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Jürgen Mai

Sammler, Organisator, Präsident und Chronist

von Erik Nagel

Ohne Jürgen Mai würde die kulturelle Landschaft in Premnitz mit Sicherheit anders und vielleicht sogar dürftiger aussehen. DJürgen Mai bei der 3. Geschichtswerkstattabei ist es Zufall, dass es den gebürtigen Sachsen an die Havel trieb. In Langburkersdorf stand Mais Wiege, direkt an der tschechischen Grenze gelegen und nicht weit von Sebnitz. Dort ging der junge Jürgen Mai zur Schule und wollte Außenhandelskaufmann studieren: "Weil mein Vater? Kapitalist' war, durfte ich nicht." Wie beinahe jeder zweite in diesem Teil Sachsens fertigte Mais Vater Kunstblumen an. Das reichte, Mai zunächst den Weg zum Studium zu verwehren.

Stattdessen sollte der junge Abiturient erst in einem praktischen Jahr den "Kontakt zur Arbeiterklasse" finden, wie es hieß - in der Braunkohle. Das ließ seine Gesundheit nicht zu, und so wurde er nach Premnitz ins Chemiefaserwerk geschickt: "Ende August 1959 kam ich hier an." Wissbegierig saugte der junge Mann alles auf, was er lernen konnte, und bildete sich in der Betriebsakademie weiter. Dann war das Jahr um, und wieder wurde er zum Studium nicht zugelassen: "Dann bleibe ich eben hier", dachte sich Mai. Schon ein Vierteljahr später hatte er die Facharbeiterprüfung in der Tasche. 1966 wurde er im Abendstudium Ingenieur, Fachrichtung Chemiefaser und ging ins Zentrallabor des Werks, wo er bis 1991 blieb.

Reden und andere begeistern konnte Jürgen Mai damals schon. Da war es kein Wunder, dass er bald selbst in der Betriebsakademie unterrichtete: "Sogar Abiturienten an der BerufsschJürgen Mai und rechts W. Bleisule lernten zeitweilig bei mir." Damit nicht genug: Kurz nach dem Studium wurde er URANIA-Mitglied und leitete im Werk 20 Jahre lang die Fachgruppe Naturwissenschaft und Technik: "Besonders beliebt waren die Vorträge zum Reisen, die irgendwie auch in dieser Fachgruppe angesiedelt waren", schmunzelt Mai heute. Hier kam ihm seine Liebe für die Fotografie in einer Weise zupass, die Jahrzehnte später eine große Bedeutung gewann: "Im Auftrag des Bezirksvorstandes der URANIA stellten wir die Geschichte des Werkes zusammen. Ich erhielt daher die Genehmigung, im Werk zu fotografieren." Da niemand sich so recht für die Archivierung dieser Bilder interessierte, übernahm Mai das selbst und ist daher heute im Besitz von einmaligen Fotodokumenten, die sonst verloren wären.

Auch ein anderes Hobby nahm Mais Zeit in Anspruch. Seit 1964 leitet er die Philatelisten in Premnitz: "Briefmarken habe ich schon als Junge gesammelt. Die Exotik der großen weiten Welt, so fängt es wohl bei jedem an." Mai blieb dabei und wurde sogar Mitglied im Kulturbund: "Der Kulturbund organisierte Tauschabende, man erhielt bevorzugt einen Sammlerausweis und hatte auch die Möglichkeit, westdeutsche Briefmarken zu tauschen." Dafür nahm Mai auch die merkwürdigen Wandlungen in Kauf, denen der Kulturbund in der DDR unterworfen war: "Er wurde mehrmals umbenannt. Einmal musste ich sogar eine Ehrennadel wieder abgeben, die ich kurze Zeit später mit dem neuen Namen zurück erhielt."

Berühmt geworden ist Mai jedoch in VJürgen Maierbindung mit dem Premnitzer Karneval. Dabei ist er eigentlich ein Quereinsteiger. Für die Siedler, die die ersten Karnevalsveranstaltungen organisierten, sollte Mai fotografieren. Doch schnell leckte er Blut: "Schon drei Jahre später ging ich das erste Mal in die Bütt und schrieb für Freunde eine andere." Der "Rucksackbulle" hat heute noch einen legendären Ruf: "Wir waren manchmal sehr mutig, mussten aber niemals eine Büttenrede zur Kontrolle einreichen." Von Vorteil war, dass der Premnitzer Carnevals Club niemals vom Kulturbund oder anderen Organisationen vereinnahmt wurde: "Pro forma gehörten wir zwar zur Stadt, aber eigentlich waren wir immer eigenständig", erklärt Mai.

1991 wurde er auch für ihn etwas überraschend Präsident des PCC. Sein Vorgänger zog berufsbedingt in den Westen, zugleich sollte die Vereinseintragung beim Amtsgericht erfolgen: "Wir wollten das schnell erledigen, aber gleich beim ersten Mal ging's schief. Wir mussten noch mal hin." Bei dieser Eintragung fungierte Mai als Präsident: "Seitdem habe ich das auch noch am Bein", lacht er. Offenbar erfolgreich: In diesem Jahr wurde er mit dem Verdienstorden in Silber des Bund Deutscher Karneval ausgezeichnet.

Gedrängt hat er sich nie nach Posten, doch immer wieder brachte ihn seine ruhige Kompetenz ins Gespräch. So wie 1990, als er Stadtwahlleiter wurde: "Der Kulturbund trat bei der Wahl gemeinsam mit der CDU an, aber kandidieren wollte ich nicht. Daraufhin hat man mich gefragt, ob ich nicht in der Wahlkommission mitarbeiten würde." Mai sagte zu, konnte ausgerechnet an der ersten Sitzung nicht teilnehmen und wurde in Abwesenheit zum Leiter gewählt: "Weil ich der einzige Parteilose in der Kommission war", wurde ihm später erklärt. Mai übernahm auch diese Aufgabe, führte sie korrekt durch - und fiel bei der konstituierenden Sitzung der neuen Stadtverordnetenversammlung sofort auf: "Vier gewählte Abgeordnete haben unentschuldigt gefehlt, was ich auch angesprochen habe. Das haben sie mir übel genommen", muss er schmunzeln.

Dies sowie seine vielen anderen Aktivitäten brachte Mai für eine andere AufgabJürgen Mai und rechts Ortwin Müllere ins Gespräch: Als 1991 ein Leiter für das Kultur- und Schulamt der Stadt gesucht wurde, fiel sein Name. Mai wurde aus dem Zentrallabor des Werkes abgeworben, obwohl er von solch einem administrativen Amt keine Ahnung hatte: "Ich war aber nicht zu stolz, jeden um Hilfe zu fragen, den ich kannte. Und ich kannte viele Leute." Mit viel Geschick und Engagement - "Im Prinzip hatte ich drei Ämter unter mir, die alle Geld wollten, aber keines hatten oder einbrachten" - brachten Mai und seine Mitarbeiter die Schulen der Stadt auf Vordermann, sorgten für die Übernahme des Kulturhauses in Regie der Stadtverwaltung und forcierten die Gründung des Bürgervereins, der viele Aufgaben ehrenamtlich übernahm, die sonst bei der Stadt geblieben wären.

Als Jürgen Mai 2003 in den wohlverdienten Ruhestand ging, war damit für ihn wohl eher ein Unruhestand gemeint. Nach wie vor engagiert er sich: "Nun kann ich mich aber vor allem den Sachen widmen, die mir Spaß machen." Eine neue Aufgabe war schnell gefunden. Unermüdlich arbeitet Mai daran, die Geschichte von Premnitz aufzuarbeiten: "Eine historische Sammlung zur Stadt gab es nicht, was ein großes Defizit war", beklagt er: "Wenigstens ist das Fotoarchiv des Werks gut erhalten", fügt er hinzu. Er sammelt alles für die Stadt, was er zur Geschichte des Ortes finden kann: "Ich würde gerne noch einmal eine richtige Chronik von Premnitz erarbeiten, aber das ist sehr schwer zu machen."

Ihm selbst ist eher unangenehm, lobt man ihn für seine Verdienste: "Ich möchte mich nicht in den Vordergrund stellen", sagt er immer wieder. Doch still halten und sich komplett zurückziehen, das kann und will er nicht. Es ist ein Glück für die Stadt, dass er es nicht tut.

Quelle: Brawo vom 18.11.2007

Fotos: Nagel+ wodtke-media

Redaktionell bearbeitet am 20.11.07 von Robby Schmalz

 


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