Ein Markttag in Rathenow vor 400 Jahren
von Hermann Behrens
Der Abend vor dem Markt:
In der Ziegelstraße wohnte vor etwa 400 Jahren in einem kleinen, niedrigen Häuschen nahe der Stadtmauer, Mutter Wiese. Niemand wußte, wie alt sie war. Solange man sie kannte, sammelte Mutter Wiese im Bruch oder im hohen Wald Heilkräuter. Aus diesen bereitete sie Tränklein und Tee für die Kranken; denn Apotheken gab es damals noch nicht. Heute, am Abend vor dem Herbstmarkte, war sie ganz besonders fleißig. Ihr Sohn wollte morgen für sie die Kräuter und Tränklein auf dem Markt verkaufen.
Die Glocke der Andreaskirche schlug bereits die elfte Stunde, und immer n
och standen die Fensterläden des Häuschens offen. Dicke Rauchschwaden strömten auf die Gasse hinaus. Der Stadtknecht Friedel hatte bereits seine dritte Runde durch die Stadt gemacht, denn zum Jahrmarkt schlich sich allerlei Gesindel ein. Als er eben wieder an dem Häuschen vorüberkam, fragte er: „Immer noch Licht? Was braut und kocht und schmort Ihr denn noch zu so später Stunde, Großmutter?“ Da ihm die alte Frau keine Antwort gab, legte er seinen Arm in die Fensteröffnung, um einmal Umschau in ihrem Stübchen zu halten. Nur mühsam konnten seine Augen das rauchige Zimmer überschauen, denn der mit Talg gefüllte Lichtnapf auf dem Tische erhellte die Stube nur notdürftig. Neben der einfachen Schlafstätte stand in der Ecke eine uralte Truhe, in der die Alte die gesammelten Kräuter aufbewahrte. Unbeirrt trippelte sie in der Stube umher. Bald nahm sie hier einen Topf vom Feuer, goß dort eine Flüssigkeit in bereitstehende Becher, holte ein Kräutlein aus der offenstehenden Truhe und rührte dann wieder im brodelnden Kessel. Sie hatte für den Zuschauer keinen Blick übrig. Endlich schien Mutter Wiese einige Minuten Zeit zu haben, denn mit schlürfenden Schritten näherte sie sich dem Fenster. „Friedel, ich habe heute keine Zeit für dich. Meine Tränklein sind für den Jahrmarkt noch nicht fertig. Ich muß mich sputen, um das Zimmer noch ein wenig in Ordnung zu bringen. Denkt doch nur, meine beiden Enkelkinder aus Lochow kommen morgen zu Besuch. Selbstverständlich wollen wir auf den Jahrmarkt gehen und uns einen schönen Tag machen.“ Sie reichte Friedel zum Abschied die Hand, und der wackere Stadtknecht stampfte weiter über das holprige Pflaster dem Jederitzer Tor zu.
Der Markttag:
Schon am frühen Morgen waren Otto und Anna, die beiden Enkelkinder Mutter Wieses, von einem guten Bekannten nach Rathenow gebracht worden. War das ein Jubel im Häuschen an der Stadtmauer! Die Kinder hatten sich schon das ganze Jahr auf diesen Besuch gefreut. „Großmutter! Großmutter! Jetzt gehen wir auf den Markt“, riefen sie und sprangen vor Freude um den Tisch herum. In allen Straßen und Gassen der Stadt wimmelte es von Einwohnern und fremden Gästen. Überall gab es plaudernde und lachende Menschenkinder. Auf dem Marktplatz wußten Anna und Otto nicht, wohin sie zuerst blicken sollten. Auf jedem freien Plätzchen standen Buden. „Jetzt wollen wir erst einmal Onkel Berthold besuchen“, sagte die Großmutter, „er wird sich darüber freuen.“ - „Dort am Marktbrunnen steht er ja!“ rief Otto, und die drei bahnten sich einen Weg durch die lärmende Menge. Onkel Berthold schien den meisten Zulauf zu haben. Von seinem erhöhten Stande aus rief er über den Markplatz: „Alt zu werden - Gottes Gunst, jung zu bleiben - Menschen Kunst!“
Auf seinem Schautische standen eine Unmenge Büchsen, Schachteln und Flaschen mit den wunderlichsten Aufschriften.
Da war zu lesen: Lebenswasser, Wunderpflaster, Stein des Himmels, Höllenstein, Wundersalz usw.
Der Andrang vor seinem Stande war so groß, daß er nicht wußte, wen er zuerst bedienen sollte. „Jetzt kauft unser Nachbar Brümmerstedt aus Lochow“, sagte Anna. Seine Kühe gaben seit einiger Zeit rote Milch. Daran sollten die Hexen schuld sein.
Um sie zu vertreiben, wollte er sie ausräuchern. Dazu brauchte er vierzig und noch mehr Kräuter. Mit saurer Miene bezahlte der geizige Bauer. Endlich hatte der Onkel einen Augenblick Zeit, um seine Mutter und die beiden Kinder zu begrüßen. Jedes von ihnen erhielt einen guten Groschen. Klein Anna zog die Großmutter schon ungeduldig an der Schürze. Die Zeit war so kurz, und es gab doch noch so viel zu sehen. Da war doch der Zahnbrecher Sasse vom Mühlenplatz. Der schrie mit hochrotem Gesicht: „Den Wurm, den Wurm ich packen kann, er greift so viele Zähne an. Kommt her zu mir, ich zieh' ihn keck, dann sind die Schmerzen alle weg!“ Da schob sich auch schon ein Bauer durch die Menge und setzte sich auf den bereitgestellten Schemel. Um die dickgeschwollene Backe hatte er ein rotes Tuch gebunden. Der Zahnbrecher nahm seinen „Haken“ und führte ihn in den Mund des Bauern. Aber so leicht ließ sich der feste Zahn nicht entfernen. Jämmerliches Geschrei ertönte, denn der Zahnbrecher schleifte den Bauern erst mehrere Meter hinter sich her.
Endlich - ein Ruck - und der Zahn war heraus! Mutter Wiese und die Kinder gingen anschließend zu den Schautischen. Am Rathaus hatten die Tuchmacher, die Gewandschneider, die Bandkrämer, die Wollhändler und die Leineweber ihre Waren ausgebreitet. Großmutter kaufte für Otto ein warmes Halstuch, und Anna bekam ein buntes Kopftuch. Während sie an der Bude standen, kam der Marktmeister und verlangte vom Händler Platzgeld. Plötzlich ertönte großes Geschrei. Ein fremder Mann war beim Stehlen einer Wurst ertappt worden. Der Stadtknecht Friedel nahm ihn beim Kragen und führte ihn unter Johlen der Menge nach dem Rathaus. Dort verbüßten schon zwei betrügerische Händler ihre Strafe.
Als Mutter Wiese mit ihren Kindern durch die Havelstraße ging, erscholl von der Rathaustreppe laute Musik. Fremde Künstler, fahrendes Volk genannt, wollten die Marktbesucher belustigen. Sogleich lief alles zur Rathaustreppe hin. Da zeigte einer seine Künste im Handstand, ein anderer schlug die schönsten Purzelbäume, und ein dritter verschluckte sogar einen Degen. Kaum war der Degenschlucker mit seiner Vorstellung zu Ende, trat ein vierter Künstler auf. Doch diesmal mußten die Zuschauer ihre Augen nach dem Himmel richten, denn dieser Mann zeigte seine Künste hoch oben in der Luft. Er hatte ein Seil vom Rathausdache zu einem gegenüberliegenden Hause gespannt. Atemlos standen die Leute, als jetzt der Waghalsige auf dem Seil nach dem Dach des Hauses lief. Bald ging es vorwärts, bald rückwärts, dann setzte er sich und drehte sich sogar im Kreise. Mit einer langen Stange, die er in den Händen trug, hielt er sich im Gleichgewicht. Dabei herrschte eine lautlose Stille, bis die kurze Vorstellung zu Ende war. Reicher Beifall belohnte den waghalsigen Mann, und viele Pfennige wanderten in die bunte Kappe seines Begleiters.
Vor dem Ratskeller standen Tische und Bänke. Dort traf die Großmutter den Bauern Brümmerstedt, der Otto und Anna wieder mit nach Hause nehmen wollte. Er forderte sie auf: „Setzt euch noch ein Weilchen und trinkt mit mir noch einen Krug Mumme (Bier).“ Sie tranken ihr Bier und schauten staunend auf den Mann, der hier seine wunderbaren Kunststücke vorführte. Er bat jetzt den kleinen Otto, ihm ein wenig behilflich zu sein.
Der Zauberer zeigte seinen leeren Hut, und alt und jung staunte, als der Junge ein Ei nach dem anderen aus dem großen Hut herausnahm. Noch viele andere Dinge führte er den Leuten vor. So etwas hatte man im Städtchen noch nicht gesehen. Der Mann schien mit dem Teufel im Bunde zu stehen. Noch viele andere Dinge führte er den Leuten vor. In Wirklichkeit war er kein Zauberer, sondern ein Taschenspieler, der mit großer Gewandtheit jedesmal ein Ei aus seinem Rockärmel in den Hut fallen ließ, ohne daß die Zuschauer es bemerkten. Noch stundenlang hätten die Kinder dem Zauberer zusehen können. Doch Brümmerstedts junger Pferdeknecht trat soeben in seinem neuen blauen Leinenkittel ein und sagte: „Ich habe angespannt!“ Die Großmutter drückte die Kinder noch einmal. „Grüßt zu Hause und kommt bald wieder!“ Und rumpelnd fuhr der Wagen dem Stadttor zu.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1963 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet am 07.11.07 von Robby Schmalz
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