Wolzensee und
Rodewaldsches Luch geologisch
von Walter Mielecke
Seit je erholen sich viele Rathenower am Wolzensee in frischer Luft und kühlem Wasser. Das wird sich wahrscheinlich in naher Zukunft noch beträchtlich steigern, namentlich wenn erst die künftigen Neubauten in Rathenow-Ost bewohnt sein werden. Es wäre daher wirklich an der Zeit, dass der Rat unserer Stadt schon jetzt diese, im Gegensatz zu anderen Städten geradezu einmalige Erholungsmöglichkeit weniger stiefmütterlich behandelte als bisher.
Aber auch die Besucher müssen zur pfleg
lichen Behandlung beitragen. Der Wolzensee ist schon seit vielen Jahren einschließlich eines 100 Meter breiten Uferstreifens zum Landschaftsschutzgebiet erklärt worden. Die dafür erlassenen, an sich recht einschneidenden gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Pflanzen- und Tierwelt werden jedoch von nicht wenigen, keineswegs nur jugendlichen Besuchern immer wieder gröblich verletzt, weil das verpflichtende sozialistische Gemeinschaftsgefühl offenbar bei manchem doch noch zu wenig entwickelt ist. - Aber eigentlich müsste schon richtig verstandener Eigennutz für die pflegliche Behandlung und für die Wertschätzung als großräumiges Erholungsgebiet der werktätigen Bevölkerung genügen.
Dieser Aufsatz soll aber nicht nur die Achtung vor der Eigenart des Wolzensees fördern, sondern auch ein Baustein sein zu einer alle Wissensgebiete umschließenden Heimatkunde der Umgebung von Rathenow. Sie abzufassen dürfte eine der vornehmsten Aufgaben der Arbeitsgemeinschaft der Natur- und Heimatfreunde im Deutschen Kulturbund sein. Die großen Ereignisse unserer Zeit dürfen den Blick nicht völlig ablenken von den „kleinen“ Forschungsaufgaben, die uns in unserer unmittelbaren Umgebung begegnen und durch deren Lösung allein wir uns erst in der Heimat völlig einleben können.
Der Wolzensee ist auf größere Entfernung hin eine durchaus einmalige Erscheinung. Der ihm in vielen Zügen äußerlich ähnliche Ferchesar-See ist geologisch wesentlich anders zu beurteilen. Unsere Absicht ist nun, uns zunächst mit den geologischen Einzelheiten des Wolzensees und des Rodewaldschen Luches zu befassen und dann beide in den großen Zusammenhang des Geschehens im Eiszeitalter zu stellen. Für den topographischen Überblick nehme man die im VEB Landkartenverlag erschienene Wander- und Wassersportkarte Brandenburg (Havel)-Genthin-Rathenow zur Hand.
Der Wolzensee und das Rodewaldsche Luch sind in die fast völlig ungegliederten, weiträumig mit Nadelwäldern, und Heidevegetation bedeckten Flächen des Rathenower und Grünauer Forstes eingesenkt. Nach der geologischen Spezialkarte beste
ht bei beiden Waldgebieten der Untergrund aus dem meist feinkörnigen, jedoch auch größere Gerölle enthaltenen „Talsand“. Bei der geologischen Kartierung unserer Gegend im Anfang der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderts - also sozusagen in den Kinderjahren der erst seit 1875 für Norddeutschland allgemein anerkannten Inlandeistheorie - war man der Ansicht, dass die Talsandbildungen zwischen Rathenow und Stechow bzw. Nennhausen durch breite, große Ströme abgesetzt worden seien, in denen am Ende der Eiszeit die Schmelzwässer des Inlandeises von Süden her nach Nordwesten abgeströmt seien. Diese älteren Anschauungen sind jedoch hier, wie in den meisten anderen Fällen, von der eingehenderen und kritischen Durchforschung des Norddeutschen Flachlandes als unzutreffend erkannt worden; sie sind mit den heutigen Vorstellungen von der vielfältigen Gestaltungskraft des Inlandeises nicht mehr vereinbar. Auf Einzelheiten muss hier verzichtet werden. Nur soviel sei gesagt: der „Talsand“ östlich von Rathenow ist sicher nicht von Süden her herangetragen worden, sondern gehört seiner Entstehung nach als ein untrennbarer Bestandteil zu den im Landschaftsbild so auffälligen eiszeitlichen Bildungen des Hohen Rotts.
Das Raumbild - Abbildung l - zeigt, dass das Rodewaldsche Luch und der Wolzensee die von den Roll- und Bauernbergen angegebene Richtung fortsetzen. Es liegt nahe, darin Zusammenhänge zu vermuten, denen in diesem Aufsatz nachgegangen werden soll.
Die Rinne des Wolzensees wird gegen die Flächen des „Talsandes“ durch schroffe, oft nahezu senkrechte Steilränder abgegrenzt (siehe hierzu Abbildung 2). Sie sind bis zu 2 Meter hoch, aber stellenweise, namentlich am Nordufer, durch die angelegten Spazierwege etwas undeutlich geworden. Die Steilränder gehen mit ihrem Fuß in die kaum den Wasserspiegel überragende Verlandungszone über. Erlenbruchwald und eine Pflanzendecke aus Moosen und Riedgräsern, auf dem Wasser schwimmend und dem Tritt des Menschen nachgebend, sind auch hier, wie überall, die beiden letzten Stufen der Verlandung. Vor ihnen dringen vom Ufer her Rohrdickicht und schwimmende und untergetaucht gedeihende Pflanzen gegen die freie Wasserfläche immer mehr vor.
Der Wolzensee ist heute etwa 2,5 km lang und zwischen 120 und 300 Meter breit.
Er wird gespeist durch die im Rodewaldschen Luch und in dessen Umgebung fallenden Niederschläge und hat seinen Abfluss im Körgraben. Seine Wassermassen sind also - entgegen einer in Rathenow weit verbreiteten Ansicht - sehr wohl in einer, allerdings infolge der breiten Wasserfläche und wegen der vorherrschenden Winde aus westlichen Richtungen nur wenig augenfälligen Bewegung, die aber dem Schwimmer in der Mitte des Sees deutlich bemerkbar wird. Die üppig gedeihenden Sumpf- und Wasserpflanzen und der Fischreichtum beweisen, wie nährstoffreich und gesund sein Wasser ist.
In der Geomorphologie1) werden lange, schmale, oft gewunden und vielfach geknickt verlaufende Wasserflächen, die fast immer von mehr oder minder steilen Ufern eingefasst werden, als Rinnenseen bezeichnet. Im Allgemeinen pflegen Rinnenseen, zumindest im norddeutschen Flachland, in der Richtung der ehemaligen Eisbewegung zu liegen; sie entstehen durch den Bewegungsmechanismus des Inlandeises und sind an dessen physikalische Eigenschaften geknüpft.
Geologisch gehört zur Gesamtheit der Wolzenseerinne oberhalb des Wolzensees auch das unter Naturschutz stehende Rodewaldsche Luch sowie das Verbindungsstück von diesem zum Wolzensee zwischen der Bammer Landstraße und dem Fahrweg nach Krügershorst. Stromabwärts setzt sie sich in dem Gelände rechts und links des Körgrabens fort, das für die Gründung der modernen Neubauten in der älteren Neustadt die bekannten Schwierigkeiten bereitet. Nur kann man hier die Zusammenhänge wegen der Bebauung und infolge Aufschüttungen u. dgl. nicht mehr so gut erkennen. Die von Norden bzw. Süden mehr oder minder senkrecht auf die Ost-West-Richtung des Sees stoßenden torfigen Wiesenflächen gehören dagegen in unserem Sinne nicht zur Wo
lzenseerinne. In der jetzt mit Erlenbruchwald bestandenen „Viertellandslake“ und in der „Seewiese“ am Nordufer, in der „Karpfenlake“ und der „DoveLake“ im Süden sind die torfigen Schichten wenig mächtig und nur ausnahmsweise bis zu 2 Metern stark; darunter folgt überall mineralischer Sand. Das Rodewaldsche Luch und das Verbindungsstück waren ehedem ebenfalls offene Wasserflächen, die erst in der Nacheiszeit verlandet sind. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die Verlandung in ursächlichem Zusammenhang steht mit der Aufschotterung des Elbebettes in der Nacheiszeit. Die Elbe hat in den vergangenen etwa 20 Jahrtausenden ihr Bett durch die mitgeführten Schotter und Sande um mindestens 10 Meter aufgehöht. Das ist natürlich nicht ohne Rückwirkung geblieben auf den Wasserabfluss in der Havel, in ihren Nebenflüssen und in deren Zuflüssen. Das beste Beispiel für die Folgen dieser mangelhaften Vorflut ist wohl das Havelländische Luch. Es wird uns vor seiner Trockenlegung im 18. Jahrhundert u. Z. als eine einzige unwegsame Sumpfwildnis geschildert, während es doch bis in die jüngere Steinzeit hinein - also bis etwa vor 4000 Jahren - zu den dicht besiedeltsten Teilen Norddeutschlands gehört hat. Aus den weitreichenden Überschwemmungen durch die Hochwasser der Elbe in vorhistorischer Zeit stammt u. a. auch jener stark eisenhaltige Schlick, der den alten Ziegeleien den Rohstoff für die „Roten Rathenower“ geliefert hat.
Anlässlich der Bestandsaufnahme der brennbaren, aus organischen Resten entstandenen Gesteine (Torf, Kohle u. ä. m.) als örtliche Reserven für den Wiederaufbau ist auch das altbekannte Torfvorkommen im Rodewaldschen Luch im Jahre 1947 durch 65 Bohrungen untersucht worden. Die Bohrungen haben nicht nur die für die Vorratsberechnung nötigen Torfmächtigkeiten ermittelt, sondern auch die darunter liegenden, schwach humosen, mehr oder minder kalkhaltigen Mergel des Holozäns2) durchsunken; sie enden in pleistozänen3) Sanden von wechselnder Korngröße.
Holozäne Bildungen entstehen noch in der Gegenwart in stehendem oder langsam fließendem Wasser durch das Leben und Vergehen von Pflanzen und Tieren sowie durch die Wechselwirkung chemischer Substanzen aufeinander. Auch der Wind erzeugt holozäne Bildungen; Flugsandbildungen kommen jedoch im Bereich unserer Betrachtung nicht vor.
Verwesen Pflanzenreste ohne Zutritt von Luft, so entsteht Humus, dessen reinste Form als Torf bezeichnet wird. Humus, in wechselndem Verhältnis mit sandigen Bildungen gemengt, ist eine bestimmte Kraft für die Fruchtbarkeit der Böden.
Tone bestehen aus den feinsten, gut aufgeschwemmten Teilen des Verwitterungsschuttes und schlagen sich in stehendem oder sehr langsam fließendem Wasser nieder.
Kalkige Bildungen werden entweder durch chemische Vorgänge oder durch die Tätigkeit von Pflanzen und Tieren erzeugt. Mit Kohlensäure beladenes Regenwasser löst aus kalkhaltigen Böden einen Teil des kohlensauren Kalkes, führt ihn weiter und setzt ihn später wieder ab. Manche untergetaucht lebenden Pflanzen, besonders die Armleuchtergewächse (Charazeen), entziehen kalkhaltigem Wasser den Kalk, häufen ihn in ihrem Innern oder auf ihrer Oberfläche an und hinterlassen nach ihrem Verwesen einen weißen Kalk als Rückstand. In den pleistozänen Schichten stand in reichlichem Maße sowohl Kalk als auch chemisch wirksames Wasser für die Lösung zur Verfügung.
An den Stellen ihrer größten Mächtigkeit erreichen die holozänen Schichten 10 Meter und darüber, von der heutigen Oberfläche abgerechnet.
Ihre Zusammensetzung zeigt als Beispiel folgendes Durchschnittsprofil:
Humoser Torf
stark humoser Mergel4)
kalkiger Mergel
toniger Kalk-Mergel
Ton
schwach sandiger Ton
feiner bis mittlerer Sand
Holozän
2,50 m
0,50 m
3,00 m
1,00 m
2,00 m
0,50 m
0,1 m Pleistozän
Mit Hilfe des dichten Netzes der Torfbohrungen kann man bequem ein plastisches Bild von der ehemaligen pleistozänen Oberfläche unter dem heute völlig ebenen holozänen Rodewaldschen Luch gewinnen. Strichpunktierte Linien verbinden im Abstand von zwei zu zwei Metern Punkte gleicher Tiefe; wo diese Tiefenlinien einen größeren Abstand haben, sind Hilfslinien mit einem Höhenunterschied von nur einem Meter dazwischengefügt. Wir erkennen ein Becken, das eine recht lebhaft modellierte Oberfläche und gegenüber den anschließenden ebenen und bewaldeten Flächen ziemlich bedeutende Höhenunterschiede aufweist. Es fallen mindestens vier, bis zu rund 10 Metern unter Flur reichende von holozänen Schichten erfüllte Teilbecken auf. Die trennenden Schwellen bestehen aus pleistozänen Sanden und ragen bis 4 Meter unter Flur auf.
Das erste Teilbecken schließt sich unmittelbar an den Fuß des Markgrafenberges an; das zweite liegt etwa 400 Meter weiter westlich. Etwa an der Chaussee befindet sich das dritte, während das vierte nahezu mit dem Knie zusammenfällt, an dem das Verbindungsstück aus der Nordsüdrichtung in die Ostwestrichtung umbiegt. Dieser Kolk ist der tiefste; die holozänen Schichten konnten hier mit einer Bohrkapazität von 10 Metern unter Flur nicht durchsunken werden. Vermutlich hat das Wasser des flachen, von Süden her auf treffenden Seitenarmes die ausstrudelnde Wirkung noch verstärkt.
Der Abflussweg des Wassers hatte also vor der Verlandung nicht das ausgeglichene Gefalle eines durchlaufenden Wasserlaufs, sondern das Gefalle wechselte. Dieser Tatsache legen die Geomorphologen für die Erklärung Besondere Bedeutung bei; wir werden darauf später an geeigneter Stelle noch zurückkommen.
Nicht so günstig liegen die Verhältnisse beim Wolzensee selbst. Es ist zwar bekannt, dass er im Allgemeinen zwei bis vier Meter Wassertiefe hat; an manchen Stellen ist er erheblich tiefer. Aber sein pleistozänes Relief bleibt trotzdem unbekannt, weil
der pleistozäne Untergrund nicht nur vom offenen Wasser, sondern auch von entsprechend mächtigen holozänen Schichten verhüllt wird. Klarheiten könnten hier nur Bohrungen, auf der offenen Wasserfläche von Prahmen aus vorgenommen, bringen. Immerhin lässt die Tatsache, dass der Wolzensee noch heute eine freie Wasserfläche enthält, vermuten, dass hier die pleistozäne Unterlage erheblich tiefer ausgehöhlt war als im Rodewaldschen Luch. In der stromabwärts gelegenen Körgrabenrinne reichen die holozänen Schichten - wie durch Bohrungen bekannt geworden ist - bis 25 und mehr Meter unter Flur. Von den Einzelheiten des Wolzensees und des Rodewaldschen Luchs wenden wir uns nun größeren Zusammenhängen zu, nämlich der Entstehung der Wolzenseerinne im Ablauf der eiszeitlichen Ereignisse. In der Gegenwart kann an keiner Stelle der Erde ein Inlandeis beobachtet werden, das in einem ausgedehnten Flachland abtaut. Daher ist man in der Geologie des Quartärs - im Gegensatz zur modernen Glaziologie5) - immer wieder darauf angewiesen, aus der Vorzeit überkommene Geländeformen mit heute vorkommenden bzw. entstehenden zu vergleichen, um sie so ihrer Entstehung nach räumlich und zeitlich einzuordnen. Aus dem weiten Gebiet der Glaziologie haben wir uns hier mit der Eiskerben- und Labenbildung des Eisrandes sowie mit der damit in engstem Zusammenhang stehenden Entstehung von Rinnenseen zu befassen. Stößt das in breiter Front vordringende Inlandeis auf ein größeres Hindernis, so versucht es zwar, auch das Hindernis zu überfließen. Es erleidet dabei aber, ganz abgesehen von anderen Folgen, wie z. B. dem Auf bau einer Stauchmoräne, zumindest einen Tempoverlust. An seiner Front bildet sich, mit dem Hindernis als Zentrum, eine Einbuchtung, eine Eiskerbe. Rechts und links des Hindernisses wird die Geschwindigkeit des Vorrückens nicht vermindert. Das Eis prellt dort weiter vor, und der Eisrand läuft auf das Hindernis zu, er bildet einen Bogen, einen „Lobus“. In der Glazialgeologie versteht man nun unter dem Begriff „Lobus“ nicht nur den linienhaften Verlauf des bogenförmigen Eisrandes, sondern den ganzen Teilkörper des Eisstromes hinter der bogenförmigen Eisfront. Solch ein Lobus entwickelt häufig gegenüber dem übrigen Inlandeis eigenständige Bewegungen und eigene geologische Wirksamkeit. Weiter stromabwärts fließen die Loben meist wieder zusammen. An der Nahtstelle bleiben jedoch physikalische Verhältnisse bestehen, die besonders den Schmelzwässern bevorzugte Abflusswege schaffen. Ein zweites kommt hinzu: Die Gletscher der Gegenwart und das Inlandeis auf Grönland, Spitzbergen und in der Antarktis schmelzen an zwei Stellen ab: An der Unterseite infolge der Erwärmung durch den Druck der darüberliegenden Eismassen und an der Oberfläche infolge atmosphärischer Einflüsse. Das auf der Oberfläche anfallende Schmelzwasser gelangt in geeigneten Fällen durch Spalten in das Eis und setzt seinen Weg innerhalb röhrenförmiger Spaltensys
teme fort. Es verstärkt die Wirkung der Schmelzwasser, die am Grunde des Eises fließen. Da in einem geschlossenen Röhrensystem sich Wasser gegebenenfalls auch entgegen der Schwerkraft bewegt, wenn nur die Stelle, an der das Wasser in die Röhre eintritt, höher liegt als der zu überwindende kritische Punkt, wirkt das an der Grenze zwischen dem Eis und seiner - gefrorenen - Unterlage unter hydrostatischem Druck fließende Wasser auf den Untergrund ausstrudelnd. Außerdem verbaut das Wasser sich durch Sinkstoffe seinen Abflussweg immer wieder selbst; es kann aber auch aufsteigend - eben weil es unter besonderen Druckverhältnissen fließt - die Hindernisse wieder überwinden. Die Folge ist dann der charakteristische Wechsel des Gefälles in den heutigen Rinnenseen.
Wir erinnern uns, im Heimatkalender für 1960 gelesen zu haben, dass, nachdem die älteren Warmzeitschichten abgelagert worden waren, die Gesamtheit der Tone und Warmzeitschichten des Hohen Rotts durch das Aufdringen der Salzstruktur aus dem tieferen Untergrund emporgehoben worden ist und dass durch die bremsende Wirkung dieses Hindernisses auf den Eisstrom der zweiten, der Saale-(Ries-)Vereisung, die Stauchmoräne des Hohen Rotts und der lang gestreckte Zug der Roll- und Bauernberge entstanden sind.
Auf das Schicksal des Hohen Rotts und seiner Umgebung während der jüngeren Warmzeit braucht hier nicht weiter eingegangen zu werden. Jedenfalls wirkt bei der dritten, der Weichsel- (Würm-) Vereisung, das Hohe Rott wieder als eine Art Strompfeiler und die Roll- und Bauernberge - um im wasserbautechnischen Bilde zu bleiben - als „Leitwerk“ für den Eisstrom. Während am Hohen Rott das Eis im Wesentlichen nur Stauchungen hervorrief, breitete sich nördlich der Roll- und Bauernberge im Räume Stechow/Ferchesar und südlich von ihnen im Raume von Nennhausen/Gräningen je ein Eislobus aus. Zu dem „Leitwerk“ gehört in diesem Zusammenhang auch der Markgrafenberg, der nur durch die flache Delle, durch die heute die Eisenbahn führt, vom Hauptzuge getrennt ist.
An das „Leitwerk“ hat das Eis des südlichen Lobus von Südosten her Schichten der jüngeren Warmzeit in der Form ziemlich umfangreicher, bis zu einem Meter starker Schollen6) von Süßwasserkalken angelegt. Zu den Warmzeitschichten gehören auch die unter den Kalken folgenden fast reinweißen Feinsande, die ebenfalls Muschel- und Schneckenschalen enthalten. Die Fossilien beweisen, dass die Schichtfolge im Süßwasser entstanden ist. Dann aber kann sie sich nicht in ihrer heutigen geneigten Lage gebildet haben; sie ist ortsfremd und in gefrorenem Zustand durch das Eis an die Hügelkette angelagert worden. Der Eisdruck von Südosten her hat wahrscheinlich auch das Südwestende der Rollberge bis fast zur Höhe des Hohen Rotts emporgedrückt. Auf eine horizontale Entfernung von etwa 500 Metern in einer Höhenlage zwischen + 35 m NN und + 80 m NN schmiegen sich die Schollen wie eine Decke dem Berghang an. Die Kalke zeigen alle Übergänge vom schwarzgrauen, schmierigen Mergel bis zum hellgelben, fast klingend harten Kalkstein. Die gleichen Schichten findet man auch im Galgenberg am östlichen Ufer des Gräninger Sees, wo sie durch Eisdruck aus östlicher Richtung mit Grundmoräne, die die gewöhnliche Ausbildung zeigt, wirr verknetet sind. Durch die stärkere Wirkung des südlichen Lobus sind auch die ostwestlich - also entsprechend der Bewegungsrichtung des Eises — gerichteten, mehr langen als breiten, stromkörperförmigen Schildrücken entstanden, die besonders westlich und östlich von Nennhausen (Laßberg, Galgenberg u.a.m.) und östlich von Bamme (Mühlenberg, Quappenberg) zu erkennen sind.
Die Tätigkeit des Eises vom Raum Stechow/Ferchesar her hat, soweit bekannt, an der Nordflanke der Roll- und Bauernberge keine so deutlichen Spuren hinterlassen. Aus manchen Anzeichen könnte man zu der Ansicht kommen, dass dieser Lobus überha
upt schwächer und daher auch geologisch weniger wirksam gewesen sei. In der Ostwestrichtung fehlt die Häufung der Schildrücken. Dafür zeichnet sich eine im südlichen Lobus nicht deutlich ausgeprägte Stillstandslage durch die Hügelkette ab, die sich von Süden nach Norden vom Westende der Rollberge etwa längs des Zimmerweges zum Westende des Ferchesar-Sees (Judenhaken, Leuenberg) hinzieht. Die Hügelkette trennt eine Geschiebelehmfläche im Osten von einem ausgedehnten Sandgebiet im Westen. Diese Anordnung ist für Stillstandslagen äußerst kennzeichnend. Vielleicht ist der Unterschied aber auch nur scheinbar und darauf zurückzuführen, daß dort Aufschlüsse fehlen. Der Verfasser fand in der großen Sandgrube am Nordhang der Rollberge ebenfalls umfängliche Brocken von ziemlich festem Süßwasserkalk, konnte aber dessen Verbreitung in der verstürzten Grube leider nicht weiter verfolgen.
Das Eis der dritten, der Weichsel-(Würm-)Vereisung, war wesentlich dicker als die Höhe, mit der sich die Roll- und Bauernberge in der vorangegangenen Warmzeit über ihre Umgebung erhoben haben. Die von Grundmoräne freien oberen Schichten des Eises beider Loben stießen über dem Höhenzug zusammen und boten an ihrer Nahtstelle den aus der Stauchmoräne des Hohen Rotts anfallenden Schmelzwassern eine besonders günstige Abflussmöglichkeit. Untersuchungen durch geophysikalische Feinmethoden haben seinerzeit bestätigt, dass auf dem Zuge der Roll- und Bauernberge von Osten nach Westen tatsächlich Wasser geströmt ist und mehr oder minder kiesigen Sand abgesetzt hat. Das ist aber nur möglich, wenn Eis, das den Höhenzug überragte, die Wände dieses Abflusses gebildet hat.
Mit dem Markgrafenberg endete das erhöhte Bett, und die in der Lobennaht weiterfließenden Schmelzwasser schufen in ihrem weiteren Lauf die Wolzenseerinne mit den für Rinnenseen kennzeichnenden Kolken. In diesen Zusammenhang gehört auch die deltaähnliche Schüttung am Westfuß des Markgrafenberges, die genau auf den ersten Kolk zeigt.
Der Wolzensee ist also in seiner heutigen Erscheinungsform keineswegs eine zufällige, an sich bedeutungslose Wasseransammlung. Er hat vielmehr eine lange und wechselvolle Entwicklung hinter sich und ist das Ergebnis wichtiger und interessanter erdgeschichtlicher Vorgänge, die sich in unserer Heimat abgespielt und ihr heutiges Aussehen gestaltet haben. Sein künftiges Schicksal im natürlichen Ablauf der erdgeschichtlichen Entwicklung ist vorgezeichnet durch das Beispiel des Rodewaldschen Luchs. Diese kann der Mensch - sozusagen als geologisch wirksame Kraft - allerdings aufhalten und zu seinen Zwecken lenken.
1) Geomorphologie: Lehre von der Entstehung und der Umbildung der Formen der Erdoberfläche; sie befasst sich Vormauern mit den Kräften, die von außen her auf die Erdoberfläche einwirken, also Sonne, Wind, Wasser und Eis; ein besonderes Gebiet ist die Glazialmorphologie.
2) Holozän: (statt der früher üblichen Bezeichnung: Alluvium) wird die jüngste Abteilung des Quartärs genannt; die Schichten sind nach der Eiszeit gebildet bzw. abgelagert worden.
3) Pleistozän: (früher Diluvium genannt) umfasst die älteren Abteilungen des Quartärs, die in ursächlichem Zusammenhang mit den einzelnen Vereisungen stehen.
4) Mergelstein ist ein Sedimentgestein und besteht je etwa zur Hälfte aus Ton und Kalk. Bei höheren Kalkgehalten spricht man von Kalkmergel, bei niedrigeren von Tonmergel. Er entsteht, wenn gleichzeitig Ton abgelagert und Kalk ausgefällt wird. Mergel ist ein wichtiger Rohstoff zur Zementherstellung, in der Landwirtschaft wurden in der Vergangenheit hauptsächlich trockengelegte Feuchtgebiete (Moore und Sümpfe) mit Mergel verbessert, der Kalk neutralisierte die sauren Böden, der Ton stabilisierte den weichen Boden, damit die Äcker begehbar und befahrbar wurden.
5) Glaziologie (Gletscherkunde): Wissenschaft, die die Erscheinungsformen und die Entstehung der Eisbedeckung der Erdoberfläche untersucht, insbesondere das Gefüge, die Bewegungsvorgänge und den Haushalt der Gletscher der Gegenwart und deren landschaftsgestaltende Wirkung.
6) Schollen im Pleistozän sind - im Gegensatz zu den Geschieben, die jeweils nur ans einer festen Gesteinsart bestehen - umfangreichere Pakete älterer, ortsfremder, lockerer Sedimente, die das Inlandeis vom Anstehenden abgelöst und unter Erhaltung des ursprünglichen Sedimentverbandes an dritter Stelle wieder abgesetzt hat.
Redaktionell bearbeitet am 09.11.07 von Robby Schmalz
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