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Neufriedrichsdorf – Kolonistensiedlung
im Kreis Rathenow

von Ilse Henkel

Teil 1

Die Entstehung von Neufriedrichsdorf

Östlich von Rathenow, an der Chaussee nach Bamme und Stechow, liegt der Ortsteil Neufriedrichsdorf (seit 1948 Neufriedrichsdorfer Strasse). Es ist ein Reihendorf. Fast alle Häuser wurden in einem einfachen und zweckmäßigen Baustil errichtet, so dass die Siedlungsstelle von der Ansicht sehr gleichmäßig anmutet. Der Baustil der Häuser lässt erkennen, dass es sich um eine Arbeitersiedlung aus dem 18. Jahrhundert handelt.
Die Entstehung dieser Kolonie geht auf die industrielle Gründung bzw. Weiterentwicklung der Textilindustrie Friedrichs II. zurück. In Preußen herrschte noch im 18. Jahrhundert die Landwirtschaft vor. Die Eroberungskriege des Königs kosteten viel Geld. Dadurch war das Land wirtschaftlich und militärisch erschöpft. Die schweren ökonomischen Folgen bekam die Bevölkerung überall zu spüren. Um die wirtschaftliche Krise zu überwinden, war der König bestrebt, sein Land industriell zu entwickeln. Es galt der Grundsatz: „Wird das, was man sonst von den Nachbarn kaufen musste, im eigenen Land hergestellt, so bleibt das Geld im Lande."Neufriedrichsdorf 1893
Um die Industrialisierung des Landes weiter voranzubringen, wurden durch den preußischen Staat Geldmittel zur Anlegung neuer Manufakturen und Fabriken bereitgestellt. Im Jahre 1748 erhielt die Stadt Rathenow das königliche Reskript, das die Förderung der fehlenden Fabriken und den Aufbau der Manufakturen veranlassen sollte. Jeder Unternehmer „nützlicher Fabriken" konnte mit der Unterstützung des Landesherrn rechnen. Viele Unternehmer erhielten sogar ansehnliche Geldvorschüsse, und manchen wurden bedeutende Summen geschenkt.
In Rathenow erhielt der Schutzjude Pintus Levin von Friedrich II. gemäß Privilegium vom 27. August 1763 als guter Steuerzahler das Recht, überall in der Mark Brandenburg Spinnereien zu errichten. Er war ehemaliger Lieferant der preußischen Armee, und die Vermehrung der Textilbetriebe war für ihn außerdem eine Pflicht, der er nachkommen musste. Levin baute 1764/65 in der Neustadt von Rathenow eine Kanevas- und Barchentfabrik auf.
In der ehemaligen Fabrikenstraße Nr. 8-10 (heute Wilhelm-Külz-Straße) wurden darum drei Fachwerkhäuser errichtet, in denen die Weber arbeiteten und auch wohnen konnten. Da Rathenow nicht genügend spezialisierte Arbeitskräfte für das Spinnerei- und Weberhandwerk hatte, wurden diese Handwerker aus Brandenburg abgeworben, indem ihnen höhere Löhne gezahlt wurden.
Die Unternehmer aus Brandenburg beschwerten sich beim König über diese unlauteren Methoden. Da der preußische Staat selbst größtes Interesse an den Baumwollerzeugnissen aus Rathenow hatte, mussten die Arbeiter in einem neu zu errichtenden Dorf angesiedelt werden.
Durch die Kabinettsorder vom 12. März 1765 wurde dem jüdischen Landesältesten Pintus Levin die Erbauung einer Kolonie mit 50 Doppelhäusern, jede Seite 25 Häuser, für 100 Spinnerfamilien übertragen, die für die Rathenower Baumwollfabrik das nötige Garn spinnen sollten. 15000 Taler stellte man für dieses neue Dorf aus der Staatskasse bereit. Dieses Geld kam vermutlich aus dem Kolonistenfond. Das nötige Bauholz wurde aus der Bürgerheide geliefert. Der Bau dieser Siedlung stieß auf heftigen Widerstrand bei der alten Rathenower Bevölkerung, da sie mitten in ihrer Bürgerheide errichtet werden sollte. Dieses Waldstück mit seinen 7000 Morgen gehörte sei 1319 der Stadt Rathenow und war das Geschenk des Markgrafen Waldemar.
Die Rathenower wachten jederzeit eifrig darüber, dass ihre Privilegien nicht angetastet wurden. Bei der Auswahl des Bauplatzes bedachte der Unternehmer Levin, die Kolonisten von den städtischen Bürgern zu isolieren. Dadurch erhoffte er sich Ordnung, Gehorsamkeit und eine bessere Überschaubarkeit dieser Ansiedler. Er fand volle Unterstützung beim König. Der Landesherr drängte, ohne Zeitverlust zu bauen. Das Textilgewerbe in seinem Land sollte durch die Gründung der neuen Spinnerkolonie gestärkt werden. Jede Eingabe der Stadt Rathenow an den König wegen des Grund und Bodens wurde abgewiesen. Es half auch kein öffentlicher Protest mehr.
Dem Rathenower zweiten Bürgermeister wurde mit Festungsstrafe gedroht, wenn er die Siedlung nicht unterstützte und die Rathenower Bürger nicht zur Ruhe brächte. Im Mai 1765 wurde mit dem Bau des Kolonistendorfes begonnen. Viele Hindernisse und Drohungen musste sich der Unternehmer Levin seitens der Bürgerschaft gefallen lassen. Der Landesherr setzte ihn unter Druck. Die königliche Kriegs- und Domänenkammer zu Berlin, die seinerzeit die oberste Instanz war, behielt die Bauentwicklung genau im Auge. Nach und nach nahm das Dorf Gestalt an. Im September 1765 standen bereits 37 Doppelhäuser; Ende Mai 1766 waren sämtliche Häuser trotz der Widersacher aufgebaut. Erst 18 Wohnungen konnten bewohnt werden. Davon waren 14 Häuser zuerst von 26 Familien aus Sachsen, Mecklenburg und von zwei Familien aus Rathenow bewohnt. Diese Kolonisten waren sehr arme Leute, die ihren Unterhalt kaum vom Spinnen allein bestreiten konnten. Gewiss fehlte es ihnen auch an den wichtigsten Einrichtungsgegenständen in den neuen Häusern. Aus Not wurden sie zum Betteln genötigt und zum Stehlen in der Bürgerheide verführt, so dass die neue Kolonie bei den Rathenower Bürgern immer unbeliebter wurde. Die Voraussetzungen für eine normale Lebensweise waren kaum gegeben. Im Jahre 1766 verdiente ein geübter Spinner nur 7 Pfennig Lohn und später eineinhalb Groschen pro Tag. Der Souverän ließ die Kolonisten miete-, abgaben- und dienstfrei wohnen. Der erbärmliche Verdienst der Spinner konnte nur überaus wenige Leute dazu bewegen, sesshaft zu werden und in das 1767 vollendete neue Dorf zu ziehen. Man hatte in Berlin erwogen, auch Gartenland für die Lebenszwecke der Kolonisten zu erschließen. Die Gärten sollten 1768 mit Maulbeer- und Obstbäumen bepflanzt werden. Trotz Bemühungen des Manufakturisten Levin und der preußischen Staatsverwaltung war an eine erfreuliche Entwicklung des Spinnerhandwerks in dem neuen Kolonistendorf nicht zu denken. Am 2. Juni 1768 starb Pintus Levin. Seine Erben zeigten kein Interesse an der Fortführung der Fabrik, die nun in die Hände des Schönfärbers J. O. Treskow überging. Er hatte in der Rathenower Fabrik nur noch halb so viele Webstühle wie sein Vorgänger. Sämtliche Fabriken und ihre Hausindustrie, Kaufleute und Lager wurden unter staatliche Aufsicht genommen. Hier waltete der Fabrikkommissar Dollen seines Amtes. Auch ein Fabrikinspektor wurde benannt. Es war der zweite Bürgermeister.
Die Verbindlichkeiten bei der Erbverschreibung der Häuser an die Kolonisten wurden 1770 ausgearbeitet, jedoch erst 1791 endgültig festgelegt. Darin sollten die Spinnerfamilien bis zur dritten Generation für die Baumwollfabrik arbeiten. Danach konnten ihnen die Häuser verschrieben werden. Am 1. Dezember 1772 übernahmen G. Bartsch und Kompanie die Kattunfabrik, die die Zahl der Webstühle wieder vermehrte. Im Jahre 1774 wurde der Magistrat von Rathenow gebeten, so zu „dirigieren", dass sich auch das Weberhandwerk in der Kolonie niederließ. Die Niederlassung für die Baumwollfabrik befand sich im Haus Nummer 14. Die ehemalige „Spinnerkolonie" erhielt ihren Namen nach dem Förderer des Fabrikwesens Friedrich II. Dieser Ortsname tauchte jedoch erstmals in einem amtlichen Schreiben im Jahre 1778 auf. Vorher sprach man nur vom Spinnerdorf. Letztere Bezeichnung war amtlich noch lange Jahre gebräuchlich. Der Rathenower Volksmund von damals hatte den Beinamen „Piependorf" geprägt. Die Männer dieses Dorfes saßen früher gern nach getaner Arbeit vor ihren Haustüren und schmauchten ihre „Piepe" beim gemütlichen Plausch mit den Nachbarn. Vermutlich entstand so dieser zählebige Beiname „Piependorf", den wohl kein Neufriedrichsdorfer krumm nahm. Außerdem war noch der Name Neudorf gebräuchlich. Am 30. Juni 1777 wurde der Magistrat beauftragt, einen Schulzen (Bürgermeister) und zwei Schöffen für das Dorf einzusetzen und zu vereidigen. Schulze wurde der Lebensmittelhändler Christian Demke, der fleißigste, energievollste und schreibkundigste Mann in der Kolonie. Als Schöffen wurden die beiden Weber Seyffert und Struwe gewählt. Der Schulze hatte in diesem Dorf einen schweren Stand: war er einerseits Vollzugsbeamter des preußischen Staates, so musste er andererseits für Ordnung in dieser unsicheren Siedlung sorgen.
Die Toten von Neufriedrichsdorf begrub man bis 1777 auf dem Rathenower Armenkirchhof. Erst auf Grund des Reskriptes vom 4. Mai 1777 wurde der Stadt Rathenow die Pflicht auferlegt, auch einen Beerdigungsplatz für die Kolonie zu erschließen. Erst seit 1782 wurden die Verstorbenen von Neu'dorf ins Totenbuch eingetragen.
Bis zum Jahre 1777 erhielten die Neufriedrichsdorfer Schulkinder an der so genannten „Freischule“ keinen regelmäßigen Unterricht. Durch die Kabinettsorder vom 30. Dezember 1777 wurde der „Schulhalter" Georg Gustav Rese nach der dürftigen Kolonie berufen, damit endlich mit einem regelmäßigen Schulunterricht am 23. Februar 1778 begonnen werden konnte. Die Arbeits- und Lebensbedingungen des Lehrers waren äußerst schlecht.
Erst durch die Bereitstellung von Ackerland und Wiese konnte der Lehrer von damals seinen Lebensunterhalt verbessern. Die größeren Kinder besuchten die Sommerschule unregelmäßig, die Winterschule hingegen veranlasste weniger zur Klage. Die Eltern vermieteten die größeren Kinder im Sommer entweder aufs Land, oder sie wurden in die Hausindustrie eingespannt, denn durch ihre Beihilfe sollte der Lebensunterhalt der Familie etwas aufgebessert werden. Im Jahre 1799 beschloss die Staatsbehörde, auf Staatskosten eine Industrieschule zu bauen, die 1802 fertig wurde. Den Unterricht im „Erwerbsfleiß" erteilte die Frau des Lehrers. Die Kinder sollten anfangs nur mit nützlichen Arbeiten beschäftigt werden wie Flicken, Stricken und Nähen. Von dem Material, das die Schule lieferte, wurden Strümpfe gestrickt, um sie zu verkaufen. Durch den unregelmäßigen Schulbesuch der Kinder waren die Schulabgänger oft unkundig im Lesen, Schreiben und Rechnen. Noch am Anfang des 19. Jahrhunderts gab es viele arme Schulkinder an der Freischule. Die Bemühungen der Lehrer, den Bildungsstand der Kinder auch in dieser Kolonie zu heben, scheiterte an der Armut ihrer Eltern. Sie hielten den kleinen Gewinn ihrer Kinder aus dem häuslichen Gewerbe für unentbehrlich. Die Kinderarbeit brachte zu der Zeit viele Probleme mit sich. Es war vielen Eltern nicht einmal möglich, ihren Kindern Schulbücher und Schiefertafeln zu kaufen.
Wie lange die schlechten Zustände in dieser Armensiedlung anhielten, ist schwer festzustellen. Zumindest waren sie noch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts vorzufinden. Erst 1820 verbesserte sich in Neu`dorf der Lehrapparat etwas. Das Schulhaus stand damals in der Neufriedrichsdorfer Strasse 17 und brannte Ende des Zweiten Weltkrieges ab.

Teil 2

Die Entwicklung von einer Arme-Leute-Siedlung zur Stadtrandsiedlung

Die Entwicklung von Neufriedrichsdorf in den ersten beiden Jahrzehnten seit der Gründung 1765-67 verlief gegen alle Erwartungen des rührigen und klugen Königs Friedrich II. nicht besonders günstig. Der schlechte Warenabsatz spielte anscheinend eine wesentliche Rolle dabei. In Berlin stellte im Jahre 1781 der Baumwollfabrikant Sieburg schon die erste englische Spinnmaschine „Jenny" auf. In Sachsen tauchte sie 1782 auf. Fast alle Neuerungen wurden in der Kleinstadt verlacht und als „Handwerkergrillen" abgetan. Unter dem Druck der Vorurteile erlagen oft die kleinen Städte, und die ruhige Selbstzufriedenheit ließ die Entwicklung schwer vorwärts kommen. Die schlummernden Kräfte der Kleinstädter mussten erst durch Großstädte geweckt werden. So beurteilt ein damaliger Zeitgenosse die Wirtschaftslage. „Beten ist besser als arbeiten" war auch unter den alten Protestanten und Katholiken noch nicht ganz ausgerottet. Dass Müßiggang aber zum Bettelsack führte, erkannten jedoch bald die meisten. Die Menschen waren in jener Zeit der Religion äußerst stark verbunden, und besonders unterlagen sie ihrem Druck in der Kleinstadt.
Der so genannte „blaue Montag", die alte Unsitte, war auch noch nicht ausgerottet. Friedrich II. kämpfte entschieden dagegen an. Der Magistrat von Rathenow klagte im Jahre 1782 wegen der überhand nehmenden Bettelei in den Straßen, Häusern und an den Toren der Stadt und suchte nach geeigneten Maßnahmen, dieser Plage abzuhelfen, indem er für hilfsbedürftige Stadtarme eine mildtätige Einrichtung schuf. Zu den ständigen Bettlern gehörten die alten Neufriedrichsdorfer mit ihren Kindern: ob nun alle, wissen unsere Akten nicht zu berichten. Die Häuser in der Spinner- und Weberkolonie waren bereits reparaturbedürftig geworden, und einige standen 1782 wegen Baufälligkeit leer. Man hatte den Kolonistenhäusern ohnehin nur eine kurze Lebensdauer zugetraut, doch das traf nicht zu. Ihren Bewohnern sagte man in der Stadt einen anmaßenden Kolonistenstolz, Trägheit und einen Hang zur Schwärmerei nach. Neufriedrichsdorf war bis zum Jahre 1784 nie ganz, oft nicht einmal bis zum vierten Teil bewohnt. Die Ursachen der Unzufriedenheit und der darauf folgenden Abwanderung sind uns nicht hinreichend bekannt. Die schlechte Lebensexistenz und die Ungleichheit wird die Bewohner vertrieben haben.
„Der Fabrikherr konnte seine Spinner- und Weberfamilien nach Belieben fortjagen oder ihnen das Leben so erschweren, bis sie von selber fort gingen." Es interessierte den Unternehmer nur, wie viel sie am Tage oder in der Woche produzierten - nicht aber unter welchen Umständen die Arbeiter lebten. Es war eine rechtlose, zur Unterwürfigkeit erzogene Klasse, die zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel hatte, wie der alte Volksmund besagt. Der Lohn der Spinner und Weber war gering, aber die Arbeitszeit lang. Die Finger schmerzten vom Spinnen, und der Rücken tat ihnen des Abends weh. Der Hunger und Kummer zehrten an der Kraft. Kritik an der Obrigkeit und dem „Brotgeber" waren unerwünscht. So waren sie von der Armut gezeichnet und wurden von anderen gemieden. Kein Wunder, wenn sich manche auf unlautere Art und Weise ihre Nahrung und das Brennholz beschafften oder einfach betteln gingen. In der Stadt wurden die Armen zu dieser Zeit von den monatlichen Kircheneinnahmen wie Hochzeiten, Kindtaufen, Almosenbüchsen und Erntedankfesten unterstützt. Ob die Kolonisten auch hiervon einen Armenanteil erhielten, ist unbekannt. Brachen bösartige Epidemien aus, so waren diese Krankheiten durch die schlechte Ernährung, mangelnde Medizin und Pflege dieser Armen am hartnäckigsten und klangen nur schwer ab. Ein Zeitübel war auch die hohe Kindersterblichkeit. Die Eltern konnten mitunter nicht einmal die Beerdigungskosten aufbringen. Auch über den Tod hinaus gab es gesellschaftliche Unterschiede. Für die Armen blieben der Armenfriedhof und der einfache platte Sarg, früher als „Nasenquetscher" vom spöttischen Volksmund bezeichnet, für die gehobene Gesellschaft oder die besser gestellten Leute gab es eine würdige Begräbnisfeier mit aller Pomphaftigkeit.
Die Kanevas- und Barchentfabrik in Rathenow, für die unsere alten Neufriedrichsdorfer Kolonisten arbeiteten, hatte 1784-85 unter Absatzschwierigkeiten zu leiden. „Der König glaubt, was er für eine schöne Kanevasfabrik hat, aber leider lieget sie schlafen." Produzierte die Bartsch-Kompagnie im Jahre 1780 noch mit 46 Webstühlen, so hatte sie 1784 nur noch zwei Webstühle für Kanevaserzeugung im Gange. Mit dem Untergang des Betriebes erlahmten auch die Weberarme, und sie kamen in Not. Die Bartsch-Kompagnie hatte ihre Niederlage in Berlin. Bleicher Steinrich hatte mit einer Klage beim König und dessen Landeskollegium sowie beim Unternehmer ganz schön ins Fettnäpfchen getreten, folglich hatte er eine ganze Menge Unannehmlichkeiten auszustehen. Der König Friedrich II. ließ daraufhin Untersuchungen anstellen und hielt der Bartsch-Kompagnie die Verpflichtungen aus dem Jahre 1773 unter die Nase. Die Angelegenheit wurde geklärt und die Fabrik unter bessere Aufsicht genommen. Der „wunderliche Kopf" Steinrich zog es wegen der aufrührerischen Fabrikgeschichte vor, lieber außer Landes zu gehen. Im Jahre 1785 meldete die Rathenower Fabrik wieder 1000 Stück Kanevas. Die königliche Regierung zweifelte jedoch die Stückzahl an und ließ sich die Meldung noch einmal bestätigen.
Die Kolonie war erstmals 1785 durch zuziehende Tagelöhnerfamilien aus anderen Dörfern ganz besiedelt. Man zählte 61 Spinner- und 21 Weberfamilien. Insgesamt wohnten zu dieser Zeit in Neufriedrichsdorf 354 Bürger.
Altsitzer, Einlieger1 und Bettler prägten das Gesicht des Dorfes. Der Lehrer Wiggert klagte 1789 darüber, dass die Eltern in der Kolonie ihre Kinder viel zu hart aufwachsen ließen und sie sehr zeitig verdingen. Manche Eltern sahen ihre Kinder als eine Art Strafe an. Fünf Jahre nach dem Tode Friedrich II. wurden 1791 den damaligen Spinner- und Weberfamilien die ganzen und halben Häuser geschenkt. Damit war der Staat aller Reparaturkosten an den Grundstücken enthoben. Seit dieser Zeit gibt es erstmals Hauseigentümer in Neufriedrichsdorf. Mit dieser Schenkung wurden den neuen Besitzern Rechte und Pflichten übertragen.
Im Jahre 1799 zählte die damalige Armensiedlung noch 54 Spinner- und 32 Weberfamilien. 79 Altsitzer und Einlieger, darunter Bettler, die sich das gemeinsame Kolonistenelend teilten. Ein bis zwei Pfund wöchentlich mussten die Spinner für die Baumwollfabrik zum festgelegten Lohn fertig stellen. In der Stadt Rathenow waren seit dem 27.10.1806 viele Franzosen einquartiert, und wahrscheinlich blieb auch das nur wenige Kilometer entfernte Dörfchen von den Kriegsunruhen nicht weniger verschont. Ein Zeitgenosse schrieb: „Es gab Hungernde und Unzufriedene, wohin man sah. Vieh wurde in Massen geschlachtet, doch das Fleisch reichte in Massen nicht aus. Die Preise stiegen enorm, und nicht jeder hatte Arbeit. Eine allgemeine Notlage hatte sich unter den Bürgern breit gemacht. Die billigen Kartoffelgerichte waren überall bekannt, aber längst nicht in jeder Familie beliebt. Man hing noch an alten Eßgewohnheiten, besonders in den Dörfern, und man kochte noch gern nach altbekannter Art mit Getreideprodukten, z. B. Grütze.
Die napoleonischen Soldaten und Offiziere hatten ihren Übermut auch die Bürger spüren lassen, indem sie Raubzüge unternahmen, plünderten und in Saus und Braus lebten. Das hörte erst auf, als die Franzosen im Jahre 1808 abzogen. So wundert es uns nicht, dass die Bevölkerung in eine allgemeine Notlage geriet, von der sie sich sehr schwer erholte.
Im Jahr 1809 erhielten die Bewohner von Neufriedrichsdorf ein besonderes Privileg, das sie berechtigte, das Handwerk der Kanevas- und Barchentweberei weiter zu betreiben. Von nun an mussten sie einen Gewerbeschein zur Ausführung des Handwerks besitzen. Vermutlich hing diese Regelung mit der vorangegangenen neuen Städteordnung 1808 zusammen. Die Einführung der Gewerbefreiheit erfolgte im Jahre 1810. Die Neuerungen geschahen im Zuge der Stein-Hardenbergschen Reformen und ebneten damit den Weg einer schnelleren industriellen Entwicklung.
Das Weberdorf gehörte zur Stadt und war auch von ihrem Wohl und Wehe abhängig. Ihre Bewohner zählten als Schutzverwandte, die aber als eine besondere Dorfkorporation2 angesehen wurden. Zum großen Teil waren sie „Einlieger" und zum anderen Teil Besitzer der Häuser.
Die Häuser hatten wohl zu dieser Zeit noch kein Zubehör. Ein Teil der Kolonisten arbeitete in schlecht bezahltem Tagelohn, und andere hingegen waren erwerbslos. In der Kolonie lag das Weberhandwerk fast darnieder. Im Gewerbeverzeichnis wurden im Jahre 1810-1811 18 Webermeister und 2 Webergesellen erfasst. Letztere bemühten sich um den Meisterbrief. Die Garnwebermeister hatten in ihren Stuben alle nur einen Webstuhl und arbeiteten ohne fremde Hilfe. Sie waren steuerfrei. Manche Weber versuchten noch lange Zeit, ihrem Beruf treu zu bleiben, andere hingegen hatten ihren Beruf aufgeben müssen. Das Klappern der Webstühle war nun nicht mehr in jedem Haus zu hören. Verschiedene Ursachen wie die verhängte Kontinentalsperre von Napoleon vom 21. November 1806, der Mangel an Baumwolle, die französische Handelskonkurrenz und die Beköstigung der französischen Truppen, die Bezahlung der Anteile an den Kriegsschulden, die Lebensmittelverteuerung und auch die Einführung von Kraftmaschinen in den Großbetrieben der deutschen Territorialstaaten ließen die kleinen und mittleren Betriebe und ihre Heimindustrie nach und nach eingehen. Schon am Anfang des 19. Jahrhunderts musste die Textilfabrik in der heutigen Wilhelm-Külz-Straße (früher Fabrikenstraße) die Produktion einstellen, für die unsere Neufriedrichsdorfer arbeiteten. Vermutlich erhielten die Weber deshalb 1809 ein besonderes Privileg zur Herstellung der Webstücke und waren möglicherweise nun auch nicht mehr von einer Fabrik direkt abhängig. Mit den fabrikmäßig erzeugten ausländischen Produkten konnten unsere Weber natürlich keinesfalls mehr konkurrieren. Das industrielle Zeitalter hatte begonnen.
Die durch Dampfkraft betriebenen Textilmaschinen brachten eine hohe Stückzahl, die Webequalität war sauberer und die Ware billiger. Vom Handwerk mit dem goldenen Boden war in dieser Branche nichts zu spüren. Unsere letzten Weber hingen natürlich auch an ihren alten Webstühlen und gaben trotzdem nicht so schnell auf. Das Spinnerhandwerk jedoch schien hier in Neufriedrichsdorf nicht mehr zu existieren. Gewiss wurde aber für den Hausgebrauch weitergesponnen.
Steuerzahler waren in der Kolonie alle übrigen kleinen Gewerbetreibende wie Kesselflicker, Drechsler, Maurer und Schuhflicker. Sie zahlten je nach Einkommen jährlich 1-1,16 Taler Steuern. Vierzig Gewerbetreibende wurden nach einer Aufstellung im Jahre 1810-12 in Neufriedrichsdorf erfasst. Alle übrigen waren Tagelöhner, Arbeitslose und Bettler, die umherzogen, um nicht zu verhungern. Folgende Zahlen zeigen die Entwicklung und den Untergang der Neufriedrichsdorfer Heimindustrie an:

Mai:

1766 20 Spinnerfamilien  
1780 70 Spinnerfamilien  
1785 61 Spinnerfamilien 21 Weberfamilien
1792 53 Spinnerfamilien 34 Weberfamilien
1799 54 Spinnerfamilien 32 Weberfamilien
1810

-

20 Weberfamilien
1822

-

22 Weberfamilien
1832

-

22 Weberfamilien
1837

-

13 Weberfamilien
1846

-

9 Weberfamilien

 

 

 

 

 

 

 
Bevölkerungsentwicklung:

1770 rd. 300 Einwohner  
1784-1785 354 Einwohner davon 114 Bettler
1792 350 Einwohner davon 76 Bettler
1799 395 Einwohner davon 41 Bettler
1811 500 Einwohner  
1836 494 Einwohner  
1861 590 Einwohner  
1867 583 Einwohner  
1909 496 Einwohner  
1938 497 Einwohner  
1946 442 Einwohner in 150 Haushalten

Regelmäßige Volkszählungen wurden erst seit 1816 durchgeführt.
Das Dorf hatte um diese Zeit schon genug Einwohner, und man legte keinen Wert mehr auf Fremde - besonders nicht auf Arme, Kranke und Invaliden, die nur der Ortsarmenkasse eine zusätzliche Last gewesen wären. Die Kleine-Leute-Siedlung hatte ja Arbeitskräfte im Überfluss. In der Stadt fanden auch jüngere Leute eher Arbeit als ältere. Hatten die Bewohner von damals ihre belastenden Sorgen, so verschafften sie sich als Lebensausgleich auch ihre kleinen Freuden im kärglichen Dasein. Zu besonderen Anlässen wie Fastnacht, Pfingsten, Erntefesten und Hochzeiten zog eine lustige Schar mit Musik und Gesang die Dorfstraße hinunter, um dann beim Gastwirt einzukehren.
Ein Zeichen der schlechten sozialen Verhältnisse dieser Zeit, dass es noch in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Analphabeten gab, beweist ein Belehrungsschriftstück, auf dem viele Bürger nur mit ihrem Handzeichen (drei Kreuze) unterschrieben haben. Die Schulpflicht war seit langem eingeführt. Die Wohnungseinrichtungen der Neufriedrichsdorfer wie auch bei den meisten Leuten der unteren Bevölkerungsschicht waren sehr dürftig. Dazu gehörte auch die Wäscheaussteuer und Bekleidung. Das Jahr 1830 begann mit einer äußerst strengen Kälte. Das Holz wurde knapp, und nur durch den Selbsterhaltungstrieb überdauerten die Bewohner von Neufriedrichsdorf den Winter. Vieles war erfroren. Auch das Jahr 1831 fing mit Sorgen an. Es herrschte Cholera, und der Verkehr erlahmte. Ein Jahr später - im Jahre 1832 - ließ wieder ein Berliner Textilfabrikant namens Neumann in Neufriedrichsdorf noch einmal 22 Gingham-Webstühle aufstellen, aber der technische Fortschritt ließ sich nicht mehr aufhalten. Fünf Jahre später übten nur noch 13 Weber das mühevolle Handwerk aus. Wie lange sie es noch konnten, lässt sich leider nicht mehr feststellen. Der größte Teil der arbeitsfähigen Einwohner von Neufriedrichsdorf wandten sich, soweit sie überhaupt Arbeit fanden, anderen Tätigkeiten zu.
Da einige Familien der Tagelöhnerkolonie Neufriedrichsdorf weiterhin Sorgenkinder der Stadt blieben und ihr ohnehin viele Gerichtskosten durch Rechtsverletzungen bereiteten, machte der Magistrat Rathenow als Gutsobrigkeit von Neudorf der königlichen Staatsbehörde 1837 den Vorschlag, das Dorf eingehen zu lassen. Er wollte die Kolonistenstellen ankaufen und diese danach abreißen lassen. Weiter spekulierte die städtische Behörde, die Bewohner würden sich in anderen Gegenden niederlassen, so dass das Missverhältnis zwischen Stadtbewohnern und den Kolonisten endlich beseitigt wäre. Die Absicht des Magistrats wurde nicht von der Staatsbehörde unterstützt. Man wies der Ortsbehörde die Verletzung der Fürsorgepflicht vor (gemäß der Anordnung von 1804), und der Magistrat erhielt obendrein eine Missbilligung ausgesprochen. Eine geordnete Armenpflege wurde nochmals mit allem Nachdruck für die Neufriedrichsdorfer Bürger von der Regierung gefordert. In mehreren Neufriedrichsdorfer Familien war ein notorischer Notstand vorzufinden. In der Stadt fanden die Neudorfer Familienväter sehr schwer Arbeit, und so schwärmten viele zum Betteln aus. „Es gab Hunderte von Ziegen in dem Dorf", die sich ebenfalls satt fressen mussten, um reichlich Milch zu geben. So trieben sie ihre Tiere einfach in die Forst und handelten sich dafür auch noch zusätzlich Ärger und Strafen ein. Die Wirtschaftskrise 1847 (und 1857), hervorgerufen durch Missernten, brachte erhebliche Preissteigerungen und ließ die Bewohner nicht so schnell aus ihrer Misere herauskommen.
In Neufriedrichsdorf zeigte sich bereits um 1848 Wohnraummangel, denn die Siedlung wurde nicht erweitert. Auch in der Stadt selbst klagte man 1862 über den Mangel an billigen kleinen Wohnungen für die Arbeiterfamilien. Die Baulust von privaten Geldleuten sollte geweckt werden. Die Zimmer- und Maurermeister waren durch die schlechten Zeitverhältnisse gezwungen, den Handwerksgesellen bedeutende Lohnerhöhungen zu zahlen, wodurch aber die Baulust durch höhere Baukosten eingeschränkt wurde.
Im Jahre 1879 wird auch eine Kleinkinderbewahranstalt in Neufriedrichsdorf erwähnt. Das war ein weiterer Fortschritt für diese kleine Gemeinde. Gewiss wurde diese Einrichtung damals sehr von den Frauen begrüßt, konnten sie fortan beruhigt ihrer Arbeit nachgehen. War der Verdienst der Frau gegenüber dem Manne auch weitaus geringer, so besserte er das Haushaltsbudget doch mit auf.
Die Jahre 1922 und 1923 waren gekennzeichnet durch die Geldinflation, die die Not der Menschen erneut verschärfte. Die Neufriedrichsdorfer hatten nur den Vorteil, dass sie teilweise durch ihre Hausgärten, Ackerkaveln und Kleintierhaltung Selbstversorger waren.
In dem Dorf hatten drei Gastwirte Tanzgaststätten mit Gartenlokalitäten aufgebaut, die sich bei den Rathenowern und den Leuten aus der Umgebung größter Beliebtheit erfreuten, da sie mitten in der Natur lagen. Alle ehemaligen Vorurteile gegenüber dieser Gemeinde waren längst abgebaut. Fleiß, Sparsamkeit und Ehrlichkeit waren zur Selbstverständlichkeit geworden. Neue Generationen waren herangewachsen. Zu Pfingsten wurde auch in Neufriedrichsdorf besonders viel geboten. Mit Kind und Kegel ging es zu Mutter Grün nach Piependorf. Bei schönem Wetter spielte sich meistens die Geselligkeit draußen im Gartenrestaurant unter schattigen Bäumen ab. Im Jahre 1900 entstand unweit der Siedlung mitten in der schönen Stadtforst auf dem ehemaligen Kämmerei-Vorwerksacker eine Lungenheilstätte. Die zahlreichen Opfer, die die Lungenschwindsucht in allen Gesellschaftsklassen - namentlich unter den Arbeitern - forderte, veranlasste den Vorstand des Volksheilstättenvereins vom Roten Kreuz, auf die weitere Ausdehnung der Volksheilstätten hinzuarbeiten. Licht, Luft und Sauberkeit sowie eine gesunde Ernährungsweise sollten diese schreckliche Krankheit zum Stillstand bringen. Die Waldparzelle in der Rathenower Stadtforst war ein ideales Plätzchen für Kranke und Genesende.
Die Bekämpfung der Lungenseuche wurde zum dringenden Problem und sollte noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Sogar in den Häusern der Neufriedrichsdorfer wurden TBC-Kranke aufgenommen, was man jedoch 1906 aus plausiblen Gründen (ungenügende Kontrolle, Wirtshausbesuch) wieder rückgängig machte. Da auf Grund der guten gesundheitlichen Betreuung unserer Bürger bis in die Mitte der sechziger Jahre ein Rückgang der TBC-Krankheit zu verzeichnen war, konnte man dieses Heim als solches auflösen und es im Jahre 1968 als Feierabend- und Pflegeheim zur Verfügung stellen. Jetzt hat es noch ein neues Bettenhaus dazubekommen. Hier können die alten Leute in aller sozialer Geborgenheit einen geruhsamen Lebensabend mit viel Abwechslung verbringen. Im Jahre 1904 beschloss die Stadt Rathenow die Stilllegung des jüdischen Friedhofes in der Stadt Rathenow.
Man bot der jüdischen Gemeinde einen neuen Begräbnisplatz im Jahre 1905 bei Neufriedrichsdorf an. 1910 entsteht eine kleine Friedhofskapelle auf dem Neudorfer Friedhof. Ein Jahr zuvor hatte sich der Magistrat von Rathenow das erste Mal mit der Eingliederung von Neufriedrichsdorf befasst. Die Gemeinde zählte zu dieser Zeit 496 Einwohner. Nachdem die Vor- und Nachteile der Eingemeindung analysiert worden waren, ließ die Stadt den Plan für lange Zeit wieder fallen. Es ist möglich, dass selbst die Gemeinde kein Interesse daran zeigte. Ein Jahr nach der Revolution erhielt Neufriedrichsdorf endlich Stromanschluss. Als die Tanzgaststätte „Tivoli" an der Ecke Bammer Landstraße (nach der Jahrhundertwende von Eckhardt gebaut) ihre Pforten schloss, war man bereits auf der Suche nach einem geeigneten Gebäude für eine Landwirtschaftsschule. Auf diesem Ausbildungssektor hatte man Nachholebedarf. Im Jahre 1922 nimmt die Schule ihre Tätigkeit auf. Nach 1945 beginnt man, das vom Krieg betroffene Haus für Wohnraumzwecke auszubauen.
Als der 2. Weltkrieg ausbrach, hielt man alle Städte und Gemeinden zur strengsten Sparsamkeit an. Man war der Auffassung, dass die Verwaltungen von Neufriedrichsdorf und Neue Schleuse im Kriege eine Verschwendung darstellten. Neufriedrichsdorf war ohnehin an Rathenows Industrie gebunden. In Anbetracht der geringen Entfernung und der Tatsache, dass die Bevölkerung dieser Siedlung fast ausnahmslos in Rathenower Betrieben beschäftigt war, schien eine Eingemeindung nur zweckmäßig. Räumliche und wirtschaftliche Gründe spielten ebenso eine große Rolle bei den Überlegungen. Die meisten Einwohner von Neu'dorf, es handelte sich neben einigen Landwirten in der Hauptsache um Arbeiter, arbeiteten in der optischen Industrie oder der anderen Industrie Rathenows. Man zog die Möglichkeit in Betracht, an der Gemeinde von Neufriedrichsdorf Wohnungs- oder Siedlungsbauten zu errichten, da bereits ein Mangel in Rathenow an geeignetem Siedlungsgelände bestand. An eine größere Ausweitung der Stadt im Osten wurde mit Rücksicht auf die erholungsbedürftigen arbeitenden Volksschichten vorerst nicht gedacht. Der wertvolle Waldbestand sollte erhalten bleiben.
Während der Zeit des Faschismus entsteht bei Neufriedrichsdorf für die Beisetzung von ausländischen verstorbenen Zwangsarbeitern aus Polen und der Sowjetunion 1943 ein separater Begräbnisplatz, der nach 1945 zu einer würdigen Ruhe- und Gedenkstätte von der Stadtverwaltung hergerichtet wurde. Siebenundsiebzig ausländische Bürger liegen auf diesem Waldfriedhof begraben. Für den Uneingeweihten ist es schwer, diesen kleinen Friedhof zu finden.
Nach Kriegsende befasste sich die antifaschistisch-demokratische Stadtverwallung Rathenows erneut im Jahre 1946 mit der Eingemeindung des Dorfes. Es war der dritte Anlauf, den die Kommunalbehörde unternahm. Zur Ausführung des Planes kam es jedoch erst im Jahre 1948 durch den Landtagsbeschluss vom 5.2.1948. Hierbei handelte es sich nur um eine reine Ordnungsmaßnahme, die aber auch in der schweren Nachkriegszeit aus finanzpolitischen Gründen notwendig geworden war. Die feierliche Übergabe fand am 1. März 1948 statt. Zur Zeit der Eingemeindung waren in Neufriedrichsdorf noch vier optische Kleinstbetriebe vorhanden. Diese Betriebe entstanden im Zuge der Entwicklung der optischen Industrie.
Die Gemeinde Neufriedrichsdorf, die einst von Friedrich II. zwecks Mehrung der Textilindustrie und zur Schaffung von Arbeitsplätzen angelegt worden war, bestand bei der Übergabe aus einer Flächengröße von rund 16 ha. Das kleine Schulhaus war durch die Kriegseinflüsse abgebrannt, und so mussten die Schulkinder zuerst einmal in der Gaststätte „Grüne Linde" unterrichtet werden, bis man in der Stadt die ersten schulräumlichen Schwierigkeiten überwunden hatte. Auch die Verkehrsprobleme mussten mitgelöst werden, die ein ebenso schweres Unterfangen in den ersten Nachkriegsjahren waren, da es an vielem mangelte.
Mehr als drei Jahrzehnte sind seit der Eingemeindung vergangen, und aus der ehemaligen Dorfansicht sind inzwischen - unter den fleißigen Händen einer neuen und sozialistischen Generation - schmucke Häuschen und Vorgärten geworden. Große Fensterfronten lassen hier und da kaum noch das Alter der Häuser ahnen, in denen einst so viel Leid den Menschen das Leben zur Bürde werden ließ. Eine zufriedene Siedlergemeinschaft prägt das Antlitz des einstigen Dorfes. Der Wohnbezirksausschuss 15 hat ein offenes Ohr für seine Mitbürger. Eine feste Fahrbahndecke und neue Lampen hat die ehemalige alte Sandstraße 1976-77 erhalten. Auch die Beleuchtung des Weges zum Feierabend- und Pflegeheim wurde zum gleichen Zeitraum gebaut. Die Omnibuslinie Ost-West ist, trotz der damaligen Hindernisse, schon lange eingerichtet und bereits zur Selbstverständlichkeit geworden.
Aus der ehemaligen Gaststätte „Neue Welt" wurde eine Konsumverkaufsstelle. In unmittelbarer Nähe der Neufriedrichsdorfer Straße ist 1965 ein Zweigbetrieb des Meliorationskombinates Potsdam an der nördlichen Seite der Bammer Landstraße erbaut worden. Rechterhand der Landstraße befindet sich vom VKSK die Sparte „Aufbau". Sie hat neuerdings eine weitere Sparte mit dem Namen „An der Bammer Landstraße" erhalten und liegt hinter dem Bahngelände. Dazu gehört ein größeres Teilgelände linkerhand der Bahnunterführung. Diese neue Sparte mit 56 Parzellen wird wohl in erster Linie für die Einwohner von Rathenow-Ost Bedeutung erlangen. So hat der VKSK auch an diesem Stadtrand eine Station junger Bienenzüchter gegründet. Nicht zu vergessen ist hinter der Wohnsiedlung der Hundetrainingsplatz.

Worterklärung:
1) Einlieger - ländlicher grundbestizloser Arbeiter, der zur Miete wohnte.
2) Dorfkorporation - Mit den Rechten einer juristischen Person ausgestattete Körperschalt oder Vereinigung im Dorf oder in der Gemeinde.

Quellenverzeichnis:
1) Guthjahr, Dr. R. Bilder aus der Geschichte des Rathenower Schulwesens aus Mein Havelland 1. Band S. 227
2) Krüger, E. Wie die ersten Neufriedrichsdorfer Hauseigentümer wurden aus Mein Havelland 1. Band S. 91-94
3) Specht, W. Neufriedrichsdorf "Hie guet Brandenburg allewege"
4) Band S. 145-152 (weitere Unterlagen können bei der Verfasserin erfragt werden)

Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1981, Seite 67-72, und 1982, Seite 46-55 veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.

Redaktionell bearbeitet am 07.11.07 von Robby Schmalz

 


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