Eine Aufbereitung der jüdischen Vergangenheit in Rathenow
Silvana Bialek, Dirk Schindelhauer, Marten Tews, Andy Wagner, Tino Erstling
Als Ergebnis ihrer Recherchen entstand eine informative Broschüre, deren Texte an dieser Stelle veröffentlicht werden. Zu dem wurde einige Jahre später ein weiteres Informationsheft von Schülern dieser Schule erstellt - der Stadtplan gegen das Vergessen. Beide Hefte sind als Original in der Bürgel-Schule erhältlich.
Einleitung
Die Geschichte der Juden - eine Geschichte der Verfolgung. Unsere Dokumentation zeigt die Geschichte der Juden in Rathenow während des Nationalsozialismus auf. Das Schicksal eines Mannes wird dabei im Vordergrund stehen. Das Schicksal von Egon Kornblum, einem Juden aus Rathenow.
Vor der Machtübernahme Hitlers lebten in Rathenow rund 100 Juden. Sie waren meist Kaufleute und Ärzte. Viele von ihnen galten als angesehen und erfolgreich, wie zum Beispiel Alex Grischmann. Er führte bis 1938 ein gut gehendes Schuhgeschäft in der damaligen Steinstraße. Die Geschäfte der Juden waren bei den Rathenowern, nicht zuletzt weg
en der niedrigen Preise, sehr beliebt. Andere Geschäftsleute empfanden jedoch Neid. Die Juden waren für sie eine unliebsame Konkurrenz. So kam es ihnen recht, dass Hitler am 1. April 1933 die Läden der Juden boykottieren ließ. Mit den Boykotten fing es an.
Schon vor seiner Machtübernahme am 30. Januar 1933 propagierte Hitler in seinem Buch "Mein Kampf" Judenhass. Hitler wollte die Juden aus Deutschland vertreiben. Das "Dritte Reich" sollte judenfrei sein. Bereits 1920 war im Parteiprogramm der NSDAP zu lesen: "Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist... . Kein Jude kann daher Volksgenosse sein." Die Ziele der Nazis waren damit klar abgesteckt. Am 30. Januar 1933 übernahm Hitler die Regierungsgewalt in Deutschland. Und es lag auf der Hand, dass er seine Ideen mit aller Härte verwirklichen wollte. Zwei Monate nach seinem Amtsantritt begann er mit der Realisierung seines "lang ersehnten Traumes". Hitler machte nun Ernst.
"1. April 1933 Marschbefehl gegen die Juden - und die SA Hitlers trat an." Die Losung wurde am 29. März 1933 von der Reichsparteileitung der NSDAP herausgegeben. - "Boykottiert jüdische Geschäfte/", "Kauft nicht in jüdischen Warenhäusern!", "Geht nicht zu jüdischen Rechtsanwälten!", "Meidet jüdische Ärzte!" und "Die Juden sind unser Unglück!". Wer sich nicht daran hielt, musste mit Folgen rechnen.
"Wir kauften damals im jüdischen Schuhgeschäft Alex Grischmann. Mein Vater ging mit mir in den Laden, vor dem sich am 1. April 1933 eine Menschenmenge angesammelt hatte - wir ahnten nichts Böses. Am Eingang standen SA-Leute und fotografierten jeden Kunden, der das Geschäft betrat. Trotzdem gingen wir in das Geschäft und ich werde das Gesicht von Herrn A. Grischmann, das seines Sohnes und das der Verkäuferin nicht vergessen - verzweifelt, betroffen und bestürzt. Unsere bescheidene Solidarität war ihnen gewiss, aber es war zu wenig, viel zu wenig.", erklärt Fritz Mewes. Dies war der erste Schritt auf dem unheilvollen Weg der Juden durch die Zeit im Nazideutschland.
Und diese Diktatur sollte noch 12 Jahre anhalten.
Auf ihrem Parteitag 1935 in Nürnberg beschlossen die Nationalsozialisten, nun mit Gesetzen härter gegen die Juden vorzugehen. Sie beschlossen das "Reichsbürgergesetz". Damit wurden die Juden zu Menschen zweiter Klasse erklärt. Durch das "Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" wurde sogar die Ehe zwischen Ariern und Juden verboten. Ab 1935 war fast das gesamte öffentliche Leben für die Juden tabu. Kino, Theater und Konzertbesuche wurden ihnen untersagt. Jüdischen Ärzten wurde das Praktizieren nicht mehr gestattet.
Viele wichen dem Druck der Nazis. So auch Dr. Salomon Marcus, ein Arzt aus Neue Schleuse. Mit einer Überdosis Morphium setzte er seinem Leben ein Ende, wenige Tage bevor er deportiert werden sollte.
Ihren vorläufigen Höhepunkt fand die Hetze gegen die Juden in der Nacht vom 8. zum 9. November 1938, in der so genannten "Reichskristallnacht". Auslöser der von langer Hand vorbereiteten Aktion war der Mord an einem Beamten der deutschen Botschaft in Paris. Der Botschaftsangehörige wurde erschossen. Der Täter war ein 17jähriger deutscher Jude, dessen Familie wenige Tage zuvor aus Hannover nach Polen ausgewiesen wurde.
In der einen Nacht zerstörten die Nazis 119 Synagogen, 7.500 Geschäfte sowie zahlreiche Wohnungen und Friedhöfe. Der brandschatzende Mob, bestehend zum größten Teil aus SA-Leuten, richtete einen Schaden von 25 Millionen Reichsmark an. 30.000 Juden wurden verhaftet, 91 getötet. Von nun an beschlossen die Nazis, noch härter gegen die Juden vorzugehen. Ab 1941 mussten sie in der Öffentlichkeit einen gelben Judenstern gut sichtbar am Kleidungsstück als Erkennungszeichen tragen. Einen „Schlussstrich“ zogen die Nationalsozialisten am 20. Januar 1942. An diesem Tage fanden sich hochrangige SS- und SD-Offiziere zur Wannseekonferenz zusammen. Dort wurde die „Endlösung der Judenfrage“ beschlossen.
Alle europäischen Juden sollten in speziellen Vernichtungslagern untergebracht werden. Namen wie Auschwitz, Bergen Belsen, Treblinka, Theresienstadt … werden im Gedenken an die Judenvernichtung immer im Gedächtnis verankert bleiben.
„Du bist kein Deutscher, du bist ein Jude"
Wenn man versucht, über das Schicksal der Juden, die einst in Rathenow gelebt haben, etwas zu erfahren, wird man nur schwer an Auskünfte gelangen. Lückenreich erweisen sich die Berichte von Augenzeugen, und spärlich sind die im Stadtarchiv aufbewahrten Unterlagen über Juden. Die einzige Möglichkeit, Konkretes zu erfahren, war, Egon Kornblum einzuladen und zur Thematik zu befragen. Dieser Mann hat den Holocaust überlebt und kann durch seine persönlichen Erlebnisse zeigen, wie das Leben seiner Familie im Nationalsozialismus in Rathenow aussah. Egon Kornblum wurde als drittes Kind des jüdischen Kaufmanns Alfred Kornblum am 15. Mai 1918 in Rathenow geboren. Sein Vater besaß ein Herrenartikelgeschäft in der Steinstraße 7. Die Familie lebte hinter dem Geschäft in einer kleinen Wohnung, die dem Apotheker Schulze gehörte.
Egon Kornblum besuchte die Volksschule in der Baustraße. Mit zehn Jahren ging er zum Gymnasium, weil er aber den Lernstoff nicht bewältigte, wechselte er in die Jahnschule, die er mit der "Mittleren Reife" verließ. Ab 1933 war es für Schulabgänger schwer, eine Lehrstelle zu finden. Egon Kornblum hatte Glück und wurde 1934 von der Firma "Witzel & Co." in der Jägerstraße 90 eingestellt. Da das Unternehmen zur optischen Industrie gehörte, erlernte er die Herstellung von Metallbrillen.
Aber nicht nur das lernte er, sondern auch, dass die arische Rasse die auserwählte Herrenrasse ist und alle anderen minderwertige, nichtlebenswerte Unterrassen sind. Im Rassekundeunterricht wurden Juden mit Ratten verglichen, die man ausrotten muss. Durch seine Klassenkameraden und Lehrer war er täglich Beleidigungen und Angriffen auf seine Persönlichkeit ausgesetzt.
Als die Lehre 1937 beendet war, verweigerte man ihm die Zulassung zur Gesellenprüfung, weil er der jüdischen Glaubensrichtung angehörte. Mit Unterstützung des Arbeitsamtes versuchte er eine Arbeitsstelle zu finden. Trotz einer guten Beurteilung von seiner Ausbildungsfirma, die beschreibt, dass "... Herr Kornblum äußerst willig, ehrlich und aufmerksam ..." ist, empfing ihn immer eine kühle und ablehnende Haltung des nationalsozialistisch gesinnten Betriebsrats (z.B. der Firmen "Busch" oder "Nitsche & Günther"). Erst ein Jahr später fand er Arbeit als Hilfsarbeiter bei Zimmerleuten auf dem Bau für einen Stundenlohn von 50 Pfennigen. „Als ich damals dem Polier sagte, ich sei Jude, gab er zur Antwort: , Dann werden Sie im Kriegsfall nicht eingezogen und können weiter hier arbeiten. Ich mache den Quatsch sowieso nicht mit. Bei mir können Sie sofort anfangen. "
Von dem Boykott jüdischer Geschäfte, Ärzte und Rechtsanwälte am 1. April 1933 war auch die Familie Kornblum betroffen. Der Vater, Alfred Kornblum, verlor sein Geschäft, und die Familie musste aus ihrer Wohnung ausziehen, da es persönliche Differenzen mit dem Vermieter gab.
Eine neue Unterkunft fanden sie im Hause "M. Conitzer & Söhne GmbH" in der Berliner Straße 22. Dieses Kaufhaus war eines der bekanntesten und beliebtesten Geschäfte in Rathenow. Doch auch das "Conitzer" überlebte den Boykott nicht und wurde 1938 widerrechtlich enteignet.
Alfred Kornblum arbeitete nach dem Verlust seines Geschäftes nun im Auftrag des Warenhauses "Conitzer" und besuchte dessen Kunden, damit diese auch weiterhin ihre Artikel aus dem reichhaltigen Angebot des Kaufhauses beziehen konnten. In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 entflammte der Zorn eines Adolf Hitlers und seiner Gefolgschaft gegen die Juden auch in den Gemütern von Rathenower Nationalsozialisten.
Egon Kornblum hörte am Morgen des 10. November 1938 im Baubetrieb, wie ein Arbeiter zu einem anderen sagte: "Du,
die hauen den Judentempel kaputt.". Er ging zum Polier, der ihm erlaubte, für kurze Zeit die Arbeitsstelle zu verlassen. Sofort fuhr er mit seinem Fahrrad nach Hause und erzählte dem Vater, der dem Vorstand der Rathenower jüdischen Gemeinde angehörte, was er eben erfahren hatte.
Alfred Kornblum ging in die Külzstraße und sah das Unfassbare, was er seinem Sohn nicht geglaubt hatte. Vor der Synagoge hatte sich eine Menschenmenge versammelt. Niemand durfte ins Haus hinein. Da man das jüdische Gebetshaus nicht in Brand stecken konnte, weil der arische Hausmeister im ersten Stock wohnte, drangen etwa zwanzig SA-Männer in das Gebäude und holten Gebetsbücher und Thorarollen heraus. Diese wurden zusammen mit dem Leichenwagen auf dem Hof verbrannt. Hasserfüllt wurden das Inventar, Fenster, Bänke, wertvolles Porzellan und Altargeräte zerstört. Viele Schaulustige jubelten und klatschten, doch einige Nachbarn und Bekannte sahen dem Geschehnis erschrocken und entsetzt zu. Die, die sich gegen diese Tyrannei äußerten, wurden sofort festgenommen und abtransportiert.
Alfred Kornblum konnte das sinnlose Zerstören der Synagoge, des heiligsten und kostbarsten Gebäudes in seiner Glaubenswelt, und das tatenlose Zusehen der Polizeibeamten nicht fassen. Bis 1942 war er der festen Überzeugung, dass die Polizei im NS-Staat der Gerechtigkeit und nicht der Politik der Nazikader diente. So machte Alfred Kornblum 1941 das Polizeipräsidium darauf aufmerksam, dass "auf dem Judenfriedhof Grabdenkmäler zerstört worden sind und ein großes Loch in die Friedhofsmauer geschlagen worden ist." Ein Ermittlungsverfahren ergab, dass sechs aus Neufriedrichsdorf und Rathenow stammende Kinder, die der Hitlerjugend angehörten, den Schaden von 500 RM verursacht haben sollen. Im Protokoll gab zum Beispiel der zwölfjährige Gerhard W. an, dass er in Berlin verbrannte Judentempel gesehen hat, und Bernhard H. war der Meinung, dass "Juden unser Unglück" sind.
Unter Schock wandte sich Alfred Kornblum von der Synagoge ab und ging nach Hause. Auf der Höhe der Post kam ein Polizist über die Straße, der ihn erkannt, hatte und rempelte ihn absichtlich an. Es war gerade der Polizeibeamte, der ihm seinen Wandergewerbeschein ausgestellt hatte, damit Alfred Kornblum die Waren des Kaufhauses "Conitzer" verkaufen durfte. "Du Judenschwein hast mich angerempelt!" motzte er Alfred Kornblum an. Grund genug, den Mann zu verhaften und zum Polizeirevier, welches sich an der Schleusenbrücke befand und heute eine Buchhandlung ist, zu verschleppen.
Eine halbe Stunde wurde auf Alfred Kornblum eingeprügelt, zwei Zähne wurden ihm ausgeschlagen. Später kam ein Gestapokommissar in die Zelle: "Herr Kornblum, Sie bluten ja." "Ich habe mich gestoßen", war seine Antwort. Hätte er die Wahrheit gesagt, wäre der Polizeibeamte wiedergekommen und hätte auf ihn weiter eingeschlagen.
Alfred Kornblum war der erste Jude, der in Rathenow verhaftet wurde. Im Laufe des Tages wurden alle männlichen Juden ins Gefängnis gebracht. Ihnen wurde das Geld abgenommen, und man schaffte sie mit Autobussen zur Gestapo nach Potsdam. Von hier aus wurden die Jüngeren später in das KZ Sachsenhausen verschleppt. Auch Egon Kornblum hätte dieses Schicksal ereilt, doch er hat Glück gehabt. Er besuchte einen jüdischen Freund an diesem Nachmittag. Als die Mutter des Freundes erfahren hatte, dass einige Mitglieder der jüdischen Gemeinde verhaftet worden sind, hatte sie Angst um ihren Sohn und schickte Egon nach Hause.
Jetzt, wo er von den Verhaftungen erfahren hatte, konnte er nicht mehr in Rathenow bleiben und ließ sich von der Mutter den Koffer packen. Am 12. November 1938 fuhr er für einige Tage zu Verwandten nach Berlin. Aus Angst, von Schnüfflern verraten zu werden, fuhr er mit seinem Fahrrad viele Schleichwege bis zum Bahnhof. Selbst auf dem Bahngelände fühlte er sich nicht sicher und versteckte sich bis kurz vor Abfahrt des Zuges auf der Toilette. Bis Mittwoch, den 15. November, wohnte er bei seiner Tante in Berlin, dann reiste er zurück nach Rathenow. Um nicht verhaftet zu werden, legte er sich am Donnerstag ins Bett und spielte eine Erkältung vor. Dass die SA keine Ausnahme macht, daran hatte er nicht geglaubt.
Am Freitagabend kam der Vater aus Potsdam zurück und erzählte unter Tränen, was mit ihm in den letzten Tagen geschehen war. Weil er über 60 Jahre alt war, wurde er aus der Haft entlassen. Er riet seinem Sohn, nicht in Rathenow zu bleiben, da ihn hier viele erkennen könnt
en, und dann wäre es sicher, dass er nach seiner Verhaftung in ein Konzentrationslager deportiert werden würde.
So fuhr Egon Kornblum am Sonnabend zum Cousin des Vaters nach Berlin/Karlshorst. Nach acht Tagen kam er zurück und stellte einen Ausreiseantrag. Keinen Tag länger wollte er in diesem ihm nun so fremden Deutschland leben. Doch es war nicht leicht, dem Nazideutschland zu entfliehen. England nahm keine deutschen Juden mehr auf, und für die Einreise nach Amerika brauchte man eine Bürgschaft für fünf Jahre von Verwandten oder Bekannten. Die einzige Möglichkeit war Shanghai, wo eine Schiffskarte genügte, um einreisen zu können. Den beantragten Pass übergab ihm im Januar 1939 gerade der Polizeibeamte, dem sein Vater die ausgeschlagenen Zähne zu verdanken hatte. "Wir würden Ihnen empfehlen, nicht zu erzählen, was Sie hier gesehen haben. Unser Arm reicht auch bis Shanghai", erinnert sich Egon Kornblum an seine Worte.
Seine Eltern haben nie glauben können, dass etwas Schlimmes mit ihnen passieren könnte und schon gar nicht, dass es Krieg geben wird. Sie wollten nicht mit nach Shanghai. Doch zu spät erkannten sie, welches grausame Schicksal allen Juden in Deutschland zukommen sollte. Eine Flucht war nicht mehr möglich, und wie viele andere jüdische Familien wurden auch sie ins Warschauer Ghetto verschleppt. An den unmenschlichen Behandlungen starb Alfred Kornblum 1942. Über den Tod seiner Frau ist nichts bekannt.
Am 25. März 1939 verließ Egon Kornblum seine Heimatstadt Rathenow, und einen Monat später traf er in Shanghai ein. Seinem Bruder gelang schon zwei Wochen vorher die illegale Flucht nach Palästina. In Shanghai wurden die Juden in Lagern untergebracht. Egon Kornblum arbeitete als Hilfspfleger im Laboratorium des Shanghaier Isolierkrankenhauses. Je länger der zweite Weltkrieg andauerte, um so schlechter ging es auch den 19.000 Emigranten. Die deutsche Regierung verlangte auch von Japan, KZ's und Gaskammern zu bauen. Zum Glück widersetzte Japan sich dem Druck. Zwar wurden Judenghettos errichtet, doch unterschieden sie sich wesentlich von jüdischen Lagern in anderen von den Nazis besetzten Ländern. Durch die Not wurde in den Lagern oft gestohlen und das Diebesgut verkauft. Auch der wertvolle elterliche Schmuck, den Egon Kornblum von seinem Vater bekommen hatte, war in dem kleinen Koffer verstaut gewesen. Da Schränke kaum zur Verfügung standen, war er eine leichte Beute.
Als der Krieg zu Ende war, gingen nur wenige Juden zurück nach Deutschland, viele zogen Israel als neue Heimat vor. Mit einem Gemeinschaftsvisum und einer Bürgschaft von einem jüdischen Hilfskomitee in der Tasche, welches garantierte, dass die Einwanderer fünf Jahre dem Staat nicht zur Last fallen würden, ging Egon Kornblum im Mai 1948 nach Seattle/USA. Auf der Überfahrt nach Manila lernte er seine spätere Frau kennen. Sie war Jüdin aus Karlsbad. Da sie nicht in die USA einreisen durfte, machte er ihr den Vorschlag, nach Israel zu gehen. 1950 wurde dann die Hochzeit im israelischen Städtchen Kefar Saba gefeiert. Auch Tochter Judith und Sohn David wurden hier geboren.
Aus wirtschaftlichen Gründen kehrte Egon Kornblum 1958 nach Deutschland zurück und lebte mit seiner Familie glücklich in Borbeck bei Essen.
Der heutige Rentner hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch Vorträge über den Holocaust ein Vergessen zu verhindern.
"Für den Rechtsradikalismus gebe ich einen großen Teil der Regierung Schuld, dass sie nicht genügend für die Aufklärung tut, ...."
"Ich betrachte mich heute als Jude in Deutschland und nicht mehr als deutscher Jude."
Ein anderes Schicksal...
... aus Rathenow, welches von den Anfängen der Judendiskriminierung berichtet. Gerhard E. und Frida C. waren ein glückliches Paar und schmiedeten Hochzeitspläne, um ihr Glück zu vollenden.
Aber die Mutter von Frida C. war Jüdin, was zu schweren, teilweise bürokratischen Hindernissen führte. Damit Gerhard E. seine Verlobte, die im damaligen Amtsdeutsch als "jüdischer Mischling 1. Grades" bezeichnet wurde, heiraten durfte, brauchte er eine schriftliche Genehmigung. So schrieb er am 6. April 1938 an den Regierungspräsidenten, der das Landesamt Rathenow benachrichtigte, welches den Fall an das zuständige Standesamt weiterleitete.
"Für jeden Verlobten ist ein besonderes Anlageheft anzulegen, denen die von den Verlobten auszufüllenden Fragebogen vorzuheften sind. ", lauteten die Anweisungen des Regierungspräsidenten des Regierungsbezirks Potsdam. Dieser "Fragebogen zu der beantragten Eheschließung" war sehr genau und befragte die Verlobten zu sehr persönlichen Angelegenheiten. Zuerst mussten die Antragsteller Angaben zur Person und zur schulischen Ausbildung machen. Gerhard E. wurde am 12. September 1914 in Berlin geboren. Er war evangelischen Glaubens und besuchte die Volksschule. Nach dieser machte er eine Kaufmannslehre und war danach als kaufmännischer Angestellter bei der Firma Nitsche & Günther tätig.
Dann folgten die entscheidenden Fragen:
Gehören Sie der NSDAP oder deren Nebengliederungen an? nein
Haben Sie vor 1933 einer politischen Partei angehört? nein
Haben Sie einer Loge oder logenähnlichen Verbindung angehört? nein
Waren Sie im Arbeitsdienst? ja
Haben Sie in der Wehrmacht gedient? ja
Haben Sie am Weltkrieg teilgenommen? nein
Haben Familienangehörige in der Wehrmacht gedient? nein
Haben diese am Weltkrieg teilgenommen? ja
Dieselben Angaben über ihre Persönlichkeit und ihre Tätigkeit für das Gemeinwohl des deutschen Volkes mussten über Vater, Mutter, Großvater und Großmutter väterlicher- und mütterlicherseits gemacht werden.
Frida C. wurde am 4. Juli 1918 in Rathenow geboren. Sie war evangelischen Glaubens, besuchte auch die Volksschule und erlernte den Beruf einer Verkäuferin. Auch sie musste sich den peinlich genauen Fragen stellen. Bei ihrer Mutter sowie ihren Großeltern mütterlicherseits erschien bei der Frage nach ihrer Religion das Wort "israelisch". Trotzdem wurde sie evangelischen Glaubens erzogen, weil ihr Vater dieser Glaubensrichtung angehörte. Die Verlobten mussten sich "gemäß Paragraph 3 und 16 der Ersten Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schütze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" vom Gesundheitsamt ärztlich untersuchen lassen. Der untersuchende Arzt war bei beiden Dr. Reinicke, Hilfsarzt am staatlichen Gesundheitsamt Rathenow, welches sich in der Bismarckstraße 2 befand.
Auf dem Untersuchungsbogen erschienen wieder Angaben zur Person, aber auch Beschreibungen über Charakterentwicklung, Pubertät, Alkoholgenuss/Rauchen und Umweltverhältnisse. Diese Verhältnisse wurden bei Gerhard E. als geordnet bezeichnet; bei Frida C. hingegen wurden natürliche Umstände als Besonderheit aufgefasst: "lebt mit ihrer Mutter, die Volljüdin ist, in gemeinsamem Haushalt". Auch sieht man im Untersuchungsbogen, dass die Verlobten ein uneheliches Kind hatten, welches am 21. März 1939 geboren worden war. Im beiliegenden "Ergänzungsbogen" steht bei Gerhard E. unter "Rassische Merkmale": (Dabei ist darauf hinzuweisen, inwieweit die Lichtbilder die Merkmale gut oder weniger gut zum Ausdruck bringen. Nicht im Lichtbild zum Ausdruck kommende Abweichungen im Aussehen sind genau anzugeben.):
Schädel: lang mit ausladendem Hinterhaupt
Gesicht: mittelbreit
Nase: mittelhoch, schmal
Nasenrücken: gerade
Kinn: leicht zurückweichend
Haarfarbe: blond
Haarform: leicht wellig
Augenfarbe: grau
Rassetyp: vorwiegend nordisch
Frida C. wurden Merkmale unterstellt, die sie nichtarisch identifizierten: "Bei der Antragstellerin ist der Einschlag vorderasiatischer Rasse erkennbar. Die hierfür kennzeichnenden Merkmale sind die bereits vorhandene Neigung zur Beleibtheit mit angedeutetem Doppelkinn. Die Schädelform ist nicht kurz mit abfallendem Hinterhaupt, sondern vielmehr rund. Die Nase wirkt ziemlich massig, sie ist auf der Vorderansicht gut zu erkennen, sie ist an der Spitze leicht gebogen (s. Seitenansicht)."
Am Schluss bekam jeder von ihnen gegen eine Gebühr von 5,- RM eine von Dr. Reinicke unterzeichnete Bescheinigung, in der steht: "Nach dem vorstehenden Befunde und den sonstigen Feststellungen ist der Frida C. (bzw. Gerhard E.) von einer Eheschließung abgeraten worden."
Das Standesamt benachrichtigte am 1. Dezember 1939 den Regierungspräsidenten: "Der Antragsteller hat den Antrag auf Befreiung von dem Ehehindernis gemäß Paragraph 3 der 1. Verordnung zur Ausführung des Gesetzes zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre vom 14. November 1935 zurückgezogen. Das Verlöbnis ist jetzt gelöst."
"Ein Schicksal im Dritten Reich - besiegelt durch Menschen, die dem Wahn eines Adolf Hitlers verfallen waren."
Die jüdische Gemeinde in Rathenow
Die Geschichte der jüdischen Gemeinde in Rathenow beginnt im Jahre 1371. Markgraf Otto schenkte der Stadt in diesem Jahr zwei Juden. In der Urkunde, die die Schutzherrschaft des Rats über zwei jüdische Familien begründet, hieß es: "Die Vertreibung der Juden 1510 aus der Mark Brandenburg betraf auch die in Rathenow lebenden Familien. 1714 zählte die Judenschaft 13 Familien mit 28 Personen weiblichen Geschlechts und 29 Personen männlichen Geschlechts."
Laut Volkszählung vom Jahre 1926 lebten in der Havelstadt zu diesem Zeitpunkt 112 Juden. Sieben Jahre später registrierte man 110 Juden, davon 54 Männer und 57 Frauen. Angesichts der Gesamtbevölkerung von 28043 Personen war es eine verschwindend geringe Zahl.
Trotz dieser kleinen Anzahl besaß die jüdische Gemeinde einen eigenen Friedhof sowie eine Synagoge in der Fabrikenstraße 2, der heutigen Wilhelm-Külz-Straße. Unter den in Rathenow lebenden Juden befanden sich viele Kaufleute, aber auch Ärzte wohnten in Rathenow.
Während der Zeit des Nationalsozialismus erfuhren diese Menschen ein ebenso hartes Schicksal wie viele tausend andere Anhänger der jüdischen Religion in anderen Teilen des Reiches.
Ein besonders trauriges Ende nahm das Leben des Arztes Dr. Salomon Marcus. Der bei seinen Patienten wegen seiner Bescheidenheit und Gutmütigkeit beliebte Mediziner praktizierte im heutigen Rathenower Ortsteil Neue Schleuse.
In der Nacht vom 9. zum 10. November 1938, der so genannten Reichskristallnacht, wurden die Fenster seines Hauses in der Göttliner Straße 55 von nationalsozialistischen Rassefanatikern eingeworfen. Bald darauf wurde durch das Berufsverbot für jüdische Ärzte auch die Praxis von Dr. Salomon Marcus geschlossen. In der Nähe des Ortes Steckeisdorf befand sich eine landwirtschaftliche Vorbereitungsschule für jüdische Auswanderer nach Palästina. Dorthin flüchtete Dr. Salomon Marcus. Dr. Ezra Ben Gershom, ein Rabbinersohn, wurde in diesem Heim ausgebildet. Nachdem ihm die Flucht nach Jerusalem gelungen war, berichtete er unter dem Pseudonym Joel König in seinem Buch "Aufzeichnungen eines Überlebenden" folgendes über die letzte Lebensperiode des Dr. Salomon Marcus: "Seit einiger Zeit lebte bei uns im Landwerk ein alter jüdischer Arzt aus Neue Schleuse, von dessen Existenz wir bis dahin nicht einmal gewusst hatten. Seine Praxis hatte er als Jude ja schon längst aufgeben müssen.
Er war jetzt etwa 70 Jahre alt. Die Gestapo hatte ihm befohlen, binnen 24 Stunden zu den anderen Juden ins Landwerk überzusiedeln. Wir räumten ihm das Nachtwächterzimmer in der Sommervilla ein. Auf dem Weg zur Arbeit wurden wir manchmal von Dorfbewohnern angeredet, die sich gelegentlich nach ihm erkundigten und uns herzliche Grüße an ihn auftrugen... Zwischen dem alten Mann und uns bildete sich bald ein Verhältnis scheuer Sympathie heraus. Er trug es mit bewundernswürdigem Gleichmut, dass er vier Kilometer von seinem langjährigen Besitz in einer engen Kammer hausen musste. Er hielt sich oft im Lesezimmer auf, und oft machte er ausgedehnte Rundgänge durch das Landwerk. In den letzten Dezembertagen bekam Dr. Salomon von der Gestapo den Befehl, sich an einem bestimmten Tag bei der Landgendarmerie zum Abtransport zu melden. Was mochte dieser neue Ausdruck bedeuten? Zufällig hatte ich in der Nacht vor dem festgesetzten Tag Nachtwache. Auf meinem Rundgang öffnete ich auch die Tür zu Dr. Salomons Zimmer. Da stockte mir der Atem. Kalter Schweiß läuft mir über den Rücken. Auf seinem Bett liegt unser guter alter Doktor, den ich noch vor ein paar Stunden über Büchern gebeugt im Lesezimmer gesehen habe, bleich wie Wachs. Das Kinn hängt ihm herab. Sein Gesicht ist grässlich aufgedunsen und verzerrt. Die Augen sind geschlossen. Ich habe noch nie einen Toten gesehen; noch zweifle ich. Doch alle Anzeichen, sein Aussehen, die unbewegte Brust, der Geruch,
der von ihm ausgeht, sind eindeutig. Er wird nicht mehr leiden müssen. Mit einem bisschen Morphium hat er der Qual ein Ende gesetzt. Jetzt kann ihm keine Gestapo mehr etwas anhaben. Er ist bereit zum "Abtransport".“
Nicht nur Dr. Salomon Marcus hatte unter den schlimmen, unmenschlichen Zuständen dieser Zeit zu leiden. Denn schon viel früher, bereits am 15. Dezember 1935, kam es zu Provokationen von Seiten der SA gegen das größte jüdische Geschäft in Rathenow, das Warenhaus Conitzer. In einem zeitgenössischen Dokument, einem Brief des Zentralvereins der Juden in Deutschland an das Reichswirtschaftsministerium in Berlin werden die Ereignisse dieses Tages wie folgt beschrieben:
Auf Grund von Angaben betroffener Geschäfte tragen wir folgendes vor: "Am Sonntag, dem 15. Dezember 1935, (Silberner Sonntag) waren die Einzelhandelsgeschäfte in Rathenow/Havel in üblicher Weise von 13 bis 18 Uhr geöffnet. Gegen 13.30 Uhr erschienen Personen in SA-Uniformen in der Hauptstraße und wurden nach einem bestimmten Plan vor sämtlichen jüdischen Geschäften verteilt, so dass je nach Größe des Geschäftes mehrere Leute ab 14 Uhr vor dem Geschäftseingang Posten standen und patrouillierten. Im Laufe des Nachmittags wurden die Posten teils abgelöst, teils sogar verstärkt. Kauflustige wurden behelligt und immer darauf hingewiesen, dass sie in jüdischen Geschäften nicht kaufen sollen. Pünktlich mit Geschäftsschluss um 18 Uhr verließen auch die uniformierten Leute ihre Plätze vor den Geschäften. Der Vertrauensrats-Obmann des größten jüdischen Geschäftes in Rathenow wandte sich an die Ortspolizeibehörde, ohne eine Abhilfe zu erreichen.
Insgesamt sind etwa 10 jüdische Geschäfte mit ca. 200 Angestellten von dieser Maßnahme betroffen.
Das größte jüdische Geschäft am Platze, die Firma M. Conitzer & Söhne, beschäftige allein 140 Festangestellte und zu Weihnachten 16 Aushilfskräfte. Die Geschäftsinhaber fürchten, dass dieser Boykott sich insbesondere am Samstag, dem 21. Dezember, Sonntag, dem 22. Dezember (Goldener Sonntag) und am 24. Dezember wiederholen wird. Wir bitten deshalb unter Bezugnahme auf die Stellungnahme des Herrn Reichswirtschaftsministers, nach der das Weihnachtsgeschäft ungestört bleiben soll, die zuständige Behörde möglichst umgehend zu einem Eingreifen
zu veranlassen und darauf hinzuwirken, dass die Behörde der befürchteten Wiederholung dieser Boykotte vorbeugt."
Der letzte Absatz des Schreibens spiegelt die Naivität der Juden dieser Zeit wider. Man glaubte allen Ernstes, etwas gegen die zielgerichteten Provokationen und Diskriminierungen von Seiten des Staates ausrichten zu können. In der Dezernentenbesprechung am 16. Oktober 1934 wird beschlossen, den jüdischen Ärzten in Rathenow seitens des Wohlfahrtsamtes keine Patienten zur Behandlung mehr zu überweisen.
Den Nazis waren alle Mittel recht, solange sie das Ziel erfüllten, Juden zu demütigen, sie ins Abseits zu drängen, ihre Existenz zu vernichten, sie also auszuschalten. 1941 warfen die Rathenower Stadtwerke die Frage auf, ob den Juden die Benutzung der Omnibusse im Linienverkehr gestattet werden soll. In der Verwaltungsberatung am 22. Juli desselben Jahres besprach man die Frage eingehend. Sie wurde von den Beigeordneten verneint.
Die Rathenower Synagoge in der Fabrikenstraße 2 war ein im Grundbuch des Amtsgerichts Rathenow Band 65 Blatt 3646 verzeichnetes Grundstück. Unter dieser Nummer lassen sich auch heute noch viele Akten finden. Unter anderem der folgende Kaufvertrag vom 15. November 1938: Laut dieses Vertrages überlässt die Synagogengemeinde zu Rathenow der Stadtgemeinde das Grundstück in der Fabrikenstraße 2 zu einem viel zu niedrigen Preis von 500 Reichsmark. Unter § 3 ist vermerkt, "der Gesamtkaufpreis ist auf ein Sperrkonto der Stadtsparkasse Rathenow zu Verfügung des Reichs, des Staates bzw. der Verkäuferin einzuzahlen." Damit ist nicht gesagt, dass die Summe überhaupt der jüdischen Gemeinde zur Verfügung steht. Wie die Rathenower Juden um ihren Gemeindebesitz betrogen worden sind, wurden sie auch um ihre Existenz gebracht. Mit dem Ausgang des zweiten Weltkrieges fand auch die Geschichte der Rathenower jüdischen Gemeinde ihr Ende.
Der jüdische Friedhof
Im Jahre 1904 verlangte die Stadt Rathenow die Schließung des jüdischen Friedhofes in der Fabrikenstraße, der jetzigen Wilhelm-Külz-Straße, denn er lag vor der Zollmauer der Neustadt. Die Juden der Stadt erhielten außerhalb von Rathenow bei Neufriedrichsdorf ein anderes Gelände. Auf dem alten Judenfriedhof wurden keine Toten mehr begraben. Die Stadt versprach damals, das Land 50 Jahre lang nicht in Anspruch zu nehmen.
Während der Herrschaft der Nationalsozialisten unter Hitler wurde der jüdische Friedhof in der Neufriedrichsdorfer Straße geschändet. Grabsteine sind von den Sockeln gestoßen worden, blieben aber größtenteils unbeschädigt. In verschiedenen Mauern waren Einschüsse zu erkennen, und die Umfassungsmauer des Friedhofs war eingestürzt.
Am 29. April 1948 stellte man den Antrag auf Wiederherstellung. Im Oktober des Jahres wurden die Arbeiten abgeschlossen, und die Schäden waren
behoben. Im Grundbuch des Amtsgerichts Rathenow Band 29 Blatt 2551 war der jüdische Friedhof eingetragen.
Am 10. Mai 1944 ließ der Oberbürgermeister von Rathenow an den Herrn Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg eine Mitteilung schreiben (s. S. 13). Im Juni desselben Jahres wurde mit dem Bürgermeister der Gemeinde Neufriedrichsdorf über den Kauf des Friedhofsgeländes verhandelt. Der Kaufvertrag sah vor, der Gemeinde das Grundstück mit einer Größe von ca. 736 Quadratmetern ohne Zahlung einer Ablöse zu überlassen. Lediglich 62,- Reichsmark für den Materialwert der Friedhofsmauer wurden gefordert.
Aus einer Ratssitzung vom 25. April 1949, wie Oberbürgermeister Szillat mitteilt, geht hervor:
Der Friedhof sei fertig gestellt und könne übernommen werden. Die entstandenen Kosten werden vom Bauamt und der Stadtgärtnerei getragen. Die Stadt solle die Verwaltung des Geländes übernehmen. In der Ratssitzung sprach man sich jedoch dagegen aus. Von Seiten der Stadt sagte man die jüdische Gemeinde oder der Landesverband der Juden solle den Friedhof verwalten. Dieser wiederum hatte dafür kein Geld. Die Verwaltung wurde also der jüdischen Gemeinde überlassen. Doch zu diesem Zeitpunkt, im Jahre 1949, gab es die Rathenower jüdische Gemeinde schon vier Jahre nicht mehr.
Nachwort
Vor mehr als fünfzig Jahren endete das grausamste Kapitel in der Geschichte der Deutschen, die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten unter Adolf Hitler. Mit ihm und der NSDAP fand auch die Verfolgung der jüdischen Menschen ein Ende. Gerade in diesem Jahr, dem fünfzigsten Jahr nach der Befreiung, gedenken Millionen Menschen der Opfer des Nationalsozialismus. Die Opfer waren zumeist Juden. Um eine erneute Katastrophe ähnlichen Ausmaßes zu vermeiden, bedarf es Aufklärung, speziell unter der jungen Generation in Deutschland.
Ein kleiner Beitrag dazu soll die Aufarbeitung der Geschichte der Rathenower Juden, speziell während der Zeit der NS-Diktatur sein. Niemand kann Geschehenes ungeschehen machen. Aufarbeitung, wenn auch in dem möglichen Rahmen, darf nicht mit „darauf herumreiten“ gleichgesetzt werden. Auch fünfzig Jahre danach ist es die Pflicht eines jeden Deutschen, gegen das Vergessen, gegen das Verdrängen und erst recht gegen das Beschönigen dieser Ereignisse jener Jahre anzukämpfen, jeder mit seinen oftmals eingeschränkten Möglichkeiten, jedoch ehrlich, ohne Scheuklappen vor den Augen und vor allem ohne falsche Scham.
Textautoren:
Silvana Bialek, Dirk Schindelhauer, Marten Tews, Andy Wagner, Tino Erstling
Herausgeber:
Projektgemeinschaft zur Aufarbeitung der jüdischen Geschichte in Rathenow Gesamtschule Bruno-Hans-Bürgel unter der Leitung von Dirk-Michael Keil
Erscheinungsjahr: 1993
Redaktionell bearbeitet am 09.11.07 von Robby Schmalz
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