagswalzer. Es knistert, als rauschten herrliche Seidenroben anmutiger Frauen vorüber. Trugbild letzteres, wahre Wirklichkeit: Lodrian bläst zum Sturm auf diese Festung „Saalboden".
Kaltblütig bleiben und Maßnahmen richtig einleiten, so denke ich. Allein bin ich hier oben nicht mehr. Kollege Haake vom Bau ist da, diesen beauftrage ich damit, hierher Verstärkung zu bringen. Schon kommen die Gefährten und schleppen unter Anstrengung die Schläuche heran. Fredi Schulze ist dabei: „Hier ist ,er' drin, Fredi!" rufe ich dem Löschmeister zu, „lass das Feuer nicht weiter - Deine Aufgabe!" Die Antwort: „In Ordnung, Genösse". Es bedarf nicht vieler Worte. Auch so verstehen wir einander. Wie soll es auch bei erfahrenen Feuerwehrleuten anders sein.
Hier läuft jetzt der Angriff. Lodrian wird arg bedrängt von dem Strahlrohrführer Lawrenz und seinem Truppmann Sigurd Gothan. Unten an den Schläuchen arbeitet Herr Fahlenberg mit und hilft die Leitungen verlegen.
Unermüdlich arbeiten die Einsatzkräfte. Verstärkung wird vom Einsatzleiter angefordert. Die Lage ist erkundet - die Befehle gegeben. Jetzt habe ich ein wenig Zeit zum Verschnaufen. Der Platz der Freiheit ist voller Menschen, die zum Kreishaus hinaufsehen, wo die Funken nur so sprühen und der Qualm brodelnd aus einem Hexenkessel, wie in alten Märchen ähnlich, kommt. Die starke Wärmekonvektion reißt Brandrauche und Glutreste empor. Ein schauriges Spiel des Elementes.
Werden sie es schaffen oder brennt der gesamte Dachstuhl ab? So fragen sich bangen Herzens die Frauen. Schweigend stehen sie. Kinder weinen. Blass so manches Antlitz und feucht nicht nur Kinderaugen. Erst vor kurzem aufgebaut, steht jetzt der Dachstuhl in Flammen. Was mag hier die Ursache sein? Immer wieder brennt es. Hoffentlich schaffen es die Feuerwehrleute. Noch weiß keiner, dass ein Schweißfunken den Brand verursachte. Man möchte den Menschen zurufen, Leute, wir haben Lodrian in der Zange, er richtet keinen weiteren Schaden mehr an
, als er jetzt noch zu leisten vermag. Der Brand ist lokalisiert, und oben kämpfen die Genossen. Ihr seht zwar nicht, wie anstrengend jeder Balken, jede Latte dem Brand entrissen wird. Aber dort oben stehen Männer, wie Unterleutnant Lorenz, die wissen, was sie wollen. Jetzt kommen die von dem Genossen Oberleutnant Lang angeforderten Kräfte. Freiwillige Feuerwehren aus Rathenow, Göttlin, Premnitz und Wudicke. Auch die Brandenburger 26-m-Drehleiter ist eingetroffen. Sie wurde angefordert, um vorsichtshalber zur Stelle zu sein, sollte Lodrian dennoch allen Anstrengungen hiesiger Löschkräfte trotzend in den Saalboden eindringen.
Aber es ist nicht mehr erforderlich. So wird die Leiterbesatzung zur Restablöschung im linken Teil des Gebäudes eingesetzt. Noch einmal rafft Lodrian seine Kräfte zusammen. Dachgebälk stürzt ein. Schutt, Glut und Wasser unter sich begrabend. Deckenlastig beschweren Balken, Ziegelschutt, Kalkmörtel und Leichtbauplatten die oberen Räume.
Gefahr besteht für die unteren Etagen. „Räumen", kommt der Befehl des Einsatzleiters der Feuerwehr. Schon greifen Hunderte Hände zu. Frauen, Männer, Jugendliche, Sowjetsoldaten, Volkspolizisten und die unermüdlich wirkenden Helfer der Berufsfeuerwehr, die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehren.
Vorbildliches wird in kürzester Zeit geleistet. Die Wassermassen durchdringen die Decke. Also ran mit Scheuerlappen und Eimer. So „löschen" die freiwilligen Feuerwehrmänner auf ungewöhnliche Art. Oben geht ein Kräfte zehrender Kampf zu Ende. Die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr sind zur Ablösung angetreten. Durchnässt, verdreckt gehen die Genossen der Berufswehr in vorläufige Ruhestellung. Lobend sprechen sich die Männer über den wärmenden Bohnenkaffee aus, den die Kreisverwaltung zur Verfügung stellte. Draußen erledigen jetzt die Kameraden der Freiwilligen Feuerwehr unter der bewährten Leitung des Oberbrandmeisters Böhrs die Aufräumungsarbeiten gemeinsam mit der Reserve der Berufswehr.
Scheinwerfer lassen die Brandstelle im Licht erstrahlen. Emsig arbeiten die Männer. Der beißende Qualm hindert oftmals bei der nicht alltäglichen Arbeit. Der Dreck liegt zäh. Dielen müssen aufgebrochen werden, da hier der Brand hineingefressen hat. Kreuzlahm macht so eine Arbeit. Nicht nachlassend setzen die Männer ihre Aufräumungsarbeiten fort, bis die letzte Schaufel Schutt klatschend auf die Straße fliegt, eher gibt es keine Ruhe.
Inzwischen sind Bauingenieure dabei und sichern gemeinsam mit Bauarbeitern den linken Giebel. Elektriker verlegen Lichtkabel und schaffen zusätzlich Beleuchtung. Beim Ratsvorsitzenden wird entschieden, wie die sofortige Behebung des Brandschadens zu erfolgen hat. Die über die Brandstelle hereingebrochene Nacht ist zum Tage für die Männer und Frauen geworden, die sich mühen, alles zu ordnen, so dass am nächsten Tag die Arbeit weitergehen kann.
Viele von ihnen, wie die Männer der Freiwilligen Feuerwehr, sind zur „dritten Schicht" angefahren.
Auch der letzte Einsatz geht mal seinem Ende zu.
Die Scheinwerfer erlöschen, Brandwache wird gestellt, und nach dem Befehl zum Abmarsch werden Schläuche und Material verladen. Die Einheiten rücken in ihre Standorte ab. Als letzte verlassen die Rathenower Berufsfeuerwehrmänner die Einsatzstelle.
Die letzten Schläuche rollen sie gerade auf die Haspel, als der Pförtner jemanden von uns an das Telefon ruft. Eine neue Meldung kommt von Premnitz. Wohnhausbrand in der Milower Straße.
"Alarm" ruft der Kommandeur, und die Männer eilen zu ihren Fahrzeugen, bereit, einer neuen Gefahr zu begegnen und sie abzuwenden, selbst wenn es gilt, unter Einsatz ihrer ganzen Person dafür einzutreten, Volksvermögen oder höchstes Gut, das Leben eines Menschen, zu retten. So bleibt mir am Ende meines Berichtes über diesen Brand im Rathenower Kreishaus nur noch übrig, all jenen den Dank im Namen des Zentralen Brandschutzorganes auszusprechen, die so unermüdlich geholfen haben, über diesen Brand Herr zu werden. Heute, nach einem Jahr, wo ich diesen Bericht niedergeschrieben habe, wurde durch die gute Arbeit unserer Arbeiter und Ingenieure vom Bau der Schaden längst wieder behoben, und das Bauwerk am Platz der Freiheit steht da, als hätte kein Brand jemals in ihm getobt.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1964, Seite 47-52, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet am 09.11.07 von Robby Schmalz
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