Wie entwickelte sich Neue Schleuse
von Lehrer W. Zimmermann
Name der Gemeinde
Neue Schleuse ist eine Siedlung aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts. Sein Name ist aus dem Volksmunde hervorgegangen. Als die Stadtschleuse in Rathenow dem steigenden Schifffahrtsverkehr nicht mehr gewachsen war, entschloss sich die Wasserbauverwaltung, westlich der Stadt auf dem Gebiet der Provinz Sachsen eine neue, größere Schleuse zu erbauen und gleichzeitig den Wasserweg durch Abschneidung, des Havelbogens, der durch die Stadt führt, zu verkürzen. So wurde der Schleusenkanal gegraben. Gingen nun die Bürger der Stadt an Sonntagen oder nach Feierabend zur Stadt hinaus, um den Stand der Bauarbeiten zu besichtigen, so hieß es: „Wir gehen zur neuen Schleuse". Dieser Name wurde dann später von der dort entstehenden Siedlung übernommen und im Jahre 1910 behördlich anerkannt.
Entstehung der Gemeinde
Das Gelände, auf dem heute Neue Schleuse steht, gehörte bis 1910 noch zum Ortsgebiet Steckelsdorf, und zwar gehörte um 1800 der größte Teil des Grund und Bodens dem Bauern Christian Gebhardt. Sein Hof hatte bis zum Jahre 1819 in Steckeisdorf neben dem Gutshof des Herrn von K a 11 e, Wust, der auch Lehnsherr von Steckeisdorf war, gestanden. Am 6. Mai 1819 brach in seiner Branntweinbrennerei ein Feuer aus, das den ganzen Ort in Asche legte. Der Gutsherr nahm nun zur Vergrößerung seines Gutshofes die Baustelle des Christian Gebhardt zu seinem Grundstück hinzu, und Gebhardt baute sich inmitten seiner Felder einen neuen Hof an der heutigen Gebhardtstraße auf. So entstand der Gebhardtshof. Dieser Gebhardt war ein tatkräftiger, unternehmungslustiger Mann. Er hatte nacheinander 4 Frauen und 31 Kinder. Eine Anzahl war, allerdings durch die Frauen mit in die Ehe gebracht worden. Den Kindern, die hier blieben, baute er neben seinem Grundstück der Havel zu einem Haus, in dem vier Familien Gebhardt wohnten. Verschiedene Nachkommen aus diesem Geschlecht leben ja heute noch hier. Eine Tochter, die mit einem gewissen Hennig verheiratet war, errichtete ein Wohnhaus
an dem alten Göttliner Weg (heute Baumschulenweg) unweit des toten Havelarmes. Hennig betrieb hier eine Tischlerei (heute Baumschulenweg 17). Links des Weges, von Rathenow ausgesehen, befand sich ein Sägeplatz und dabei ein Unterkunftshaus für die Sägeleute (Baumschulenweg 3a). Rechts des Weges neben der Henningschen Tischlerei errichtete der Sohn Wilhelm Gebhardt, der zweite Besitzer von Gebhardtshof und jüngste Sohn unter den 31 Kindern, in Gemeinschaft mit einem Barnewitz eine Ziegelei. Das Haus Baumschulenweg 18 war das Ziegelmeisterhaus. 1858 übernahm Barnewitz diese als alleinigen Besitz, und noch im selben Jahre brannte sie vollständig nieder. Durch Funkenflug wurde auch der Gebhardtshof nebst dem Wohnhaus der vier Gebhardtsfamilien in Brand gesetzt und eingeäschert. Der Hof wurde in demselben Jahre wieder aufgebaut, und die vier Familien Gebhardt errichten sich jetzt die vier Wohnhäuser neben dem Gutshof, in denen heute die Familien Gebhardt, Baumgart, Kühne und Schulze wohnen (Gebhardtstraße 7, 8, 9, 10). Auch die Ziegelei wurde wieder aufgebaut, nach dem 1. Weltkrieg aber abgerissen. Da die beiden Söhne des W. Gebhardt sich anderen Berufen zuwandten, verkaufte die Witwe des inzwischen verstorbenen Gebhardt den Besitz 1859 an den Juden Cohn aus Potsdam für 15000 Taler, der ihn dann mit 3000 Taler Profit an Dr. Gröbler in Rathenow weiterverkaufte. 1862 ging der Besitz an den Brauer Müller aus Rathenow über für 24 000 Taler, der 1865 noch 41 Morgen für 700 Taler dazukaufte und in seinem Hause eine Schankwirtschaft einrichtete. Gebhardtshof wurde bald ein beliebtes Ausflugslokal für die Bewohner Rathenows, die gerne unter den schattigen Bäumen vor dem Gutshause saßen. 1876 aber wechselte das Grundstück abermals seinen Besitzer, und diesmal erwarb es der Amtmann Hermann Seeger aus Grabow bei Brandenburg für 36 000 Taler. Von ihm ging das Gut 1893 an seinen Sohn Otto Seeger über, der es wieder durch Ankauf von 40 Morgen vergrößerte. Otto Seeger starb am 29. Februar 1950, sein Sohn und Erbe ist im Weltkrieg als Unteroffizier bei Thiepval gefallen. Schon vor dem Schleusenbau (1897 bis 1901) war an der Genthin-Rathenower Chaussee, die 1880 erbaut worden war, ein neues Gasthaus entstanden, der heute noch bestehende „Herrnkrug". Während des Kanalbaues erwarb dann der „Wasserbudiker" Albert Weiß einen Bauplatz von dem Gutsbesitzer Seeger dort, wo heute die Göttliner Chaussee in die Genthiner Straße einmündet, um hier ebenfalls eine Gastwirtschaft, verbunden mit einer Materialwarenhandlung, aufzubauen, die hauptsächlich den Bedürfnissen der durchfahrenden Schiffer dienen sollte. Er starb aber, als der Rohbau fertig war, und der Bademeister Witt kaufte nun das Grundstück und vollendete den Bau. (Das Geschäft ging 1936 ein und wurde zu einer Gärtnerei umgebaut.) Zur gleichen Zeit begann auch der bisherige Schiffer Carl Voß auf dem Gelände der Wasserbauverwaltung eine dritte Gastwirtschaft zu erbauen, das Havelschlösschen (jetzt Parkschlösschen), die denselben Zwecken dienen sollte. Inzwischen waren auch die ersten Privathäuser entstanden: Bading (Genthiner Str. 102), Weiß (Genthiner Str. 101) und Ahlgrimm (Genthiner Str. 98).
1903 wurde das Bürgermeisterhaus von Marie Gericke erbaut. Am 21. Juni 1901 erschien in der „Rathenower Zeitung" folgende Anzeige: „Bauplätze! An der neuen Schleuse, links und rechts der Chaussee', links und rechts des Göttliner Weges sind große und kleine Bauplätze mit. und ohne Gärten zu mäßigen Preisen zu haben. Zwecks Aufstellung eines günstigen Bebauungsplanes wird den Wünschen der Käufer nach Möglichkeit entgegengekommen werden. Meldungen an Kantor Beneke, Göttlin erbeten."
Der Kantor Beneke war damals Lehrer in Göttlin. Er trat von dieser Zeit ab in den Mittelpunkt der Entwicklung von Neue Schleuse, ebenso wie der Lehrer Gustav Hiller aus Rathenow. Beide siedelten sich ebenfalls in Neue Schleuse an, Beneke neben der letzten Bürgermeisterei, wo seine Enkelin heute noch wohnt. Hiller wohnte am Nordteil des Schleusenkanals. - Auf diese Anzeige hin kamen die Baulustigen in großen Scharen, so dass sonntags oft 8-10 Baustellen durch Seeger verkauft wurden. Seeger wurde dadurch ein wohlhabender Mann - man schätzte sein Vermögen auf 300 000 Mk., das aber durch die Inflation fast vollständig wieder verloren ging.
Wie sah nun die Landschaft hier aus, ehe die Bautätigkeit begann? Neue Schleuse steht auf einem welligen Sandboden. Die höheren Stellen im südwestlichen Teil unseres Ortes waren mit Kiefern und Birken bestanden, in den Niederungen wuchs Laubholz (Eichen, Ulmen, Akazien). Die letzten Reste dieses Baumbestandes finden wir noch vor dem Kindergarten und von da an südlich auf fast allen Grundstücken. Der nordöstliche Teil (von Sanssouci an) war Ackerland. Das Waldgebiet war eine anmutige norddeutsche Heidelandschaft, besonders im Frühling, wenn das Unterholz grünte, die Birken sich schmückten und die Heidelerche ihr Lied sang. An Straßen durchquerten das Gebiet von Neue Schleuse seit 1880 die Genthin-Rathenower Chaussee und als Landwege die heutige Gebhardtstraße, der alte Göttliner Weg, der Weg zur Magazininsel, der hinter dem „Herrnkrug" abging, und der Bäckersteig. Auf diesem bisher so s
tillen Gebiet begann nun 1902 eine rege Tätigkeit. Die glücklichen Besitzer zäunten ihre Bauparzellen ein, ebneten den Boden, zogen Gräben, rigolten und pflanzten. Seeger lieh ihnen Geld, und so konnten sie auch bald an den Bau des Hauses gehen. 1904 hatte die Siedlung schon rund 300 Einwohner. Da wurde die wilde Bauerei durch den Landrat verboten. Dem immer rührigen Kantor Beneke aber gelang es, die Genehmigung für einen von ihm entworfenen Bebauungsplan zu erlangen und so konnte die Besiedlung nach einjähriger Pause weitergehen. 1905 stiftete Seeger einen Morgen Land für den Friedhof, einen Morgen für die Schule und 3000 Mk für den Bau eines Schulhauses. Den Bemühungen des Kantors Beneke war es nämlich zu danken, dass die Kolonie Gebhardtshof in diesem Jahre eine eigene Schule bekam, obwohl sie politisch noch immer zu Steckeisdorf gehörte. Nach Ostern 1905 trat der erste Lehrer hier sein Amt an. Dieser Lehrer Oelhoff hat es verstanden, ein geistiges Band um die zusammengewürfelte Bevölkerung zu schlingen. Er gründete nacheinander einen Gesangverein, einen Turnverein und eine freiwillige Feuerwehr und versammelte so mehrmals wöchentlich die Bevölkerung um sich. -1906 wurde die Göttliner Chaussee gebaut. Die regeste Bautätigkeit herrschte dann noch im Jahre 1907, von da trat eine langsamere Entwicklung ein. Die neue Siedlung trug amtlich noch immer den Namen Gebhardtshof, während sie im Volksmunde Neue Schleuse hieß. 1910 war die Einwohnerzahl auf 1352 angewachsen. Jetzt wurde eine Trennung der Kolonie von Steckeisdorf vorgenommen und seit dem 1. Oktober 1910 führte unser Stadtteil nun auch amtlich den Namen Neue Schleuse.
Vorher war es zu einem Streit unter den Einwohnern über die Namensgebung gekommen. Die immer noch zahlreich vorhandenen Gebhardts und ihr Anhang wollten den alten Namen Gebhardtshof beibehalten, andere aber wollten den Namen des Gründers Seeger darin verflochten wissen. Da stellte Seeger an der Genthin-Rathenower Chaussee eine Tafel auf mit der Aufschrift: Dieser Ort heißt Neue Schleuse! Das war nun zwar über seine Befugnisse hinaus gehandelt, aber der Name blieb bestehen. Die neuen Gemeindevertreter aber wählten einstimmig zum 1. Gemeindevorsteher von Neue Schleuse den Gutsbesitzer Otto Seeger.
Neue Schleuse 1910
Das Ortsgebiet von Neue Schleuse umfasste nun die Kolonie Gebhardtshof, die Magazininsel und das südwestliche Siedlungsgebiet des Ortes.
Der Gebhardtshof umfasste alle Gebiete, die von der Linie Herrnkrug-Friedhof nach Nordosten lagen. Der östliche Teil des Friedhofes lag noch auf diesem Gebiet, der Herrnkrug nicht. Die Friedensstraße liegt als erste Querstraße auf dem Boden von Gebhardtshof. Im Süden wurde das Gebiet durch den Weg begrenzt, der hinter dem Herrnkrug zur Magazininsel führte. Im Osten reichte es über den jetzigen Schleusenkanal hinweg bis zur Havel, so dass also auch die Ofenfabrik von Schulz & Bartel auf dem Boden von Gebhardtshof stand. Das Gut Gebhardtshof umfasste ungefähr 100 ha. Die zugekauften Acker- und Wiesenpläne nordwestlich des Schliepengrabens sind wieder an Steckelsdorfer Bauern zurückverkauft worden, gehören aber weiter zum Ortsgebiet Neue Schleuse.
Die Magazininsel
Die Anfänge zur Errichtung des Magazins gehen bis in das Jahr 1784 zurück. In diesem Jahr gab der König durch Ordre vom 16. Dezember den Befehl, in der Nähe von Rathenow ein Magazingebäude zu erbauen und als Bauplatz hierfür ein Stück .Land erwerben zu lassen, welches zwischen dem Überfall und der hohen Arche liegt und zu dem Dorfe Steckeisdorf im damaligen Erzstift und Herzogtum Magdeburg gehörte. Gleichzeitig wurde durch diese Ordre Anweisung zur Besichtigung und Abschätzung des Ackers gegeben, der teils Eigentum des Rittergutsbesitzers von Katte auf Steckeisdorf war, teils sich im Besitz verschiedener Bauern dieser Gemeinde befand. Friedrich der II. soll die erste Verhandlung persönlich geführt und während der Verhandlung unter einer noch jetzt auf dem Gebäude des Amtes stehenden Kiefer gesessen haben. Im Jahre 1786 ist dann der Kaufkontrakt zustande gekommen, wonach der ganze Acker, der Kiezhügel genannt, in einer Größe von l Hufe, 23 Morgen und 37,5 Quadratruten zum Kaufpreis von 3289 Reichstalern, 9 Groschen und 3 Pfennig in Gold zur Erbauung eines großen Magazins von der Kriegs- und Domänenkammer des Herzogtums Magdeburg erworben wurde. Der Erwerb der Grundstücke erfolgte lasten- und abgabefrei, dagegen wurden die zu denselben gehörigen Fischereirechten auf der Havel der Familie von Katte und den übrigen Verkäufern der Grundstücke belassen. Der Kiezhügel, der im Süden von der schiffbaren Havel, im Osten sowie Westen und Norden von zwei Armen derselben vollständig eingeschlossen ist, wurde von nun ab Magazininsel genannt. In den Jahren 1786, dem Todesjahr des Königs, bis 1789 ist dann auf der Insel das große Korn- und Mehlmagazin nebst 2 Wohnhäusern für die Oberoffizianten, Kornmesser und Kornschipper, sowie Nachtwächter und je einem Spritzen- und Feuerleiterhaus erbaut worden. Ebenso wurde eine hölzerne Brücke über die Vorderarche (Rathenower Seite) und eine ähnliche Brücke über die Hinterarche (Steckelsdorfer Seite) mit einem hölzernen Gittertor hergestellt. Das große Magazingebäude hatte die Gestalt eines regelmäßig länglichen Rechteckes, dessen Front- und Hintergebäude am längsten waren. Beide waren durch den östlichen, westlichen und Mittelflügel zu einem Ganzen vereinigt. Die vier Seitengebäude des Rechteckes, die den Mittelflügel umgaben, wurden Mögeliner, Steckelsdorfer, Göttliner und Rathenower Flügel genannt. Die Länge des Mögeliner und des Göttliner Flügels betrugen 157 Meter, das Maß der Außenseite des Steckelsdorfer sowie auch des Rathenower Flügels 109 Meter. Der Mittelflügel aber war nur 80 Meter lang. Jeder der 5 Flügel hatte 15 m Tiefe. Das Erdgeschoß war mit Mauersteinen doppelt gepflastert und 3,70 m hoch. Die Böden der drei Stockwerke und die beiden übereinander gelegenen Dachböden waren mit Brettern gedielt und aus Fachwerk gebaut. Die Höhe der beiden Böden betrug für jeden 3 m. Als Dach war doppeltes Ziegeldach aufgesetzt. Innerhalb des Gebäudes befanden sich zwei Höfe, auch war auf jedem Hof ein Brunnen vorhanden.
Das Magazin fasste insgesamt 21320 Wispel - 281424 Hektoliter. Es übertraf mit seinen 926 Luken an Umfang und Gelass alle anderen Gebäude von ähnlicher Bestimmung im preußischen Staate. Die beiden Wohnhäuser für die Ober- und Unteroffizianten wurden zu beiden Seiten der Magazinfront und damit in gleicher Linie einstöckig und massiv erbaut. In dem Wohngebäude auf der Stadtseite wohnten zwei Oberofflzianten. Außerdem waren in diesem- Gebäude die Geschäftszimmer untergebracht. Das auf der Westseite des Magazins gelegene Wohngebäude enthielt Wohnungen für zwei Oberofflzianten und zwei Kornmesser bzw. -schipper, auch war hier die Magazinwache, l Unteroffizier und 12 Mann, untergebracht. An Feuergerätschaften besaß das Magazin l metallene Schlauchspritze, 50 im inneren Raum verteilte Wassertienen, 100 Handspritzen, 100 lederne Feuereimer, außerdem l Spritzen- und l Leiterhaus. Zum Schütze gegen Blitzgefahr waren auf dem Mögeliner Flügel 2 Blitzableiter errichtet worden, und da sie für das große Gebäude nicht zureichten, wurden 1805 sechs Blitzableiter angebracht. Für den Innenbau des Magazins wurden an Holz 180jährige Kiefern verwandt. Die Erbauung des Magazins geschah unter der Leitung des Majors Stein und des Landbaumeisters Busse. Nach der Wagenerschen Rathenower Chronik sollen die Baukosten für das Riesengebäude einschließlich der beiden Wohnhäuser nebst Spritzen- und Feuerleiterhaus sowie der hölzernen Brücke über die Vorderarche 120 000 Reichstaler betragen haben.
Das große Proviant- und Fourage-Magazin war nicht nur zur Versorgung der Truppen des Standortes Rathenow, sondern in der Hauptsache auch als Vorratskammer für die in der Mark untergebrachten Truppen und später für größere Teile des III. Armeekorps erbaut. Seit 1790 war auch eine Invalidenkompagnie, die später noch um eine zweite vermehrt wurde, zur Bewachung des großen Magazins in Rathenow untergebracht und zu verpflegen gewesen. Sie blieben auch während der Besetzung Rathenows durch die Franzosen im Jahre 1806 in der Stadt und führten trotzdem ihren Wachdienst weiter aus. 1886/87 wurden der Mittelflügel und die an den Steckelsdorfer stoßende Hälfte des Göttliner Flügels abgebrochen, weil die Räume als überflüssig erachtet wurden. Die daraus gewonnenen Baustoffe, das kerngesunde Holz und das Steinmaterial fanden
zu den ersten Neubauten des Kasernements für das Zietenhusarenregiment Verwendung. Bei dieser Gelegenheit wurden auch die vorhandenen Blitzableiter abgenommen, sie boten im Laufe der langen Jahre keinen sicheren Schutz mehr gegen Blitzgefahr. Über die Zweckmäßigkeit bzw. Notwendigkeit der Anbringung neuer Blitzableiter sind dann zwischen den zuständigen Behörden Meinungsverschiedenheiten entstanden, die sich leider jahrelang hinzogen. Bei einem im Sommer 189 aufkommenden Gewitter fuhr der verhängnisvolle Blitzstrahl nieder und verwandelte das stolze Riesengebäude in wenigen Stunden in einen Trümmerhaufen. Am nächsten Tage folgte ein ausführlicher Bericht in der „Rathenower Zeitung". Ihm ist noch zu entnehmen: „In den mit leicht brennbaren Stoffen, Heu, Stroh, Mehl, Roggen und Hafer gefüllten großen Räumen fand das verheerende Element eine rasend schnelle Verbreitung, so dass jeder Rettungsversuch nutzlos war und die schnell herbeigeeilte Feuerwehr nur die weitere Verbreitung des Feuers zu verhüten bestrebt war, was ihr auch vollständig gelungen ist. Es war ein großartig schauerlich schönes Bild, das sich den Augen der Tausende von Menschen darbot, die die Brandstätte umstanden, ohne helfen zu können. Spritzen und Löschmannschaften waren aus meilenweiter Entfernung nach hier geeilt. Die aufgespeicherten Vorräte im Magazin waren enorm. Verbrannt sollen sein: Etwa 30000 Ztr. Roggenmehl. 26000 Ztr. Hafer, 20 Ztr. Zwieback und Zwiebackmehl, 5750 Portionen Fleisch- und Gemüsekonserven (zu 200 bis 225 g), ferner 4850 Stück Drellsäcke, 150 Stück Jutesäcke, 5000 Ztr. Heu, 4000 Ztr. Stroh und sämtliche Feuerlöschgeräte". Alsbald nach Ausbruch des Brandes wurde derselbe telegraphisch nach Berlin dem Generalkommando des 3. Armeekorps gemeldet. Von dort rief man unverweilt nach 5*/4 Uhr nachmittags durchs Telefon die Hilfeleistung der Berliner Feuerwehr an, und nach kurzer Zeit erschien auch der wirkliche Geheime Kriegsrat Kreide! persönlich auf dem Hauptdepot in der Lindenstraße. Inzwischen war auch bereits auf Anordnung des Generalkommandos ein Extrazug für die Berliner Feuerwehr bereitgestellt worden und eben, es war kurz nach 6 Uhr, sollte die Löschhilfe nach hier abgehen, als dort die telegraphische Meldung eintraf, dass es zwecklos sei, die Berliner Feuerwehr nach hier zu beordern, da die vom Feuer ergriffenen Magazine rettungslos verloren wären. Daraufhin unterblieb dann die Abfahrt der Berliner Feuerwehr, die auch vollständig nutzlos gewesen wäre. Am Montag, dem 3. August 1891, um 4 Uhr, entstand der Brand und nach eingebrochener Dunkelheit war das Riesenmagazin bereits in allen seinen Teilen niedergebrannt. Weiter wurde damals berichtet, dass der entstandene Schaden auf l 700 00.0 Mark abgeschätzt worden sei. Am Sonntag nach dem Brande war die Brandstätte, auf der noch immer 3 Spritzen in Tätigkeit waren, für das Publikum geöffnet, und es entwickelte sich im Laufe des Nachmittags dorthin eine wahre Völkerwanderung. Dichte Rauchwolken zeigten deutlich die Stellen an, wo die großen Vorräte gelagert .haben, ehe sie dem vernichtenden Brand zum Opfer fielen. Nahezu 3 Wochen nach Ausbruch des Brandes entstiegen den Trümmern noch immer weithin sichtbare Rauchwolken. Das Abräumen der Trümmerstätte ging mit größter Beschleunigung vor sich. Das neue Proviantmagazin ist auf den Trümmern des alten entstanden, allerdings nicht annähernd in dem bisherigen Umfange, sondern man hat die stehen gebliebenen Umfassungsmauern überdacht, mit Blitzschutz versehen und in einiger Entfernung größere Schuppen zur Aufspeicherung von Heu und Stroh erbaut, so dass das letzte Magazin, das Heeresverpflegungsamt, ausreichende Vorräte aufzunehmen imstande war.
Friedrich der II. hatte auch dem heimischen Seidenbau seine Aufmerksamkeit zugewendet und sich bemüht, die Vorurteile, die dem Aufblühen dieses wertvollen Zweiges vaterländischer Kultur im Wege standen, zu beseitigen. Er ordnete an, dass auf unserer Magazininsel Maulbeerbäume angepflanzt wurden. Die Blätter von Maulbeeren dienen bekanntlich der Seidenraupe, der Erzeugerin des Rohproduktes, ausschließlich als Nahrung. So war der Weg von der Vorderarche quer über die Insel bis zur Hinterarche mit Maulbeerbäumen bestanden, die eine ganze geschlossene Allee bildeten. Sie sind bis auf vier eingegangen, die, wie auch die alte Kiefer, unter Naturschutz gestellt sind. 1919 hatte der Vorstand des Heeresverpflegungsamtes Direktor Rhensius versucht, den Seidenbau hier wieder ins Leben zu rufen. Da aber die Versuche nur wenig gute Erfolge zeitigten, stellte er die Seidenraupenzucht nach wenigen Jahren wieder ein. Seit 1939 war die Magazininsel zu einem Übungsplatz der Rathenower Pioniere umgewandelt worden.
Heute dient das Magazin dem Volkseigenen Erfassungs- und Aufkaufbetrieb (VEAB) als Lager- und Büroräume.
Quellenangabe: Orts- und Schulchronik von Neue Schleuse, Des Alten Fritz größtes Magazin, von Rektor W. Zimmermann, Neue Schleuse, in „Mein Havelland", Blätter für Heimatkunde.
Dieser Artikel wurde aus dem Rathenower Heimatkalender von 1957 entnommen.
Redaktionell bearbeitet am 07.11.07 von Robby Schmalz
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