Vor 325 Jahren - Dienstag, 15. Juni 1675 - das „Massacre in Rathenow"
von Wolfram Bleis
Vor 325 Jahren, im Frühjahr 1675, glaubten die Bewohner der nördlichen Mark Brandenburg, der 30jährige Krieg wäre mit all seinen Schrecken nach 27 Jahren wieder zurückgekehrt. Seit Jahresbeginn waren 16.000 Soldaten unter schwedischem Kommando aus dem damals schwedischen Pommern in die Mark Brandenburg eingefallen. Ziel dieser Aktion war, Kurbrandenburg aus dem Reichskrieg gegen Frankreich herauszulösen, da Schweden mit Frankreich verbündet war.
Das Eindringen der Schweden in die Mark Brandenburg konnte nicht ernsthaft verhindert werden, da die brandenburgische Armee unter dem direkten Kommando des Großen Kurfürsten am Rhein im Kampf gegen die französische Armee stand. Es dauerte nicht lange, und die schwedischen Truppen drangsalierten die brandenburgische Bevölkerung genauso wie es im 30jährigen Krieg der Fall gewesen war.
Ein Zeugnis davon ist der Brief eines Prenzlauer Bürgers an einen Rathenower Einwohner vom 12. Mai 1675: „Hier in Prenzlau siebet es gar wunderlich aus. Bloß an Hauptnahrungsmitteln liefert unsre arme Stadt den Schwedischen Völkern täglich 120 Tonnen Getränk; 40.000 Pfund Brot und 100 Ochsen, ohne noch viel andere Tractamente1 und die schwere GeldContribution2 zu rechnen. Und dabei plündern sie noch die Dörfer und Kirchen; stecken sie hier und da in Brand, und treiben überall das Vieh weg.
Mit den Leuten selbst wird nicht weniger tyrannisch hausgehalten. Mann durchbohret ihnen die Hände, wie der Herr Bürgermeister in Zedenik bezeugen kann, quält sie nackend ausgezogen, hängt sie auf, und rädert sie. Einige sind bis an den Hals eingegraben; unschuldige Kinder sind aus Lust und Übermut gemordet, Weibspersonen mit den Brüsten angenagelt, den Männern sind die G... mit Steinen zerschlagen, welches leider auch meinem armen Großvater Jeremias Braklauen wiederfahren.
Auch trichtern sie Schwedische Tränke ein; das machen sie also: Sie gießen den Leuten allerlei MistGauche und Unflath in den Hals und springen ihnen hernach auf die Leiber, bis die Gauche wieder zum Halse hinausläuft. Auch die Gräber bleiben ohne Anfechtung nicht. Was an Getreide nicht abgehütet wird, das schneiden sie ab, was von dem Viehe nicht fort will, das schießen sie tot; was sie nicht mitschleppen können, das wird mit Feuer vernichtet. Wo der liebe Gott nicht sonderlich hilft, wird mancher vor Hunger umkommen.
Denn es ist ein Krieg gar wunderlich; weiß sich auch kein Mensch danach zu richten." Rathenow wurde am 8. Juni (nach heutiger Zeitrechnung am 18. Juni) von den schwedischen Einheiten besetzt. Es handelte sich dabei um 6 Kompanien Dragoner unter dem Kommando des Obersten Wangelin, insgesamt etwa 650 Soldaten. Am 26. Mai war der Kurfürst nach diplomatischer Absicherung bei seinen Verbündeten vom Rhein aufgebrochen, um die Mark endlich von den Eindringlingen zu befreien. Da Havelberg und Brandenburg von größeren schwedischen Kontingenten besetzt waren, fiel die Wahl auf Rathenow, einen möglichst erfolgreichen Angriff auf die schwedische Armee zu führen, sie zu trennen und wenn schon nicht vernichten, so doch zum Verlassen des Landes zwingen zu können.
Die brandenburgische
Armee, bestehend aus der Kavallerie von etwa 5.000 Kürassieren und 800 Dragonern sowie 1.000 Infanteristen auf Wagen und 14 Geschützen, verließ am 12. Juni Magdeburg und lag am Abend des 14. Juni einige Kilometer vor Rathenow in Böhne. Der Kriegsplan sah vor, möglichst im Handstreich von Süden in die Stadt einzudringen, um dann der Hauptmacht die Tore öffnen zu können. Dazu wurden etwa 600 Musketiere mit Booten auf der Havel in Marsch gesetzt. Sie sollten den Angriff beginnen, wenn sie Kampflärm an den Havelbrücken hören würden. Um ihre Angriffspositionen zu erreichen, hatten diese Einheiten etwa 3 Stunden Zeit, nachdem sie etwa gegen 23 Uhr Böhne verlassen hatten. Etwa 400 Mann der Bootsbesatzungen unter dem Kommando des Generaladjutanten Kanowsky gingen unterhalb des Weinberges etwa beim ehemaligen Rosengarten an Land und erreichten nach einem anstrengenden Marsch über Feldwege wieder das Havelufer am heutigen Alten Hafen. Hier lag auf einer Insel, heute etwa vor der südlichen Schleuseneinfahrt, der kurfürstliche Eisenhammer. Über das dazugehörige Wehr erreichten die Soldaten trockenen Fußes das Gelände vor der Stadtmauer. Die Hälfte der Truppe wartete vor der Wasserpforte, die auch heute noch so heißt, die anderen 200 vor dem Steintor an der heutigen Schleusenbrücke, auf den Angriffsbefehl. Inzwischen spielte sich kurz nach 2 Uhr früh an der Hohen Brücke, heute unmittelbar westlich der Kreuzung vom Weidenweg mit dem Schwedendamm, die bekannteste Szene des Kampfes um Rathenow ab.
Der Feldmarschall Derfflinger überrumpelte mit einigen Freiwilligen, mit schwedischen Uniformen verkleidet, die Wache an der Zugbrücke der Hohen Brücke, so daß diese Brücke unbeschädigt in die Hand der Brandenburger fiel. Mehrere Schweden entkamen jedoch in der Dunkelheit und alarmierten die Wache an der Langen Brücke. Beim Vorrücken auf die Lange Brücke wurden die Brandenburger durch die zerstörten Brücken über 4 kleine Hochwasserdurchlässe im Steindamm, dem heutigen Schwedendamm, behindert, so daß ein schnelles Besetzen der beiden Zugbrücken auf der Langen Brücke, die erste in Brückenmitte, die zweite kurz vor dem Haveltor, etwa in Höhe des heutigen Kinos, nicht mehr möglich war.
Die brandenburgischen Dragoner unter Derfflinger stellten sich nun in Schlachtordnung südlich der Langen Brücke auf dem Westufer der Havel auf, etwa auf der Höhe des Hofes der alten Konsummühle. Der folgende schwedische Beschuß vom Haveltor aus forderte etliche Tote und Verwundete. Dieser Schußwechsel war das Signal für die an der Wasserpforte und am Steintor liegenden Truppen, den Angriff zu beginnen. Gleichzeitig landeten die restlichen 200 Musketiere mit ihren Booten unter Oberstleutnant Kanne auf der Halbinsel südlich des eh
emaligen Mühlenmeisterhauses, heute Vor dem Mühlentor l, und griffen die von der Wache am Haveltor, da sie dort keine Gefahr sahen. Erfolgreicher war der Angriff an der Wasserpforte.
Offensichtlich wurde sie nur von wenigen Schweden verteidigt, so daß die Brandenburger hier sehr schnell in die Stadt eindringen konnten, durch den Kirchgang zum Steintor gelangten, die dortige Wache überwältigten und ihren Kameraden das Tor öffnen konnten.
Am Mühlentor waren die Brandenburger inzwischen zurückgedrängt worden, bis sie unerwartet Unterstützung bekamen. Über das Gelände des heutigen Fußballplatzes und der Tennisplätze waren vom Schwedendamm aus 600 Infanteristen unter dem Kommando von Generalmajor Götze über das zerstörte Wehr am heutigen Hellers Loch geklettert und über den Mühlendamm in den Rücken der Schweden am Mühlentor gelangt. Mit dieser Übermacht wurden die Schweden bis zum Haveltor zurückgedrängt, sowohl außerhalb als auch innerhalb der Stadtmauer, da ein Teil der Truppen von Oberstleutnant Kanne durch die zerfallene Stadtmauer an der heutigen Andreasstraße über den Mühlenplatz und an der Stadtmauer entlang ebenfalls bis zum Haveltor gelangten. Dort wurde wie vorher am Steintor die Wache überwältigt, das Tor geöffnet und die Zugbrücke heruntergelassen. Daraufhin strömten nun auch die Dragoner Derfflingers in die Stadt.
Die letzten Kämpfe spielten sich im Bereich des Kirchplatzes ab, wo der obere Teil der heutigen Großen Kirchstraße noch lange die Bezeichnung „Roter Torweg" trug, als Erinnerung an die blutigen Kämpfe dieses Tages. Sechs Offiziere, unter ihnen der Kommandeur Oberst Wangelin, der bis zum Vorjahr schwedischer Gesandter beim Kurfürsten gewesen war sowie 186 Dragoner und etwa 60 weitere Personen wurden gefangengenommen. Etwa 390 Schweden wurden getötet. Sie wurden in Massengräbern zu je 20 Mann östlich der Stadt in der Heide begraben, he
ute etwa zwischen dem Rathaus auf dem ehemaligen ROW-Gelände und der heutigen Puschkinstraße. Von den Brandenburgern wurden lediglich 50 Soldaten getötet oder verwundet. Am Vormittag dieses 15. Juni (nach heutiger Zeitrechnung der 25. Juni) hielt der Superintendent der Rathenower Gemeinde Voitus einen Dankgottesdienst, wobei er auf Weisung des Kurfürsten über den 8. Vers des 28. Psalms
„Der Herr ist ihre Stärke, Er ist die Stärke, die dem Gesalbten hilft" predigte.
Die Befreiung Rathenows von den Schweden durch die Truppen des Großen Kurfürsten am 15. Juni 1675 ging in die Historie Rathenows als das „Massacre in Rathenow" ein.
Worterklärung:
1) Tractament - schlechte Behandlung
2) Geldcontribution - Kriegssteuer
Literaturquellen:
1) I. Mittenzwei/ E. Herzfeld - Brandenburg Preußen 1648-1789
2) Berlin 1987 S.C. Wagner - Denkwürdigkeiten der Stadt Rathenow
3) Berlin 1803 W. Bleis -Älter als die Stadt - die Lange Brücke in Rathenow
4) Rathenower Heimatkalender 1997 F. Bauer -Fehrbellin 1675
5) Berg/Potsdam 1998 F. Günther - Bilder aus Alt Rathenow; Rathenow 1934
Dieser Artikel wurde in der vorliegenden Form auch im Rathenower Heimatkalender 2002 veröffentlicht.
Redaktionell bearbeitet am 13.11.07 von Robby Schmalz
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