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Die Auswirkungen der Revolution 1848/1849

von Joachim Freimuth

Die große RevolutiDunckeron der Jahre 1848 und 1849, die viele Länder Europas erfasste, wirkte sich auch auf unser Rathenow aus. Selbstverständlich konnte es auf Grund der Zusammensetzung der Bevölkerung und der Umgebung, in der sich die Stadt befand, nicht zu entscheidenden und wichtigen revolutionären Kämpfen kommen. Jedoch ist die Tatsache wichtig, dass diese Revolution so stark war, dass sie Auswirkungen in Gegenden haben konnte, die von der damals reaktionärsten Klasse, dem preußischen Adel, beherrscht wurde. Als Unterlage zu diesem Bericht diente mir eine Chronik der Stadt Rathenow von Eduard Duncker, in der der Verfasser in Tagebuchaufzeichnungen viele Ereignisse aus seinem Leben niederlegt. Die Leitung des Heimatmuseums stellte mir diesen Bericht freundlicherweise zur Verfügung. Eduard Duncker war der Sohn des Begründers der optischen Industrie, Johann Heinrich August Duncker. Nach dem körperlichen Zusammenbruch seines Vaters im Jahre 1820 übernahm Eduard Duncker die Leitung des optischen Betriebes. Zu seiner Zeit wurde die optische Industrieanstalt in die Berliner Straße, Ecke Brandenburger Straße, verlegt. Und am Vorabend der Revolution, nämlich im Jahre 1846 zog die erste Dampfmaschine in Rathenow ein, um in der optischen Industrieanstalt ihre Arbeit aufzunehmen.

Eduard Duncker war also ein Angehöriger der Klasse des Großbürgertums, die an einem siegreichen Ausgang der Revolution interessiert sein musste. Jedoch wie alle Angehörigen seiner Klasse verriet Duncker diese, weil auch in Rathenow die Kräfte der Arbeiter und Handwerker spürbar wurden, so bescheiden sie auch waren. Diese negative Einstellung kommt oft in den Äußerungen Dunckers vor.

Die Mitteilungen von den schweren Kämpfen des 18. März in Berlin gelangten durch Augenzeugenberichte einen Tag später nach Rathenow. Der Kaufmann Eduard Borchmann berichtete in allen Einzelheiten über seine Erlebnisse am 18. März in Berlin und fand gespannteste Aufmerksamkeit, besonders unter den Arbeitern, Handwerkern und Kleinbürgern. Heftigen Widerwillen der Bevölkerung der Stadt rief das Verhalten des westhavelländischen Kreistages hervor, der am 20. März 1848 auf Veranlassung der hier herrschenden Adligen bei einem Diner im Deutschen Hause dem König und seinem „tapfer“ kämpfenden Heer einen Toast ausbrachte. Dabei wusste zu dieser Zeit schon alle Welt, dass die preußischen Soldaten unter dem Druck der revolutionären Kämpfer die Stadt Berlin geräumt hatten. Viele Rathenower Bürger, die es sich zeitlich und finanziell leisten konnten, besuchten Berlin und kamen von dort tief beeindruckt zurück.

Als am 22. März unter der großen Anteilnahme der Bevölkerung die gefallenen Barrikadenkämpfer von Berlin beigesetzt wurden, weilte unter dem riesigen Trauergefolge auch ein ehemaliger Rathenower Bürgermeister, namens Schulz. Zu einer ersten großen Volksversammlung kam es am 16. April auf dem Turnplatz, dessen Reste unter der Bezeichnung „Alter Turnplatz“ noch heute am Friedrich-Ebert-Ring vorhanden sind. Hier versammelte sich eine große Menschenmenge, um den Rednern zu lauschen und ihre Forderungen anzubringen. Über den Inhalt der Reden und Forderungen wissen wir nichts. Jedoch können wir annehmen, dass sie sich mit den bekannten Forderungen nach bürgerlichen Freiheiten sowie nach Arbeit und Brot deckten. Am 18. April wurde auch in Rathenow eine Bürgerwehr aufgestellt. Diese wurde jedoch nur gebildet, um das besitzende Bürgertum vor den auch in Rathenow hervortretenden Arbeitern und Handwerkern zu schützen, statt die Errungenschaften der Revolu¬tion zu verteidigen, geschweige sie voranzutragen. So war dann unsere Rathenower Bürgerwehr mehr eine Karikatur als eine ernst zu nehmende militärische Organisation.

Wie in vielen anderen deutschen Städten litt auch in Rathenow das Wirtschaftsleben sehr unter der seit 1847 herrschenden Wirtschaftskrise. Als nun unter dem Einfluss der Ereignisse bei uns die Arbeiter stärker mit ihren Forderungen nach Arbeit und sozialer Sicherheit hervortraten, versuchte der Rat der Stadt sie durch Notstandsarbeiten abzulenken. Das Ergebnis war der endliche Beginn der schon lange geplanten Chaussee nach Brandenburg über Bamme, Mützlitz. Solange hatten es vor allem die Gutsbesitzer verstanden, diesen Bau zu hintertreiben, da sie mit dieser Chaussee eine Minderung ihres Einflusses fürchteten.

Am 8. Mai 1848 begann der Bau dieser Chaussee. Sie wurde nach achtjähriger Bauzeit im Jahre 1856 fertig gestellt.

Inzwischen erhoben die Handwerker immer nachdrücklicher ihre Forderungen nach höheren Löhnen. Am 19. Mai brachten die Maurer- und Zimmergesellen ihre Forderungen an die Öffentlichkeit. Die Elementarlehrer unserer Stadt und der weiteren Umgebung beantragten eine Gehaltserhöhung auf 250 Taler jährlich für Landlehrer und 400 Taler jährlich für Stadtlehrer. Der Bürgermeister Fischer forderte vor der Stadtverordnetenversammlung, zur Behebung der Not unter der Bevölkerung von den reichen Bürgern der Stadt mit einem jährlichen Einkommen von über 300 Reichstalern, eine besondere Einkommensteuer zu erheben. Die Mehrheit der Stadtverordneten lehnte ab. Bürgermeister Fischer war ein überzeugter Anhänger der herrschenden bürgerlichen Revolution und der Frankfurter Nationalversammlung. Deshalb wurde er in der zeitgenössischen örtlichen Geschichtsschreibung mit den übelsten Ausdrücken belegt. Tatsache ist aber, dass sich Fischer im Rahmen seiner Möglichkeiten stets für die Bevölkerung eingesetzt hatte. Unter seinem Einfluss und dem der Einwohner der Stadt sandte der Magistrat eine Adresse an die preußische Nationalversammlung, in der gegen die Vertreibung dieser gewählten Einrichtung aus Berlin protestiert wurde und Maßnahmen zum Widerstand gegen die Gewaltpolitik des Königs gefordert wurde.

Bewaffnete Auseinandersetzung

Diese erwähnte Vertreibung der Nationalversammlung aus Berlin war das Vorspiel zu den nun in Rathenow folgenden Auseinandersetzungen zwischen den Einwohnern und dem hier stationierten Militär.

Erinnern wir uns: Durch ihre schwache und kompromissbereite Politik ermöglichten es die Nationalversammlung und die hinter ihr stehenden Kräfte der Reaktion, wieder stark zu werden. So konnte es der berüchtigte General Wränge! wagen, am 9. November 1848 mit einer starken Truppenmacht wieder in Berlin einzurücken. Eine seiner ersten Maßnahmen war die Vertreibung der preußischen Nationalversammlung.

Am 14. November erhielt die Rathenower Garnison den Befehl, auszurücken, um wie es in der Stadt hieß, bei den erneut in Berlin ausgebrochenen Unruhen die Macht der Reaktion stärken zu helfen. Nun war die Rathenower Bevölkerung schon immer beunruhigt über die Tatsache, dass die Garnison in dieser Zeit häufig genug gegen revolutionäre Erhebungen eingesetzt wurde. Diesmal ging es nicht mehr ohne Gewalt ab.

Als sich der Befehl zum Ausmarsch in der Stadt herumgesprochen hatte, bildeten sich bald überall in der Stadt große Menschenmengen, die spontan forderten, man müsse den Aufmarsch verhindern, damit die Soldaten nicht gegen die Klassenbrüder in Berlin eingesetzt werden könnten. Eine Forderung des Garnisonkommandanten an den Magistrat, die Bevölkerung zu beruhigen, verlief ergebnislos. Die Mitglieder, die sich zur Durchsetzung dieser Forderung bereitfanden, unter ihnen auch Eduard Duncker, wurden von der Bevölkerung verhöhnt, bedroht und nach Hause geschickt. Der Garnisonskommandant,, Rittmeister v. Kotze, war zunächst völlig ratlos, denn, wo hatte es schon jemals so etwas gegeben, dass sich die Bevölkerung einer preußischen Kleinstadt gegen das Militär erhob.

Inzwischen hatten beherzte Bürger das Berliner Tor verrammelt und verbarrikadiert, so dass an dieser Stelle den Soldaten das Ausrücken unmöglich gemacht wurde. Fluchtartig versuchten diese nun, durch das Brandenburger Tor zu entkommen. Das Brandenburger Tor stand dort, wo heute die Brandenburger Straße in die Milower übergeht. Auch an dieser Stelle setzten sich Bürger erbittert gegen die Soldaten zur Wehr, konnten dann aber doch nicht den Ausmarsch verhindern. Diese begannen dann ziemlich ramponiert den Marsch nach Brandenburg. Der geführte Schusswechsel brachte zum Glück keinen Toten.

Weitere Unruhen

Einen Tag danach, also am 15. November, kam eine Kommission Garde-Offiziere in die Stadt, um die Unterbringung von 550 Rekruten vorzubereiten, die hier ausgebildet werden sollten. Angesichts der Vorgänge vom Vortage war aber die Stimmung unter den Bürgern derart, dass sich kaum einer zur Aufnahme bereitfand und die Offiziere unverrichteterdinge abreisen mussten. Außerdem wurden 40 Rathenower Bürger, die eine Einberufung zur Landwehr erhalten hatten, öffentlich aufgefordert, sich nicht zu stellen, da man gleichfalls der Meinung war, auch diese sollten nur zur Unterdrückung revolutionärer Unruhen eingesetzt werden.

Bürgermeister Fischer, der am Tage der Auseinandersetzungen zwischen der Bevölkerung und dem Militär von Rathenow abwesend war, widersetzte sich einer Botschaft an den König und übte öffentliche Kritik am König und der Regierung. In dieser Botschaft verriet das Rathenower Bürgertum die werktätige Bevölkerung und beschwor den König, den Vorfällen des 14. November keine Bedeutung beizumessen. Die Furcht des Rathenower Bürgertums war zweifach begründet: Einmal zeigten diese Ereignisse, dass die Rathenower Bevölkerung gewillt war, sich nicht länger nur mit leeren Worten abspeisen zu lassen, sondern mit Gewalt zu nehmen, was man nicht gutwillig gab. So flößten die bewaffneten Auseinandersetzungen, so gering sie auch waren, dem besitzenden Bürgertum doch einen gewaltigen Schrecken ein. Der König sollte also die Garnison in Rathenow belassen zum Schutz des Bürgertums. Zum anderen war die Garnison eine willkommene Quelle der Bereicherung. Der König von Preußen jedoch war über die Rathenower Vorfälle sehr erbittert und befahl, dass Rathenow fortan nicht mehr preußische Garnison  sein solle.  Und  die führende Zeitung des Königreiches Preußen, die so genannte Kreuzzeitung bemerkte unter Schilderung der Vorfälle vom 14. November, dass Rathenow eine der schlechtes gesinnten Städte der Monarchie sei! Als jedoch die reaktionären Kräfte gesiegt hatten, unterließen es die Rathenower Bürger nicht, ständige demütigende Bittgänge bei der Regierung zwecks Rücklegung einer Garnison nach Rathenow zu unternehmen. Der schwache König schien dabei nichts zu sagen zu haben, vielmehr war die Macht des berüchtigten Generals Wrangel sehr stark und seine Meinung war ausschlaggebend. Mehrere Gesuche in dieser Hinsicht wurden von ihm schroff abgewiesen. Jedoch änderte sich diese Haltung allmählich. Am 14. Dezember 1849 gab das Rathenower Bürgertum Wrangel eine demütigende Vorstellung in Gestalt eines üppigen Gastmahles, und dieser verschloss sich nicht länger den Argumenten des Bürgertums nach Schutz vor der Bevölkerung.

Nach mehreren vorübergehenden Stationierungen erhielt dann die Stadt Teile des 3. Brandenburgischen Husarenregiments als ständige Garnison. Dies geschah im Jahre 1851. Später siedelte dann das ganze Regiment nach Rathenow über.

Die Rache der Reaktion

So unbedeutend die Auseinandersetzungen zwischen der Rathenower Bevölkerung und dem Militär in Bezug auf das Gesamtgeschehen der Revolution waren, so bedeutungsvoll waren sie für die herrschende Klasse, die nun daran interessiert war, auch nur den kleinsten Herd des Widerstandes auszutreten. So wurde schon kurze Zeit nach dem 14. November die Untersuchung eingeleitet. Dabei befand sich das Rathenower Bürgertum in einer verzwickten Lage. Auf der einen Seite war es natürlich daran interessiert, die Aufständischen so hart wie möglich bestrafen zu lassen als Abschreckung für weitere Vorfälle. Andererseits wollte man aber die Vorfälle nicht allzu stark aufbauschen, um nicht gänzlich den Anspruch auf eine Garnison zu verlieren.

Obwohl die Bevölkerung mehrere Gnadengesuche an die Regierung einreichte, wurden 28 Bürger, meist Kleinbürger und Arbeiter, vor Gericht gestellt und zu hohen Freiheitsstrafen verurteilt.  Im März 1850 wurde in Brandenburg das Urteil gesprochen. 13 Bürger wurden zu je 3 Jahren Zuchthaus verurteilt. Es waren dies: Böttcher Meier, Zimmerpolier Schneider, Tuchmacher Taubenspeck, Knopfmacher Mertens, Maler Egeling, Tuchscherer Thomas, Geometer Kissing, Ökonom Titschkau, Schneider Müller,  Aufkäufer Döbelin, Arbeiter Trischler, Arbeiter Paetsch, Sattler Stuhde. Zu zwei Jahren  Festung wurden verurteilt: Schreiber Behrens, Kaufmann Keisler, Maurer Wisch, Zimmermann Biese. Acht Monate Gefängnis bekam Maler Barmann. Zu 6 Monaten Gefängnis wurden verurteilt Arbeiter Kampf, Arbeiter Walther, Arbeiter Erdmann, Arbeiter Holzhauer, Maurer Müller, Maurer Garz, Arbeiter Guthjahr, während Kissing jun. mit zwei Monaten Gefängnis davonkam.

Als dieses Urteil bekannt wurde, drängten die Arbeiter und Kleinbürger den Magistrat, abermals ein Gnadengesuch an den König zu senden. Doch wollte der Magistrat nichts davon wissen, da er noch mehr den Unwillen des Königs fürchtete, musste sich aber doch dem Wunsche der Mehrheit der Stadtbevölkerung fügen. Dieses Gnadengesuch wurde in aller Schärfe abgelehnt und hat den Unwillen des Königs gegen Rathenow zunächst noch sehr verstärkt. Doch sah sich die Stadtverordnetenversammlung angesichts der drohenden Haltung der Bevölkerung gezwungen, den Angehörigen der Verurteilten Unterstützung zu zahlen, so dass von diesen wenigstens die nackte Not abgewendet werden konnte.

Der Bürgermeister Fischer wurde nach dem Sieg der reaktionären Kräfte am 1. März 1849 seines Amtes enthoben. Eine gerichtliche Verurteilung erfolgte nicht, da Fischer in den Tagen der Auseinandersetzungen nicht in Rathenow weilte.
Selbst der am 4. März 1851 verstorbene Kantor Wolff wurde noch nach seinem Tode verdächtigt, ein Demokrat gewesen zu sein, weil er mit der bürgerlichen Revolution symphatisierte. Kantor Wolff war zu seinen Lebzeiten ein bedeutender Organist in der St.-Marien-Andreas-Kirche und noch mehr ein großer Förderer des Rathenower Musiklebens, indem er aus den Kreisen der Bürger Chöre und Musikgruppen bildete und sie so schulte, dass sie Aufführungen mit beachtlichem Niveau bringen konnten.

Ausklang

Die bürgerliche Revolution von 1848/49 scheiterte, weil die mächtige Bourgeoisie aus Angst vor der deutlich zutage getretenen Kraft der Arbeiterklasse Verrat übte und sich mit den eben geschlagenen reaktionären Kräften verbündete. In Rathenow kam das besonders darin zum Ausdruck, dass das Bürgertum alles tat und auch bittere Demütigungen nicht scheute, um die abgezogene Garnison nach der Stadt zurückzubekommen. In Auswirkung dieser Revolution arbeiteten nun Marx und Engels besonders an der Entwicklung der Arbeiterbewegung zu einer selbständigen Klassenbewegung, da künftig nur noch die Arbeiterklasse in der Lage war, die Lebenslage des gesamten Volkes zu bessern.
Nachdem in Rathenow durch die Entwicklung der optischen Industrie die Arbeiterklasse genügend gestärkt war, wurde 1889 die erste selbständige Arbeiterorganisation in Gestalt einer Ortsgruppe der SPD gegründet.


Redaktionell bearbeitet am 12.11.07 von Robby Schmalz

 


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