Himmlische Freigänger Teil 2
von Günter Thonke
In der nächsten Nacht war die Reihe an den Doktor. Der hatte als Einziger in der Wolkenbude seinen Hund mitbringen dürfen... Dieser war auch hier im Himmel der Treueste und wurde mit dem Herrchen unter derselben Nummer geführt. Hund und Herrchen hatten sich erschossen als sie meinten, es gäbe keinen Ausweg 1945 nachdem alles zusammengebrochen war. Alles geht weiter, auch so die Welt unterginge, - nichts geht verloren, wo soll es auch hin?
Das Problem mit der Jakobsleiter löste der Doktor, der einst ein wilder Jäger vor dem Herren war, mit dem alten Rucksack, in den der Waldmann kam. Der wurde ganz „high“ ob der Gerüche der Hasen und Kaninchen, die dem Sacke noch anhafteten. Hundeseelen reagieren ewig, da ihnen der Geruchssinn geblieben ist. Das hatte man in der Himmelsverfassung vergessen gehabt und dem keine Bedeutung beigemessen. Nun wittert Waldmann den Petrus schon auf zehn Wolken, dessen Schweißfüsse tun ein Übriges.
Leise knurrend passierten beide die Pforte.
In Erdnähe witterte Waldmann die Enten, Eulen und Hundekollegen, die alle kläfften und Kater und Katzen erkletterten schnell die Bäume.
Der Doktor war noch nie zu der Stätte seines Wirkens zurückgekehrt. Seine Wurzeln waren im Dorfe seiner Ahnen im Norden.
Nun siegte die Neugier. Das Haus stand noch mit seinen Freimaurer-Symbolen, die alle Zeiten überstanden, weil allen Systemen der Horizont gefehlt hatte. Es wirkten dort zwei Mediziner. Seine Klinik, in der er schon mit der kleinsten Narbe beim Blinddarm weit und breit bekannt war und auch einem Maurer eine Stichwunde am pochenden Herzen genäht wurde, die war Sanitätshaus geworden. Die Hölderlin-Säule in seinem Garten mit exotischen Gewächsen ist heute in den des Museums gelandet. Er hatte den Dichter Hölderlin sehr verehrt. Als er erfuhr, was heute in der Medizin alles möglich ist, da bereute er seinen voreiligen Kurzschluss. Er wünschte sich wiedergeboren. Doch die Zeit hätte ihn eingeholt, was soll es.
Die damaligen Kumpane und Schluckspechte und alle anderen Sünder waren schon auf der großen Reise, - nach dem „Walhall“ der Germanen, dem „Anderen Land“ der Kelten oder auch in den „Himmel“ der Christen, aus welchem er gerade Freigang hatte. Viele seiner alten Meinungen musste er im Himmel korrigieren und ohne den Waldmann fände er alles zum Kotzen.
Kotzen konnte man im Himmel nicht. In seinem Haus sähe ihn heute der Bürgermeister ins Bett.
Der Stau des Autoverkehrs verpestete die Luft. Die duften Schwestern sind nur mit dem Erfassen aller Daten beschäftigt. Er hatte noch nach Schnauze seine Honorare liquidiert.
Das war einmal.
Nach seiner Zeit gilt heute die Maxime:
„Nur wer nicht stirbt, der lebt weiter!“
Waldmann hebt noch einmal seine Pfote im Geiste an der alten Ecke, ein Penner mit Hund schlich vorüber, der das Tier kaum halten konnte und voll wie er war, bemerkte er niemanden weit und breit.
Es ist schon eine komische Welt geworden, dachte der Doktor. Nur der Hundegeist träumte von Hundedamen, Würsten und einem warmen Ofen mit einem kuscheligen Körbchen.
Nun hatte der Lehrer seine Nacht auf Erden. Er hatte einst auch im Turnen unterrichtet. Daher bereitet ihm der Abstieg keine Probleme. An Sprossenwänden hatte er seinen Schülern sein Können demonstriert, ehe er dabei abgestürzt war und auf den Kopf gefallen war. Danach ging es bergab mit ihm und er war auch im zweiten Fach, der Mathematik nicht mehr einsetzbar gewesen. Mit einer langen Frührente kam er gut durch die Zeit mit ihren Problemen. Heute durfte er zum Zweitenmal hinab zum Nachschauen. Um seine Frau hatte sich ein Kollege als Lebens-ABV gekümmert gehabt, aber jetzt war sie wieder eine unechte Zweitwitwe im Kaffeeklatschalter und hatte an ganz alte Zausel kein Interesse mehr.
Seine Kinder hatten des Vaters Profession und waren als solche verbeamtet worden. Sie genossen die
Ferien in vollen Zügen. Den Unterricht gaben sie nach Punkt und Komma, die Erziehung oblag ja nur noch den Eltern. Wenn alle Ideen durchprobiert worden sind, käme man am Ende wieder zum Anfang. Der Vater hatte schon beim Kaiser gelehrert mit Stock, Bibel und am Sonntag an der Orgel. Seine Generation erprobte sich in Weimar, war dem Adolf bis zum Letzten hörig gewesen, wurde entnazifiziert, um dann entsozifiziert zu werden, so man nicht zuvor einen Abgang in die Rente geschafft hatte.
Kurzum, die Lehrer hatten und haben es nie leicht.
Und dann die Jugend von heute! Eigentlich war die immer so gewesen und ihren Übermut hatte man einst in kriegerische Kanäle geleitet gehabt. Nun fließt er in kriminelle und die Hemmschwellen sinken.
Da gäbe es Aufgaben für die Lehrkörper, doch fast alle dienen nur noch nach Vorschrift. Gott sei Dank, dass ich schon Seele bin!
Der Morgen graute und er sehnte sich nach seiner Petersilie auf der Wolkenfensterbank. Gern hätte er sich einen Taschenrechner mitgenommen und sich über die neue Rechtschreibung orientiert, doch das Einmaleins saß noch im Seelenhirn und richtig zu schreiben war immer schon Ansichtssache gewesen. Da war oft die kindliche Logik den Schreibtischphilologen voraus, die keinen großen Schritt wagten.
Eine Sinnschrift für alle Menschen der Welt wird ein zu erträumendes Ziel bleiben, doch was mache ich mir einen Kopf als Seele, sollen die Heutigen doch zusehen, wie sie durch ihre Zeit kommen.
Er war immer auf der Seite der bestens Versorgten gewesen, die sich „nur“ mit anderer Leute Gören herumärgern mussten. –
„Der Pauker ist wieder da“, riefen sie in der Wolkenbude. Er goss erst die Petersilie auf der Fensterbank, was die anderen Seelen vollkommen vergessen hatten und es erboste ihn sehr. Auch unter den Seelen ist also kein Verlass.
Der Lokführer schmunzelte. Auf ihn musste immer Verlass gewesen sein. Er wollte nach den Schienen schauen und im Lokschuppen sein altes Eisenross streicheln.
Doch, Pustekuchen, kein Lokschuppen, keine Drehscheibe, kein Wassergalgen und keinen Übergang zur Städtebahn mehr. Die Bahnsteige lagen hinter drei Gleisen und waren nur durch einen Tunnel zu erreichen. Die Strecke war elektrifiziert. Davon war zwar schon früher einmal die Rede gewesen, doch nun war alles Wirklichkeit.
Als seine Seele tief durchatmen wollte, da rasten zwei Stromlinienzüge vorüber. Dann hielt eine Bahn, die
sich RE nannte. Er hätte gern deren Lokomotive gestreichelt, doch es war eine ohne Dampf. Die wurde nur von einem Manne bedient und der konnte nicht einmal mehr den Heizer Gang machen wegen eines konstanten Druckes. Alles wurde Funk und Fern gesteuert, Blockstellen und Schranken die gab es nicht mehr und die bösen Buben konnten nicht in den Schornstein spucken. Die hatten nun Böseres im Sinne.
Schlimmere Zeiten gab es nur, als die Bomber kamen und keine Steine fallen ließen. Und dann das Tempo auf den Gleisen, wozu?
Was machen die Menschen nur mit der gewonnenen Zeit?
Es ist doch alles relativ, ob man im Zug tuckelt oder im Wartesaal, so der geöffnet ist, auf den verpassten Anschluss wartet.
Hier gewonnen, dort zerronnen!
Außer dem Kaffee ist alles teurer geworden. Bier gibt es in Büchsen ohne eine schöne Blume und ohne Pfand. Einst bekam man für drei leere Flaschen eine volle. Auf der Lok hatte man immer Durst, nur voll durfte man nicht sein! Nun ist alles im Wandel. Nach Berlin ist es wieder nur ein Sprung. Es geht nicht mehr mit der Kirche ums Dorf. Meine Seele ist gespannt auf das nächste Mal in 12 Jahren.
Die Verkäuferin wäre am liebsten oben im Himmel geblieben.
Ihre Füße waren wie im Leben geschwollen, aber die Neugier machte ihr Beine über die wackelige Leiter. Unten war aus ihrem Ladenfenster ein Stubenfenster geworden. Als Tante Emma hatte sie ihre Zeit gehabt, dann wurde sie Kommissionshändlerin, ehe sie Verkäuferin in der HO wurde. Nun gibt es auch diese nicht mehr.
Alle die schon ein Auto haben, fahren vor die Stadt.
Sie bedienen sich dort selbst und warten an der Kasse, wo die Verkäuferin jetzt statt dicker Füße einen breiten, sagen wir, PO hat und Nackensteife vom in eine Richtung schauen. Aber der Krankenstand ist abnorm niedrig. Nur keinen Platz frei machen, andere Puppen warten vor der Tür und noch andere husten allen etwas oder finden der Möglichkeiten viele, wo alles seine Zeit hat. In ihrer Wohnung wohnen Emigranten. Die beherrschen nicht die Sprache ihrer Urahnen und sind zwischen den Welten. Keine bekannte Seele lief ihr über den Weg, keine Spur von Freunden und Nachbarn.
Als lebende Seele wäre sie recht einsam geworden.
Die Bürgersteige waren hoch geklappt. Polizeiautos kreisten um das Karree und rasten mit Blaulicht und Martinshorn zum Einsatz.
Eigentlich versäume sie nichts hier, meinte ihre Seele und sie machte sich vorzeitig auf zur Wolkenbude. Unten sah und roch sie die Mühen der Pfannkuchenbäckerei, aber keine Nase voll dieses Duftes, der sie einst tagelang umgab, wollte sie mitnehmen.
Die Bardame war recht uschig vor Vorfreude.
Die Nacht der Nächte, der Jahreswechsel versprach gute Umsätze und manches mehr. Im nächsten
oder übernächsten Jahr, darüber streiten sich die Gelehrten und andere kloke Geschäftemachenwoller, wäre es noch optimaler, doch was nutzt es einer Seele, die gebunden ist?
Jahrtausend hin, Jahrtausend her, Weltuntergang oder gar nichts mehr. Sie hatte es hinter sich gebracht!
Ob es bei ihr wegen ihrer Vergangenheit für die Erlösung mit Auferstehung und so reicht, wissen nur die oder der dafür Zuständige.
Es soll aber mehr Freude dorten über eine Sünderin wegen deren Lebens- und Liebeserfahrung sein und hoffen kann man immer!
Heute trieb es sie zur Theke, um zu nach den Weingeistigen von einst zu schauen. Einige hatte schon die Leber geholt, andere waren in sehr festen Händen. Nachgewachsene die gab es aber auch. Die waren nicht von schlechten Eltern und sind gute Schluckspechte geworden, die noch ohne Widerspruch bei einem schönen Augenaufschlag die Zeche zahlten wie vor ihrer Seelenzeit. Mit den Unterstromstehenden ist es auch heute keine Freude als Gäste und sie mögen rechtzeitig Leine ziehen.
Einst wurde sie Alleinerziehende durch einen Vater „Aufunddavon“
und die Tochter ging den anderen Weg und wurde Nonne. Ihr Sonnenschein kehrte in den Schoß einer anderen Mutter zurück. Eine gute Tat muss aber auch sie getan haben.
Oder hatten die Gebete ihrer Mutter ihr das Himmelstor geöffnet gehabt und zahlt ihre Tochter nun den Preis ihrer Sünden? Vom dritten und vierten Glied, davon hatte sie irgendwie gehört gehabt, es aber nie verstanden oder anders gedeutet gehabt.
Die Jahreswende wurde turbulent. Vermögen wurden verballert und versoffen. Es
war etwas los gewesen und Tage wird es dauern, bis alle wieder Tritt fassen werden. Die, die ihrer Arbeit nachgehen, die, die Bilanzen frisieren, die, die den Ärzten eine Starthilfe ins neue Jahr angedeihen lassen, die, die auf das richtige Wetter wegen des Ausfallgeldes hoffen, die den Obdachlosen einen warmen Ort öffnen und die anderen Wärmehungrigen, die aus dem Süden heimkehren mit neuen Bazillen und ohne eine letzte Mark, denn um Null-Uhr wurde ein Kind geboren: „Der Euro!“
Wie es bei Kindern so ist, hat man Zeit sich an den Gedanken ihres Kommens zu gewöhnen. Sind sie da, so werden sie akzeptiert, wie auch sie ihren Sonnenschein akzeptiert hatte. Der Vater ging auf und davon, ohne da gewesen zu sein als Esel im Galopp.
Im Galopp verloren gingen nicht nur Kinder, auch Staaten und ähnliche Dinge. Trotzdem wird genossen, gerubelt und cohncurst, wie man das Ende vor neuem Anfang nennt. Doch die Hoffnung auf die Zukunft bleibt, wenn auch diese einst besser schien.
Überall wurde die Konkurrenz härter und es muss ganz schön gestrampelt werden. Diese Probleme hat sie lange hinter sich, nichts tut mehr weh und keine Morgenstunde hat mehr Gold im Munde.
Im Himmel sind die Nächte lang, - hinauf denn!
Der erste Tag im neuen Jahr war es nicht immer.
Ewig wurde am Kalender gefummelt und einige haben sich da bis heute nicht bekehren lassen. Der Menschenwille ist ihr Himmelreich!
Von dort kam nun die Polizistin erstmals auf die Erde zurück.
Die wirkte streng nach dem Gesetz beim Pass- und Meldewesen. Ihr Vater hatte in des Berliner
Polizeipräsidenten Reitschule gewirkt, nachdem er dort zuvor beim Reiterregiment zwölf Jahre abgerissen hatte. Beim letzten Knall hier 1945 war er schon zwei Jahre im Osten vermisst worden und seinen Chef, den hatte man gehangen, weil er beim 20. Juli-Aufstand 1944 involviert gewesen war und nun zogen die Sieger aus dem Osten in die Kaserne.
Als snicke Deern fing sie bei der neuen Polizei an. Erst an der Hauptkreuzung, wo der Verkehr dümpelte. Als sie es an den Nieren hatte, kam sie zum Innendienst. Ob sie beliebt gewesen war, das wusste ihre Seele nicht mehr. Bevor alles sich wendete, hatte sie ihren Geist aufgegeben gehabt und war im Himmel gelandet. Mit dieser Firma hatte sie nie etwas am Hut gehabt, doch muss sie eine, vielleicht gar mehrere gute Taten bewusst oder unbewusst getan haben. So vieles ist rätselhaft im Leben und danach und es ist ein Glück, dass niemand um das Warum weiß!
Heute ist alles anders. Einige von früher sind noch dabei.
Den Bösewichten kam man nicht bei und die drehten eine lange Nase.
Andere Schlimme wurden nach einem Ausbruch im Heuhaufen der Großstädte gesucht. Mit ihren langen Fingern schrecken die vor nichts zurück. Bürger mit Promille werden beim Tempomachen mit der Pistole geschossen oder nehmen wie Don Quichotte den Kampf mit den Alleebäumen auf. Einige tanken, ohne zu zahlen oder landen in einer Kartei, wo sie selten wieder gelöscht werden.
Wegen der Sünde und Buße hat jeder Staat eine Polizei.
Im Himmel ist es die geheime Seelenpolizei.
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Hier weiter lesen Teil 3
Fotos/Grafiken: wodtke-media, Günter Thonke
Redaktionell bearbeitet am 22.11.07 von Robby Schmalz
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