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Himmlische Freigänger Teil 1

von Günter Thonke

Die heiligen Nächten zwischen Weihnachten und den drei Königen wurden die Raunächte genannt, Titelblattbevor die Christen in das Land hier kamen. Da stürmte noch Wodan mit seiner wilden Jagd durch die Lüfte. Die Menschen blieben im Hause am warmen Ofen und versorgten nur das Vieh. Alle andere Arbeit ruhte.
Es ist auch die Zeit, wo die Seelen im Himmel alle zwölf Jahre eine Nacht Freigang auf Erden haben, um nach dem Rechten zu sehen und dem Gedeihen ihrer Nachgewachsenen und Lieben.
Im Himmel ist es beleibe nicht so wie es die Gläubigen erträumen. Der Petrus führt als Wachhabender ein strenges Regiment wie in einer Kaserne. Es ist alles geordnet nach Ländern und Gläubigen aller Arten. Die Vergangenheit ist wie eine Zwiebel aufgebaut und breitet sich im All aus, wie es die Menschheit nun mit dem Urknall erkannt zu haben glaubt. Der Dante dachte es nur mit den Kreisen der Hölle, doch bei der Himmelsfirma ist es ebenso und dann noch von wegen jeden Tag und jede Nacht nur frohlocken - es heißt Wolkenschieben rund um die Uhr!
Die Seelen können sich nicht krankschreiben lassen, denn Krankheit gibt es nicht, weder an Leib und schon gar nicht an Seele, es gibt kein Altsein und von Geschlecht ist auch keine Rede mehr. Es fällt also alles Irdische für immer weg im Wolkenkuckucksheim und bei den Christen hat der Petrus den Himmelsschlüssel am Gürtel. Der kennt seine Pappenheimer. Die schwarzen Wolken werden von den Katholen bewohnt, die ewig nörgelnden Protestanten hausen in den grauen und die ganz Frommen und Heiligen in den weißen.
Von der Himmelsbürokratie wird alles peinlichst und genau erfasst und ohne PC, wie es hier auf Erden jetzt möglich ist. Die waren uns schon immer Wolken voraus gewesen! Als Oberbegriff fungieren HWH und HÖH. H heißt Hindukusch zum Einen und Heimat zum Anderen und W und Ö geben die Himmelsrichtung an, -westlich und östlich! Als Untergruppe kommt EC, Etage Christenheit und dann die Wolkenfarbe der Einsortierten!
Zwölf Seelen wurden zueinander gelost, wenn die Wolke alle 24 Jahre wieder neu gemalert wurde. Am 29. Februar 1992 zogen sie hier ein. Das soll auf Erden ein Unglückstag sein. Es ist zwar Hühnerglaube wovon der Hahn nichts weiß, doch das schert der Bürokratie nicht. Die lässt diese Zahlen in ihre Datei einfließen.

Unsere Wolke war: HWH  -  EC  - WG  -  1992  -  2  -  28  :  1  -  12

Wir waren zwar nummeriert, hatten aber keine Nummer, weil jegliche Erinnerung getilgt sein sollte und Himmlische Freigängereine Nummer waren wir ja auf Erden zu Lebzeiten gewesen. Von Titeln war überhaupt keine Rede mehr,  - es war nichts mit Herr Doktor oder sie Penner, Madame oder sie Flittchen, mit Haltung annehmen, Bücklingen und den Hut lüften. Nachdem die Seelen sich beschnuppert hatten, fanden die Humorvollen schnell Spitz- und Ökelnamen für jeden. Schwarze Seelen, die gab es nicht, weil denen der Eintritt in die Hölle verboten war.
Die Hölle war von den Mönchen einst erfunden worden, um die menschlichen Laien auf Erden zu disziplinieren. Die Hölle ist ja im Himmel der Keller, wo sich die halbschwarzen Seelen recht wohl fühlen. Seit sich die Erde ständig erwärmt, brauchen sie dort nicht mehr zu heizen und haben ein faules Dasein wie auf Erden. Ihre faule Haut erwärmt die Sonne mit ihrer gespeicherten Energie. Der Satan ist ein Kumpel wie der Frosch in der Fledermaus und alle bleiben ewig jung dort und sind vor allem nicht geschlechtslos! Eine Gefiederpflege wie bei den Engeln entfällt, nur der Schwanz muss gestriegelt und der Pferdehuf regelmäßig beschlagen werden.
Aber als Strafe dürfen diese Seelen nur alle 120 Jahre auf die Erde von Sonnenuntergang bis zum Morgengrauen. Verspätete sich eine Seele, so gab es ein Strafjahr bis zum nächsten Turn. Das gab es auch schon auf Erden, die Erziehung in der Gruppe.
Ohne Nahrung gab es kein Prassen mehr und keine Tischsitten.
Die Körperhygiene war ein Fremdwort, man war ja eine Seele. Über die Fensterplätze entschied die Dienstälteste und das war die Oma.
Um die Plätze an der Tür gab es nie Streit. Die geistig weniger Gesegneten waren gern zum Wolkenschieben bereit, hatten entweder auf Erden schon gern geschoben oder alle Aggressionen abgelegt. Es ging auf Weihnachten zu. Wenn nicht alles schiefgelaufen war, wären sie an der Reihe nacheinander die Jakobsleiter hinabzusteigen und die Schwergewichtigen erinnerten sich an diese morsche Leiter und hatten arge Bedenken. Die Menschheit vermehrte sich teilweise hemmungslos auf Erden .Trotz der höheren Lebenserwartung musste die Jakobsleiter auch ständig verlängert werden und das All wurde trotz „Big-Bang“ mit seiner Ausdehnung immer enger. Selbst die schwarzen Löcher konnten schon nicht mehr mithalten. Der „Himmlische Herr“ dachte schon über eine Schrumpfung der Seelen nach, doch waren alle seine Versuche daneben gegangen.
Himmlische FreigängerDer Divisor war zu groß gewesen und die geschrumpften Seelen fielen durch das Himmelsgewebe und den Dunst. Nun werden sie noch heute wie Stecknadeln im Heuhaufen gesucht. Aus ihnen sind die Trolle geworden, die den Menschen Schabernacke bereiten und die sich nicht mehr totlachen können, weil sie es schon sind. Solche Durchfallprodukte ergeben am Ende auch einen Sinn! Ehe der Ausflug zur Erde begann wurde die Reihenfolge festgelegt.
Die Oma nahm es in die Hand und setzte sich gleich selbst als Letzte ein, denn die elf Seelen vor ihr mussten bei ihrer Rückkehr  am Morgen über ihr Erseelen auf Erden berichten, was ihr zu Gute käm.
Am eiligsten hatte es der gewesene Herr Pastor.
Eine Mitternachtsmesse hatte es ohne ihn zu seinen Lebzeiten nie gegeben und obwohl alles vergessen sein sollte, spürte er es in den Seelengenen. Seine Erinnerungen wurden aktiviert, sobald er die letzte Sprosse der Jakobsleiter erreicht und Bodennähe hatte.
Ähnlich erging es dem Arzt und dem Apotheker. Zum Fest hatten sich die Menschen stets überfressen. Da wurden Leute wie sie einst schon immer gebraucht. Dem Lehrer hatten stets die Tage zwischen den Tagen erfreut gehabt, weil da schon  immer Ferien waren.
Kurzum, die Eliten waren wieder vorne.
Die Verkäuferin war froh sich vom Feiertagsstress erholen zu können, der Lokführer dachte an den Reiseverkehr und was die Bardame dachte, verschwieg sie lieber. Sie gab ihre Seelengene nicht preis. Die Polizistin fürchtete die Alkoholisierten, die Tierschützerin die Böller wegen der Tiere und das kleine Mädchen ängstigte sich auch darum. Der Soldat suchte noch immer seine Gebeine nach letztem Geknalle und die Oma hatte viele Gründe im Herzen.
Nach dieser langen Einführung wollen wir nun die Berichte hören und das danach noch Geflüsterte in der Wolkenbude. Die schriftlichen Berichte waren mit dem Passierschein beim Petrus an der Wache abzugeben. Die kamen zu den Akten der Himmelsbürokratie. Der Himmel steht zwar allen offen, doch heraus durften nur die Kader, die Himmelsrentner und die aus den sicheren Wolkenbuden. Die Himmelsverfassung wurde aber auch zeitweise außer Kraft gesetzt worden, wenn es hier oben zu stürmisch zuging. Die schwarzen Seelen im Höllenkeller gehen andere Wege. So sie nach 120 Jahren herunter zur Erde dürfen, finden sie nur noch die Ur-ur-urenkel vor. Alles einst zu Ererbende ist schon den Bach heruntergegangen und es ist kein Fluchen über Entgangenes zu hören. Untereinander sind die Seelen vom Satan und Petrus so gemischt worden wie die Lottozahlen in der Trommel. Alle schweben fremd und findet trotzdem einmal einer einen Bekannten, so wäre es wie ein Sechser im Lotto mit Zusatzzahl.
Der Pastor machte sich auf die Leiter.
Die Nacht war sternenklar und er hielt inne, um das Firmament aus dieser Sicht in Seelenschein zu nehmen. So könnte es vor 2000 Jahren gewesen sein, aber so genau weiß es niemand mit Jahr und Tag.

Vieles bog man sich hin, als die Laien noch nicht nachdachten. Es wurde denen viel gepredigt, als die Himmlische FreigängerWorte und Bilder noch nicht durch die Lüfte geisterten und auf dem Schirm empfangen werden konnten. Da waren fast alle vor Anfechtungen und Zweifeln sicher gewesen. Im Himmel sind nur die Grauwolkigen am Mosern, Besserwissen, Ändernwollen, Erneuern und Modernisieren, kurzum es sind die Protestanten wie der herabsteigende Pastor als deren Hirte. Er hatte keine Familie gehabt, eine ledige Tante führte den Haushalt und nur fremder Leute Kinder waren zu erziehen gewesen. Er konnte also voll in seinen Beruf aufgehen. Nur die Zeit passte ihm nicht. Anderen ging es aber auch so. Nur die Masse folgte einem Verführer. Der hatte sie durch den Erdteil marschieren lassen, weit und hin und zurück. An den letzten seiner Tage klopfte das Schicksal an die Tore der Stadt. Als alle im Keller die Kampftage überstehen wollten, da stellte er sich schützend vor die Frauen im festen Glauben sie bewahren zu können. Die alkoholisierten Krieger schossen und seine Sinne schwanden. Das Danach hatte er nicht mehr erlebt. Erst beim ersten himmlischen Freigang konnte er seine zerstörte Kirche mühevoll wiederaufgebaut erkennen und beim zweiten Freigang war die obere Etage sogar abgetragen worden. Wiederum zwölf Jahre später waren schon viele Häuser in der Altstadt verfallen, neue Wohnblöcke waren gebaut worden und die Leute hatten alle wieder ein Dach über dem Kopf. Von seinen Amtsbrüdern kannte er keinen mehr.

Die jungen Mädchen, die er schützen wollte, waren schon Omas geworden oder im Orte nicht mehr aufzufinden unter ihrem Namen. Sie hatten auch die Heimat gen Westen verlassen gehabt. Heute war die Bratenschicht vom Heiligen Abend zur Kirche. Am ersten Feiertag besuchte jeder jeden, die Kinder beäugten das Spielzeug der Freunde und die aus der Kirche kamen hatten alle Mühe, das Essen zu bereiten und den Tisch zu decken.

Vor zwölf Jahren hatten sich alle noch der West-Pakete erfreut, doch das Porto war teurer geworden und es gab nun alles hier, was einstens so weit weg erschien. Wir waren wieder ein Land geworden, hatten einen Bischof vom Neckar bekommen und die Kirchenerneuerung nahm Gestalt an. Nur der erste Geldfluss begann zu versiegen.

In wenigen Tagen würde die Mark euroisiert, doch das belastete seine Seele nicht. Neue Geister sind allerorten, die alten sind geblieben, die von gestern und die von noch davor. Die Phantasten verschwanden wieder in ihren Nischen, die Verzweifelten fanden keine Tröster und alte und neue Psychopathen bereiten den Institutionen große Sorgen.

Im Morgengrauen war er froh die morsche Himmelsleiter bis zur Pforte erstiegen zu haben. Dem Petrus Himmlische Freigängerübergab er mit dem Passier- schein ein Tonband des Diktiergerätes, das er von einem Gabentisch hatte mitgehen lassen. Der damit Beschenkte hatte ohnehin an Um- tausch gedacht nach den Feiertagen. Doch neben der Sünde, die er begangen hatte, rastete Petrus ob der technischen Neuheit aus. Hier werden keine neuen Moden eingeführt, immer die Protestanten und Atheisten. Was sollen die himmlischen Beamten denn tun, wenn wir Personal reduzieren. Das Wolkenschieben wäre unter ihrer Würde und sie forderten Schwanz und Pferdebein, um unten im Keller beim Satan zugammeln. Von Computern will ich nichts wissen, vom Internet überhaupt nichts. Außerdem stürzen die Dinger immer ab, wenn Asa Thor und Konsorten mit ihren Blitzen die Vernetzung stören. Wir bleiben beim Gewohnten. Schade, dass man Seelen nur auf eigenen Wunsch in einen anderen Himmel entlassen kann, so sie da überhaupt aufgenommen werden. Ich bleibe bei meiner Autorität, wohin kämen wir den sonst?
In der Wolkenbude hatten sie alles mitbekommen, denn der Himmelspförtner hatte die Wanze auf Empfang gestellt, als er in seiner Erregung mit der rechten Hand wie einst mit dem Schwerte zum Ohr herumgefuchtelt hatte.
Um einiges klüger geworden, zog es den Apotheker abwärts. Er wurde noch vergattert, nichts mitgehen zu lassen.
Im Himmel ist nicht auf Erden. Eine Seele, die brauche nichts mehr. Es kam noch die Litanei mit „dem hier oben nicht passen“.
Doch die kannte er schon durch die Wanze und er grinste frech.
Seine Höhenangst hatte ihn. Er traute sich nicht herab zu schauen. Einst hätte er dafür oder dagegen eine Pille oder Pülverchen gehabt. Nun blieb nur die Hoffnung auf gutes Gelingen des Abstieges. 
In seiner Apotheke machte die nächste Generation alles anders seit seinen Jahren des letzten Geisterns. Ein neues Haus war gebaut worden mit einer Bank und für viele Ärzte. Alle Arzneien waren verpackt, eigene Rezepturen waren kaum gefragt und alles war genormt. Der Wettlauf mit den Bakterien und Viren wurde immer rasanter. -
Es war wie beim Hasen und Svinigel, - der war immer schon da. Von der Kasse zur Bank war es nicht weit, die Preise hatten Flügel bekommen und den Krankenkassen ging die Puste aus. Die Patienten beurteilten die Wirkung der Arznei nach dem Preis und so half diese nur in diesem Falle. Selber bezahlen muss man Viagra für das Können und die Damen bezahlen für alle möglichen Schlankheitsmittel bar auf dem freien Markt und allen hilft dabei der Glaube.

So hatte er sich aus Neugier eine Pille aus der Packung Viagra gemaust, als der Nachtdienst abgelenkt Himmlische Freigängerworden war und seine Seele sich durch die kleine Luke verdünnisieren konnte. Jetzt hatte er Probleme beim Aufstieg. Jede Sprosse störte. Zum Glück ließ die Wirkung mit jeder Stufe nach. Eigentlich wäre ja ein Fahrstuhl von Nöten, den die faulen Teufel mit Ergometern mit Strom versorgen könnten.
Die Windkraft reicht gerade für Mond und Sterne. Für die Sonne ist der „Himmlische Herr“ selbst zuständig. Hätte der Himmelsschlüsselmann dies gehört, er wäre wie Rumpelstilzchen ausgerastet. Daher erzählte er in der Wolkenbude nur seine Erlebnisse, so alle pfiffen, um den Wanzenempfang zu stören. Daraufhin wurde die Störkolonne in alle Winde geschickt. Da das Pfeifen nach dem Bericht endete, wurde die Ursache nicht gefunden. Die Himmelspost war auch privatisiert worden, weil der Himmelsetat aus allen Fugen geraten war. Vor Jahresschluss sollte noch alles Geld unter die Seelen gebracht werden, denn Guthaben oder Verluste durften weder vor- noch nachgetragen werden. Es sind im Himmel wie auf Erden dieselben Figuren am Werke im Fleische wie im Geist. Die Himmelsbank machte in allem eine Ausnahme, aber da war ja der Teufel der Direktor und den konnte keiner abwählen.

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Fotos/Grafiken: wodtke-media, Günter Thonke

Redaktionell bearbeitet am 22.11.07 von Robby Schmalz

 


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