Vergangenheit, Gegenwart und Perspektive der Rathenower Optischen Werke
von Dipl. oec. Willi Osterburg, Rathenow
Die Geschichte der Menschheit ist bekanntlich nicht die Geschichte von Kaisern und Königen, von Imperialisten und Militaristen, sondern die der arbeitenden Menschen und ihr Kampf gegen die müßigen Nutznießer ihrer fleißigen Arbeit; sie ist die Geschichte von Klassenkämpfen. Diese Erkenntnis auf rd. 150 Jahre Entwicklung der Rathenower optischen Industrie übertragen heißt nicht, in der Hauptsache über die ehemaligen Herren von der Busch AG und der Nitsche & Günther KG, den beiden größten Kapitalgesellschaften, b
erichten, sondern über die Tubbenschleifer, Rotenburger, Klotzkitter, Stegbieger, Löterinnen und Stanzerinnen, denn sie waren es, die die herrlichen Erzeugnisse der optischen Industrie, die Brillen, Ferngläser und Mikroskope herstellten. Das ist jedoch nicht leicht, denn was von den Chronisten hinterlassen wurde, ist der Lobgesang auf die sozialen Taten der Unternehmer, sind die schön gefärbten Geschäftsberichte der Aktiengesellschaften, in denen je nach Zweckmäßigkeit über Blüte und Wohlstand in der Konjunktur oder über die Notlage der Industrie in Zeiten kapitalistischen Krisen zu lesen ist. Wer weiß, dass Geschichtsschreiber für solche Fälschungen bezahlt wurden, dem ist diese Art der Führung einer Chronik verständlich. Aber auch ohne Chronik, ohne Überlieferung „amtlicher" Dokumente wurde die Geschichte unserer Heimatstadt von unseren werktätigen Männern, Frauen und Jugendlichen aus den Fabriken und Armeleute-Wohnungen geschrieben.
Sie wurde rot geschrieben, nicht wegen der „Roten Ziethenhusaren" oder Mauersteine der ehemaligen Ziegeleien, auch nicht wegen des feuerroten Polierstaubes in den Schleifsälen der Fabriken, sondern weil der Kampf zwischen Ausgebeuteten und Ausbeutern hier, wie überall in den Knochenmühlen des Kapitalismus, viele namenlose Opfer forderte.
Mag der Pfarrer Johann Heinrich August Duncker bei der Gründung der optischen Industrie im Jahre 1800 das Beste gewollt haben, indem er Kinder damit beschäftigte, Sehhilfen herzustellen; seine Nachfolger haben mit diesem Gewerbe Millionen zusammengerafft. Das soll mit einigen Zahlen belegt werden. Auszug aus dem Geschäftsbericht der Nitsche & Günther KG:
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Aktionär
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Kapital
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Profite 1937
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Profite 1941
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| Emil Muth |
1 720 000,00 Mk
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207 142,53 Mk
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427812,01 Mk
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| Dr. Nitsche |
328 823,56 Mk
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57 958,23 Mk
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131 650,38 Mk
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| Ernst Nitsche |
1 391 176,44 Mk
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167 541,75 Mk
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346024,41 Mk
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| Carl Zeiss |
860 000,00 Mk
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103 571,26 Mk
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213 906,01 Mk
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Wenn Herr Emil Muth als Hauptaktionär der Firma Nitsche & Günther morgens aufstand, wusste er schon, dass er wieder 1000,— DM „verdient" hatte. Dass mit seinem Tagesverdienst eine Familie seiner Arbeiter das ganze Jahr auskommen musste, kümmerte ihn wenig. Damit die Herren nicht zu oft daran erinnert wurden, lebten sie gesondert im so genannten Villenviertel.
Sehr aufschlussreich sind die Löhne, die zur gleichen Zeit von den Kapitalisten gezahlt wurden. Trotz Einsatz aller gewerkschaftlichen Kampfmittel einschließlich Streik, erhielten ab 1. 1. 1932 Mechaniker, Optiker und Werkzeugmacher pro Stunde 62 Pf., Glasschleifer pro Stunde 60 Pf., angelernte Arbeiter, welche noch keine 11/2 jährige Berufszugehörigkeit nachweisen konnten, pro Stunde 55 Pf., ungelernte Arbeiter über 24 Jahre pro Stunde 50 Pf., unter 18 Jahren pro Stunde 21 Pf. bis 31 Pf. Die vorstehenden Löhne treffen nur zu für männliche Arbeiter. Arbeiterinnen über 24 Jahre erhielten pro Stunde 35 Pf., von 18 bis 24 Jahren pro Stunde 31 Pf. und unter 18 Jahren pro Stunde 17 bis 24 Pf. Die rund 1500 Arbeiter und Angestellten erhielten im Jahre 1937 eine Lohn- und Gehaltssumme von 2 499 773,99 Mark, während vier Aktionäre zusammen in dem gleichen Jahr einen Reingewinn von 536 213,77 Mark in ihre Tasche steckten.
Als Beweis kann eine Akte des ehemaligen Arbeitgeberverbandes von Rathenow im Archiv von ROW eingesehen werden. Ebensolche Beweise für die Höhe der Profite sind dort in
Form von Geschäftsbüchern, Bilanzen und anderen Dokumenten vorhanden. Warum wurden trotz der zahlreichen optischen Instrumente von vielen Rathenower Arbeitern die Ursachen des Reichtums auf der einen und der eigenen Armut auf der anderen Seite nicht erkannt? Die Antwort ist nicht schwer. Nirgendwo war es so leicht, wie in Rathenow, einem Arbeiter vorzugaukeln, dass er es durch Fleiß und persönliche Tüchtigkeit selbst zum Unternehmer bringen könne. Gab es dafür nicht hunderte Beispiele? Um einen optischen Betrieb einzurichten, dazu bedurfte es nicht allzu großer Kapitalien, denn nur wenige kleine Maschinen auf engstem Raum, oft in Waschküchen aufgestellt, wurden gebraucht.
Auch das zur Herstellung der Erzeugnisse erforderliche Material war von geringem Umfang, da es sich um eine lohnintensive Produktion handelte. In Zeiten der Konjunktur wurden die Kleinbetriebe immer zahlreicher, zeitweilig waren es mehr als 300.
Manche ihrer Besitzer blähten sich auf als so genannte Neureiche und stürzten in Krisenzeiten in Konkurse und Pleiten. Welcher ältere Rathenower kennt nicht die großen Pleiten der Willmann, Meitzner, Rohrbach, Rapsch und andere? Manchem alten Arbeiter sind sie bis heute den Lohn schuldig geblieben. Trotz dieser Zusammenbrüche blieb die Legende von der Möglichkeit des Reichwerdens. Sie hinderte bei der klaren Erkenntnis der Klassenlage und führte dazu, dass Teile der Arbeiterschaft sich mit dem Kapitalismus aussöhnten. Hinzu kommt, dass viele Erzeugnisse exportiert wurden. Im Kapitalismus bedeutet Export bekanntlich die Erzielung hoher Extraprofite. Dieses trifft im besonderen Maße auf die Rathenower optischen Betriebe zu. Die Extraprofite wiederum gestatteten, dass die hoch qualifizierten Facharbeiter durch höhere Löhne korrumpiert wurden. Daraus erklärt sich das Eindringen kleinbürgerlicher Lebensweise in die Arbeiterschaft und das Entstehen einer Arbeiteraristokratie.
Ganz anders lagen dagegen die Verhältnisse in den beiden Nachbarorten Premnitz und Brandenburg.
Weder in der chemischen Industrie in Premnitz, noch in der Fahrrad- bzw. Autoindustrie in Brandenburg konnten sich die Arbeiter der Illusion hingeben, selbständige eigene Unternehmen zu gründen. Hier war die Konzentration großer Kapitalien so offensichtlich, dass allein schon der Gedanke daran absurd war. Hinzu kommt noch, dass die Aktionäre der IG Farben bzw. des Opel-Konzerns es nicht nötig hatten, ihren Arbeitern aus Extraprofiten Zugeständnisse in Form höherer Löhne zu machen. Es ist verständlich, dass sich diese Tatsachen auf die Entwicklung des Klassenbewusstseins der Chemiearbeiter und der Brandenburger Transportmaschinenbauer auswirkten.
Der historische Hintergrund der heutigen volkseigenen Rathenower optischen Werke war also eine besondere sozialökonomische Struktur, die die Ursache für eine in ihrer Mehrheit opportunistische Arbeiterschaft bildete. Daraus erklärt sich die zahlenmäßige Stärke der Ortsorganisation der damaligen sozialdemokratischen Partei. In ihren Reihen hatten sich die gut bezahlten Facharbeiter, Vorarbeiter und Meister der optischen Industrie als Teile der Arbeiteraristokratie organisiert, während in der leider durch Splittergruppen geschwächten Ortsparteiorganisation der KPD hauptsächlich die in Premnitz arbeitenden Chemiearbeiter und der revolutionäre Teil der optischen Arbeiter kämpften.
Die KPD prangerte die Ausbeutung und die Lebensweise der kapitalistischen Unternehmer in einer im Abzugsverfahren selbst hergestellten Zeitung, mit dem Namen „Rote Brille", scharf an. Von den Unternehmern wurde die beißende Kritik gefürchtet; um aber informiert zu sein, kauften sie sich durch Mittelsmänner regelmäßig jede Ausgabe.
Dann brach auch über R
athenow und seine optische Industrie die große Weltwirtschaftskrise herein. Tausende arbeitslose Facharbeiter und Angestellte standen Schlange vor den Schaltern des Arbeitsamtes, im ehemaligen Rohrbach'schen Betrieb. Viele kleine Betriebe, ja, auch mittlere, gingen in Konkurs, und ihre Besitzer stießen zum großen Heer der industriellen Reservearmee. Sie hatten allzu offene Ohren für das Flötenspiel des braunen Rattenfängers; leider aber auch viele Arbeiter und Angestellte, wie dies am 30. Januar 1933 sichtbar wurde. Während des Faschismus wurden auch die beiden Großbetriebe auf Rüstungsproduktion umgestellt, und Ausbeutung und Profite stiegen. Einige Aktionäre und ihre bestbezahlten Lakaien wurden zu besonders aggressiven Verfechtern der Naziideologie. Sie sind in der Hauptsache mitverantwortlich für die Zerstörung unserer einstmals schönen Heimatstadt während der Kampftage im Mai 1945. Aber so viel Klassenbewusstsein durch den Faschismus auch verloren gegangen war, mit dem Zusammenbruch der Macht der Zerstörer Deutschlands fanden sich die Arbeiter zur Aktionseinheit zusammen, räumten die Trümmer beiseite und schufen sich eine einheitliche Kampfpartei. Arbeiter gingen in die Verwaltung und schufen den neuen Staatsapparat.
Die sowjetischen Truppen, die die Stadt von ihren schwarzen und braunen Henkerformationen befreit hatten, schenkten durch ihren Kommandanten der neu gebildeten Stadtverwaltung als Beutegut die Grundstücke und Gebäude der ehemaligen Nitsche & Günther KG. So konnten am 18. Oktober 1945 11 Arbeiter und eine Frau, trotz Kälte und Hunger, beginnen, aus den ehemaligen Nitsche & Günther-Werkstätten einen optischen Betrieb aufzubauen. Aus Schutt und Asche wurden Brillengläser geborgen, um durch ihren Verkauf Lohn zahlen zu können. Mit aus den Trümmern geborgenen, vom Feuer ausgeglühten Maschinen wurde die erste Produktion aufgenommen. Nichts war übrig geblieben, mit dem man hätte ohne mühevolle Wiederherstellung wieder beginnen können. Außerdem wurden aufgrund eines Befehls der sowjetischen Militärverwaltung die Reste der Betriebe von Naziaktivisten sowie Monopol- und Rüstungskapitalisten in Zwangsverwaltung genommen. Da sich der Rat der Stadt 1945 sofort entschloss, auf der Grundlage dieser Schenkung einen Stadtbetrieb mit der Bezeichnung „Rathenower Optische Werke m. b. H." zu gründen, denn den Begriff des Volkseigentums gab es noch nicht, bestanden fast zwei Jahre auf demselben Grundstück der zwangsverwaltete Betrieb Nitsche & Günther und der neue Stadtbetrieb. Auf dem ehemaligen Busch-Komplex wirkte eine Bergungsgruppe neben der ebenfalls durch die Stadtverwaltung gegründeten Optischen Ein- und Verkaufsgesellschaft m. b. H., dem heutigen GHK Brillenoptik. Mit der Beendigung der Zwangsverwaltung und der Bildung volkseigener Betriebe wurden im Jahre 1948 diese drei Teilbetriebe (ROW, Rest Nitsche & Günther und Rest Busch AG) zusammen mit anderen zunächst städtischen Betrieben, wie der Glaspresserei zum VEB Rathenower Optische Werke vereinigt. Nun setzte eine stürmische Entwicklung ein, und die Belegschafts- und Produktionszahlen stiegen von Jahr zu Jahr. Das heutige Werk mit rund 3000 Arbeitern, Ingenieuren, Technikern und Angestellten könnte man wegen der Vielfältigkeit seiner Erzeugnisse als Kombinat bezeichnen. Außer dem Hauptwerk, welches durch Stalinallee, Puschkin- und Schollstraße begrenzt wird, gehören dazu mehrere Außenstellen, wie die Feinoptik in den Räumen des ehemaligen Reißwerkes, Schopenhauerstraße, die Glaspresserei und weitere Teile der Feinoptik in der Bergstraße, Schleifereibetriebe in den Grundstücken der ehemaligen Firma Schramm, Ruppiner- und Curlandstraße.
Im Hauptwerk mussten nach Enttrümmerung und Wiederherstellung ständig neue bauliche Schwierigkeiten überwunden werden. Nicht selten bestand in einigen Werkstätten Einsturzgefahr infolge der nicht sofort erkennbaren Auswirkungen der Kampfhandlungen und der Brände. Bei gründlichen baupolizeilichen Untersuchungen wurde festgestellt, wie schlecht die Kapitalisten in der so genannten guten alten Zeit gebaut hatten. Sie wandten zwar viel Geld auf für ein monumentales Verwaltungsgebäude, aber die Produktionsräume waren eng und mit niedrigen Decken. Die Gebäude, die heute von der Schollstraße und Stalinallee aus zu sehen sind, wurden von unserer Arbeiter- und Bauernmacht hinzugebaut.
Es sind helle, lichte Arbeitsräume, in denen frohe, von Ausbeutung freie Menschen schaffen. Sollte es noch heute Bürger in unserer Stadt geben, die der Meinung sind, dass das von den früheren Aktionären unrechtmäßig erworbene Eigentum ihnen doch formalrechtlich gehört habe, denen sei gesagt, dass das heutige Werk von den Arbeitern aus Trümmern und Neubauten völlig neu geschaffen wurde.
Außerhalb Rathenows gehörten zum Werk der früher von Nitsche & Günther gegründete Nebenbetrieb in Osterburg und ein in Dresden übernommener feinmechanisch-optischer Betrieb, der heute unter der Bezeichnung Werk III mit Forschungs- und Entwicklungsarbeiten beauftragt ist.
Zur Heranbildung von qualifizierten Facharbeitern gehört zum Werk eine Betriebsberufsschule mit ihren Lehrwerkstätten in der Rhinower Straße (ehemals Firma Steffin und Bildt). Dazu kommen soziale und kulturelle Einrichtungen, eine modern eingerichtete Kinderkrippe in der Forststraße, der Kindergarten und Kinderhort in der Puschkinstraße sowie Lehrlingswohnheime in der Potsdamer- und Friedrich - Engels - Straße, ferner die Sportlerheime der BSG Motor „Vogelgesang" und „Wolzensee" und das betriebseigene Kinderferienheim in Damswalde, Kreis Oranienburg. Dass es nicht leicht ist, einen solchen Großbetrieb mit einer komplizierten Fertigung zu leiten, kommt u. a. darin zum Ausdruck, dass seit der Bildung bis zum Jahre 1956, also in einem verhältnismäßig kurzen Zeitraum von 10 Jahren, die Werkleitung viermal wechselte.
In den letzten Jahren konnten viele Schwächen und Mängel im Produktionsablauf überwunden werden, so dass seit 1956 eine stetige Aufwärtsentwicklung in der Produktion und in den finanziellen Ergebnissen zu verzeichnen ist. Durch ständige Verbesserung der Qualität der Erzeugnisse setzte sich die neue Fabrikmarke immer mehr durch und die Exportzahlen erreichten den Umfang von 50% der gesamten Produktion. Mit 45 Ländern konnten Geschäftsverbindungen angeknüpft werden und von Messe zu Messe stiegen die Umsätze. Vom Jahre 1955 mit einem Produktionsausstoß von rund 17 Millionen DM stieg die Produktion im Jahre 1958 auf einen Wert von 25 Millionen DM. Eine weitere Steigerung wird, zurzeit außer durch erhebliche Raumnot auch durch einen Mangel an qualifizierten Arbeitskräften erschwert.
Worauf beruhen nun die großen Erfolge der letzten Jahre? Die großen Erfolge unter der jetzigen Leitung sind nicht zuletzt auf eine gute Zusammenarbeit des gesamten Belegschaftskollektivs unter der Leitung einer einheitlichen Betriebsparteiorganisation und Betriebsgewerkschaftsleitung zurückzuführen. Vor allem konnten, von Gegnern des sozialistischen Aufbaus bewusst geschürte Spannungen zwischen Produktionsarbeitern einerseits und der technischen Intelligenz sowie den Wirtschaftsfunktionären andererseits, beseitigt werden.
Mit der Entwicklung eines sozialistischen Arbeitsbewusstseins und der Anwendung des Prinzips der materiellen Interessiertheit gelang es, durch Neuerermethoden, wie z. B. die Ludwig-Bewegung, große Reserven, die zur Verbesserung des Arbeitsablaufes freigemacht werden konnten, zur Steigerung der Produktion zu nutzen. Gegenwärtig gibt das Werk mit allen seinen sozialen und kulturellen Einrichtungen der Stadt das Gesicht. Die positive Entwicklung beim schnellen Aufbau des Sozialismus blieb nicht ohne Einfluss auf die Weiterentwicklung der noch immer zahlreich vorhandenen Handwerks- und kapitalistischen Betriebe der optischen Industrie.
Im engen Kontakt mit dem VEB ROW und in klarer Erkenntnis über die künftige Entwicklung der gesamten Rathenower optischen Industrie schlossen sich im Frühjahr des vergangenen Jahres 25 Handwerksbetriebe zur ersten Produktionsgenossenschaft des optischen Handwerks unter dem Namen „Johann Heinrich August Duncker" zusammen. Auf der im Frühjahr dieses Jahres durchgeführten Jahreshauptversammlung konnte berichtet werden, dass die Zahl der Genossenschaftler auf rund 500 und die Zahl der Betriebsstellen auf 45 gestiegen ist. Drei ehemals kapitalistische Betriebe arbeiten nunmehr mit staatlicher Beteiligung, wovon einer, nämlich der Betrieb Duchrow in der Mittelstraße, in Kooperation mit ROW und der PGH besonders eng zusammenarbeitet.
Nach der Auflösung des Ministeriums für Allgemeinen Maschinenbau wurde mit der Strukturänderung im Staatsapparat das Werk der VVB Optik angegliedert. Die Vereinigung hat die Aufgabe, durch planmäßige Weiterentwicklung des gesamten Industriezweiges entscheidend dazu beizutragen, dass es in kurzer Zeit gelingt, durch erhöhte Exporte der. lohnintensiven optischen. Erzeugnisse zu helfen, die ökonomische Hauptaufgabe zu erfülle
n. Eine schnelle Steigerung ist zweifellos durch die Bereinigung der Produktionsprogramme der optischen Betriebe möglich. Dadurch wird die Aufsplitterung der Produktion gleicher Erzeugnisse auf verschiedene Fertigungsbetriebe in kleinen Stückzahlen beseitigt und die Zusammenfassung in größeren Serien möglich. Die Spezialisierung der optischen Betriebe der DDR wird nach den zurzeit noch nicht abgeschlossenen Beratungen vermutlich so erfolgen, dass sich in Rathenow die gesamte Brillenoptik, also die Herstellung von Brillenfassungen und Brillengläsern konzentriert. Darüber hinaus werden im feinmechanischoptischen Sektor bestimmte Typen von Mikroskopen, Kinoobjektiven sowie -spiegeln, Theatergläsern und optischen Geräten für die Anwendung der Atomenergie in Rathenow gefertigt. Verbunden mit der Typisierung und Spezialisierung der sozialistischen Industrie ist aber auch die Rekonstruktion der Produktionsmittel.
In wenigen Jahren muss es gelingen, die neuesten Erkenntnisse der Technologie und der fortgeschrittensten Arbeitsorganisation anzuwenden, um Erzeugnisse herzustellen, die dem Niveau des Weltmarktes in Qualität und Preis entsprechen. Die Hauptaufgabe, die den Rathenower Optischen Werken gestellt ist, sieht vor, bis 1965 die Produktion auf mehr als 40 Millionen DM nahezu zu verdoppeln, und dies ohne wesentliche Erhöhung der Belegschaftszahl. Ein derartiges Wachstum ist nur möglich, wenn es gelingt, die Arbeitsproduktivität im Siebenjahrplan auf rund 180% zu steigern und den Raummangel durch Zurverfügungstellung der von der Allgemeinen Berufsschule und anderen Organen genutzten Räume in der Berg- und Külzstraße zu überwinden. Dies müsste durch das von Jahr zu Jahr steigende Bauprogramm der Stadt, das den Bau einer neuen Berufsschule vorsieht, gelingen. Durch gute Zusammenarbeit mit den Schulen im polytechnischen Unterricht wird eine junge Generation heranwachsen, die die manuelle Geschicklichkeit der Arbeiter und Arbeiterinnen mit einem hohen technischen Wissen verbindet und in klarer Erkenntnis über die gesellschaftlichen Zusammenhänge dafür sorgen wird, dass Rathenow mit seiner optischen Industrie zu einer blühenden sozialistischen Stadt wird mit wohlhabenden, glücklichen Menschen.
Dieser Artikel wurde im Rathenower Heimatkalender 1960, Seite 31-41, veröffentlicht und wurde auch daraus übernommen.
Redaktionell bearbeitet am 14.11.07 von Robby Schmalz
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