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Himmlische Freigänger Teil 3

von Günter Thonke

Vieles fällt dort weg, die Sünden im Verkehr aller Arten, Blechunfälle und Autokratzer, Raub, Mord und Entführung. Da die Bäume nicht in den Himmel wachsen, hat man dort auch keinen Galgen für tote Seelen. Das Pass- und Meldewesen macht der alte Petrus mit links an seiner Pforte. Andere Tricks haben wir schon mitgekriegt. Nun war es aber Zeit wieder auf die Leiter zu kommen, damit alles seinen geordneten, na ja wie einst, Gang ging.

Zu den Tieren wollte die Betreuerin gucken.
Als ihre Seele dort durch das Tierheim strich, waren alle Tiere, besonders die Hunde, sehr erregt. Einst Himmlische Freigängerwurde sie vom Hund dort gebissen, hatte dem keine Beachtung geschenkt und ein schlimmes Ende durch die Tollwut gefunden. Ihr hypnotischer Blick hatte den Biss nicht verhindern können. Den schwerhörigen schwanzlosen Zweibeinern, den Menschen, ist es nicht bewusst, wie die Tiere unter diese Silvesterkanonade leiden. Die Leute machen sich kaum noch Gedanken, leben in den Tag hinein und scheinen schon hirnamputiert zu sein. Auf diese wartet der Keller im Himmel, wo sie nun nicht mehr heizen müssen. Dort wurde wegen der Kohlenschipperei gemeutert. Es gab Erdgas auf Knopfdruck und da die Erde sich erwärmt, wollen sie das Eingesparte im himmlischen Haushalt zum Versaufen haben. Teufel sind und bleiben teuflisch.
Wie sollen da Himmel und Erde eine Hoffnung haben, da von zwei Möglichkeiten immer nur eine geht und kein Weg zurückführt.
Wer die Menschen kennt, der liebt die Tiere und darum kamen die auch mit auf die Arche, als die Wasser Himmlische Freigängeranstiegen  und fast alle Wesen ersaufen sollten. Heute halten sich viele Hunde einen Herrn, dem dies oft auch von Nöten ist, weil ihm die Streicheleinheiten der Liebe fehlen.
Wann wird dies je geschehen, - wann wird es je geschehen!
Erster Mann im Staate war in Preußen der Soldate! Seit Schwejk, so hänselten sie ihn in der Wolkenbude, anders als sein Namensgeber, im letzten Aufgebot noch draufgegangen war, um im Landserjargon damaliger Zeit zu reden, war er auf der Suche nach seinen Gebeinen. Seine Stunde hatte in der Stadt geschlagen, in der er als Freiwilliger im Reiterregiment seine Laufbahn begann und seine letzte Stunde schlug zehn Jahre nach seinem damaligen Eintritt fast auf den Tag genau. Zwei Jahre war er durch die märkische Heide geritten und mit seinem Pferd Liese und am Göttliner-Berg durch die Havel geschwommen, ehe das Tier zum Landdienst ausgemustert worden war und das Regiment zur Motorisierung 1937 nach Göttingen hinterm Harz kam.
Als er seine Dienstzeit vorüber meinte, da begann diese erst mit dem Ernst des Krieges. Es wurde scharf geschossen in Europa. Sie mussten von Pontius bis Pilatus in diesem Erdteil ziehen, hin und zurück und Himmlische Freigängerdurch jede Scheiße, ehe er sich in den letzten Tagen aller Schlachten hier wieder fand. Sein Kreis hatte sich geschlossen und über den Sinn seines Lebens hatte er nie nachgedacht. Nur sein Galgenhumor hatte ihn alles ertragen lassen. Es traf ihn keine Kugel. Er wurde von einer Ruine erschlagen und im Keller verschüttet. Der wurde wegen einer Straßenverbreiterung zugeschüttet. Er galt den Seinen als vermisst.  Nach seiner Mutter waren Vater und Schwester gestorben und niemand fragte nach ihm. Seine Freunde waren alle gefallen, -
aus, Punkt.
Jetzt hatte man die Gebeine gefunden - die Gerichtmedizin ermittelte deren Alter und die Zeit. 
Da gab es der Möglichkeiten viele.
Von der Pest im dreißigjährigen Krieg bis zur Schwedenzeit und dem Finale des „Dritten Reiches“ am 9. Mai 1945. Die Gebeine blieben nicht im Institut. Sie fanden ihre Ruhe an geweihter Stätte.
Seine Seele aber hatte noch Zeit gefunden, um sich umzusehen. Die Bundeswehr fuhr mit einem y auf dem Nummernschild durch die Stadt, symbolisch wie eine Schleuder des biblischen Königs David, klein aber oho! Die alten Kasernen dümpelten denkmalgeschützt vor sich hin, wie die Ilse, - keiner will síe!
Die Dimensionen eines Unterganges hätten sich potenziert gehabt, wäre der „Kalte Krieg“ heiß geworden. Dieser Kelch ging vorüber.
Nun werden die Karten wieder neu gemischt. Die Hochtechnisierten zieht zum Öl. Jeder Marschierer bedenke, ob die Welt dann lebenswert bleibt. Es gibt keinen Königsweg in die Zukunft, denkt auch der Mensch, - Gott lenkt. Noch bleiben uns Liebe, Hoffnung und Humor.
Vor dem Morgenappell war er zurück an der Pforte, - wie früher aber auf dem letzten Drücker.

Es kamen die letzten beiden Nächte heran.

Die Oma dachte nicht daran das Kind alleine gehen zu lassen; es hatte doch noch keine Himmlische FreigängerLebenserfahrung nach seinem Tod dafür. Es war Opfer ihres großen Bruders bei dessen Böllerbau geworden. Oma nahm das Kind unter ihre Kittelschürze, ohne die sie schon auf Erden nie herumlief. Petrus fuchtelte gerade mit seiner Brille, die wie er sehr grackelig war. Nur nicht von der Leiter fallen, dachte Oma, denn ihre Engelsflügel waren in der Mauser. Und dann noch die Verantwortung für das Kind!
Es wäre ihr zweiter Tod gewesen.
Beim Erdkontakt lief ihr Lebensfilm die Seele herunter.
Ihr Mann war im Krieg geblieben. Sie hatte die vier Gören groß,  mühevoll satt gemacht, zu anständigen Menschen erzogen und sich danach auch noch um die Enkel gekümmert gehabt. Ihrem Dasein hatte sie einen Sinn gegeben und wollte nun nach dem Rechten in den jungen Familien schauen und ob dort Friede war. Der Kleinen zeigte sie den Ort des Unglückes. Ihr Vater war seiner Wege gegangen, die Mutter hatte zur Flasche gegriffen und der Bruder war Opfer seines Leichtsinns geworden, als er die Kurve beim Rasen nicht bekam.Nun mühten sie sich die Jakobsleiter hoch. In der Ferne sahen sie schon die eiligen und später heiligen drei Könige durch die Wüste ziehen. Knapp bei Atem erzählte die Oma diese Geschichte dem Kinde, ehe vor der Pforte sich ihre Seelen aktivierten. Der Petrus sah auf seine Sonnenuhr, die aber gerade Schatten hatte. Einen neuen Kalender hatte er noch nicht; wegen der Befangenheit wollte er sich für keine Firma entscheiden und für einen Kauf hoffte er auf eine Preissenkung, wenn das Jahr einige Tage alt sei.
Als Petrus vor die Türe guckte, da sah er die drei Könige eilen und er wusste gleich Tag und Stunde.
Und dazu nun die Oma mit dem Kinde!
Eine der Beiden hatte bestimmt die Zeit überzogen.
Ein Bußjahr lag auf seiner Zunge.
Da platzte der Oma die Kittelschürze. Ob er in dreizehn Jahren hier noch etwas zu sagen habe, das wissen nur die Götter und zwar alle! Die sind nicht verschieden, wie er denkt und uns einredet seit über zweitausend Jahren. Es gibt nur einen Gott, das stimme.
Der modernisiert sich Turnus gemäß und war als große Mutter schon eine Frau gewesen und ist jetzt die Gottesmutter Maria. Seine Firma werde bald fusionieren. Es käme ein neues Management und er, der Petrus, könne stempeln gehen. Sie habe es im Leben nie einem alten Manne die Leviten lesen müssen, Rückseite Himmlische Freigängerwas auch nicht ihre Art wäre, wenn der gespurt hätte.
Hier wäre eine himmlische Wende von Nöten.
Der Tag wird kommen wo alle rufen werden:
„Wir sind die Seelen!“
Da werden keine Wanzen helfen, unblutig und ohne blaue Flecke wird es geschehen und nichts kann beiseite gebracht werden.
Alles Gold würde für die Sterne, Mond und Sonne zum Aufpolieren genommen werden. Die Frauen würden alles in die Hände nehmen.
Die morsche Jakobsleiter würde gesperrt werden, ohne auch nur einen Denkmalschützer zu fragen. Ab fünf Etagen ist Fahrstuhlpflicht oder die längste Rolltreppe wäre zu bauen. Uns Frauen hielte nichts auf. - Das Matriarchat ist im Kommen!
Der Kreis wird sich schließen!
Dem Schlüsselmann war die Spucke weggeblieben!
Als Hagestolz kannte er nie Probleme mit Frauen. Die Oma hat stets wie ein Mann denken müssen, musste sich oft wie eine Dame geben, hat immer wie ein junges Mädchen aussehen müssen und arbeiten, das konnte sie wie ein Pferd. Ausgerecht er, der Petrus, hat von der Sorte eine als Wolkenstubenälteste in seinem Himmel.
Ehe er alles verlor, wolle er sich um seinen Ruf bemühen, damit wenigstens auf Erden weiterhin an seine Schlüsselgewalt geglaubt werde, denn wird erst am Aste gesägt auf dem er noch säße, ist es für Gegenmaßnahmen zu spät. Er sinnierte über Reformen nach, um einer himmlischen Revolution zuvor zu kommen, denn der Alten traue er alles zu.
Die fürchte sich vor nichts. 
Schon gar nicht mit dem Freibrief eine Seele zu sein, 
- eine Seele von Mensch!

Hier weiter lesen Teil 1
Hier weiter lesen Teil 2

Fotos/Grafiken: wodtke-media, Günter Thonke

Redaktionell bearbeitet am 22.11.07 von Robby Schmalz

 


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