Schwerpunktthemen der 3.Böhner Geschichtswerkstatt
Berichte zu Themen der 3. Geschichtsveranstaltung
Die dritte „Böhner Geschichtswerkstatt" findet nicht im Rathenower Ortsteil Böhne, sondern auf dem Landesgartenschau-Gelände in Rathenow statt. Am 25. August werden die Gäste im Presse- und Informationszentrum der Laga Interessantes zu zeithistorischen Themen erfahren. Die dritte Veranstaltung will dabei an die Erfolge der ersten beiden Durchgänge anknüpfen. Ab heute veröffentlichen wir in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern in loser Folge einige Hintergrundberichte zu den Themen der dritten Geschichtswerkstatt.
Enteignung und Neubeginn
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Generalfeldmarschall Günther von Kluge (rechts) und seine Frau Mathilde von Kluge, geb. Briesen
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In der Gemarkung Böhne befanden sich 1945 zwei Güter. Diese waren im Besitz der Familien von Kluge und der Familie Schmidt. Beide Güter fielen unter die Enteignungsverordnung und die Besitzer wurden mit dem 6. September 1945 entschädigungslos enteignet.
Danach durften die Besitzer weder totes noch lebendes zum Gut gehörendes Inventar an sich nehmen. Weiterhin wurde ihnen der weitere Aufenthalt auf ihren Besitzungen untersagt.
Der zur Verwaltung des Gutes Böhne von Mathilde von Kluge eingesetzte Otto Rahtgens, wie auch die Familie Schmidt auf dem Wilhelminenhof, hatten bis zu ihrer Vertreibung vergeblich versucht, die Besitzungen vor der Enteignung zu bewahren.
Im Zuge der Bodenreform entstanden aus dem Böhner Gut etwa 26 Neubauernstellen. In der Folge erhielten auch mindestens zehn Flüchtlingsfamilien (Umsiedler) oder andere „Neuankömmlinge" die Chance, eine neue Existenz zu gründen. Das Gut Wilhelminenhof wurde unter zehn Neubauern aufgeteilt. Auf dem unmittelbaren Gelände des Gutes entstanden in der Folge bis Mitte 1946 sieben Neubauernstellen. Unter diesen Neubauern befanden sich sechs Flüchtlingsfamilien.
1930 hatte Mathilde von Kluge das Gut Böhne von ihrem Onkel Robert von Briesen geerbt. Kirchenurkundlich wurde das Gut Böhne erstmalig 1446 erwähnt.
Mit der Enteignung des Gutes ging damit auch eine mehre Jahrhunderte andauernde Epoche der Familien von Briest, von Briesen und der von Kluge am Standort Böhne für immer zu Ende.
► Im Rahmen der Geschichtswerkstatt wird Michael Crone, Enkel der Familie von Kluge, über die Enteignung des Böhner Gutes berichten. Lore Richter, geb. Plath, erinnert sich an ihre Flucht und Vertreibung sowie den schweren Neuanfang auf einer Neubauernstelle in Böhne. Über die Enteignung des elterlichen Bauernhofes in Marzahne (Provinz Brandenburg) und die sich daran anschließende Vertreibung sowie über den Neuanfang in Jerchel (Provinz Sachsen) berichtet Siegfried Giese. Jens Schöne wird zuvor einen Überblick über die Bodenreform geben.
Quelle: MAZ vom 11.08.2006
Foto: Michael Crone
Der schwere Neuanfang 1945/ 46 in Premnitz
Jürgen Mai berichtet über eine für die Premnitzer Menschen schwierige Zeit
Nachdem Premnitz am 2. Mai 1945 kampflos von der Roten Armee eingenommen wurde, verfügte der eingesetzte Ortskommandant bereits am 3. Mai 1945 die Aufnahme der Elektroenergieerzeugung im Kraftwerk. Von hier wurde später auch das Rathenower Krankenhaus mit Elektroenergie versorgt.
Anfnag 1945 waren im Premnitzer Werk noch etwa 4.000 Mensche beschäftigt. Unmittelbar nach Kriegsende waren es ca. 80 Menschen die den Neuanfang wagten und mit Ende des Jahres 1945 waren es dann bereits wieder 2.148 Arbeitskräfte die im Premnitzer Werk tätig waren. Damit fanden auch viele
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Die erste Kunstseide nach dem Krieg konnte Anfang Oktober 1945 hergestellt werden. Ende 1945 wurde bereits wieder mit 14 Spinnmaschinen produziert.
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Flüchtlinge und Heimatvertriebene eine neue Lebensgrundlage.
Zur Versorgung dieser Menschen unternahm die Werkleitung 1946 große Anstrengungen. Dabei war es das Ziel, jeden Mitarbeiter mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Zusätzlich wurden auch eine Schul- und Kindergartenspeisung organisiert. Dazu wurden alle erdenklichen örtlichen Möglichkeiten zum Anbau von Gemüse, Kartoffeln und Hülsenfrüchten genutzt. Zusätzlich erwarb die Gemeinde Premnitz brachliegendes Ackerland in Stechow und Paulinenaue. Für viele Arbeitskräfte war damals das Werkessen die einzige gesicherte warme Mahlzeit.
Infolge des hohen Anstieges der Einwohnerzahl in Premnitz reichte die „Einheitsschule“ nach 1945 für die stetig wachsende Schülerzahl nicht mehr aus.
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Bereits ab 1946 wurde wieder im Premnitzer Werk ausgebildet
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Schichtunterricht und die Nutzung anderer Räume waren die Folge. Bereits unmittelbar nach dem Kriegsende wurde im Premnitzer Werk wieder mit der Berufsausbildung begonnen. So wurden ab 1946 in der Werkschule die ersten Schlosser, Elektriker und Chemiewerker ausgebildet.
Die stetig wachsenden Einwohnerzahlen führten mit Kriegsende in der Gemeinde zu einem dramatischen Wohnungsmangel. Diesem versuchte man im Ort durch die Nutzung von ehemaligen Lagerbaracken und der notdürftigen Umgestaltung von Räumen im alten Kraftwerk sowie von Kellerräumen in der Betriebspoliklinik zu Wohnzwecken entgegen zu wirken.
Selbst die damals vorhandene Seuchenbaracke und das Pförtnerhaus am Tor II wurden mit Neuankömmlingen belegt. Die Wohnbedingungen waren in diesen Notunterkünften äußerst schlecht und hygienisch kaum zumutbar aber die Menschen waren erst einmal froh, nach der oft langen Zeit der Entbehrungen, wieder ein festes Dach über dem Kopf zu haben.
Mehr über diese Zeit in Premnitz und besonders über die Situation der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen können die Besucher der 3. Geschichtswerkstatt am 25. August von Jürgen Mai aus Premnitz in seinem Beitrag erfahren. Zusätzlich finden Interessierte, im Rahmen der begleitenden Ausstellung, auf einer vom ihm redaktionell bearbeiteten Schautafel bisher selten gezeigte Bilddokumente aus der schweren zeit des Neuanfangs in Premnitz.
Quelle: MAZ vom 16. 08.06
Foto:Archiv des IPG
Kolonisten mit Pioniergeist
Wie Schönholz nach dem Krieg wieder ein intaktes Dorf wurde
Die dritte „Böhner Geschichtswerkstatt" findet in diesem Jahr auf dem Landesgartenschau-Gelände in Rathenow statt. Am 25. August werden die Gäste im Presse- und Informationszentrum Interessantes zu zeithistorischen Themen erfahren. Die dritte Veranstaltung will dabei an die Erfolge der ersten beiden
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| Dieser Skizzenausschnitt vermittelt einen Eindruck vom Gut Schönholz im Jahr 1945. |
Durchgänge im Ortsteil Bohne anknüpfen. Die MAZ veröffentlicht in Zusammenarbeit mit den Veranstaltern einige Hintergrundberichte zu den Themen der Geschichtswerkstatt. Heute Teil 3 zur Nachkriegszeit in Schönholz.
Das Gut Schönholz wurde ab den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zum Jahre 1945 von der Gutsbesitzerfamilie Lange bewirtschaftet. Zum Gut gehörten neben den eher bescheidenen beiden Herrenhäusern, Stallungen, Scheunen und Nebengelassen auch vier Wohnhäuser für insgesamt 14 Landarbeiterfamilien.
Weitere Wohngebäude waren in Schönholz bis zum Zeitpunkt der Enteignung des Gutes nicht vorhanden. Das Gut Schönholz wurde nach der Enteignung aufgeteilt und danach überwiegend von Bessarabiendeutschen besiedelt. Diese waren auf ihrer Flucht aus ihrer Heimat in den Kriegs- und Nachkriegswirren in Schönholz untergekommen.
Denn in einem Geheimabkommen zum Hitler-Stalin-Pakt war ab 1940 die „Rücksiedelung" von über 90 000 Bessarabiendeutschen vereinbart worden.
Diese verließen daraufhin im Herbst 1940 ihre Heimat und wurden schließlich im damals besetzten Polen (Wartheland) und Danzig-Westpreußen angesiedelt.
Mit dem Vorrücken der Roten Armee im Winter 1945 mussten sie erneut ihre Bleibe verlassen und Richtung Westen flüchten.
In der Folgezeit fanden etwa 50 Familien auf dem Gut Schönholz erst nur ein Dach über dem Kopf und viele im Laufe der nächsten Jahre dann auch eine neue Heimat.
Im Zuge der Bodenreform entstanden in der Gemarkung Schönholz-Neuwerder 54 Neubauernstellen. Diese Neubauernstellen wurden bis auf wenige einheimische Bewerber an Familien bessarabisch- deutscher Herkunft verteilt. Der überwiegende Teil dieser Familien stammte aus dem bessarabischen Dorf Katlebug, unweit des Schwarzen Meeres.
Heute leben noch 35 Familien in Schönholz, deren Ursprung in Katlebug oder im Nachbarort Kamtschatka zu finden ist. Durch den außerordentlichen Fleiß, das hohe Maß an Selbständigkeit, den Pioniergeist von Kolonisten und ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelten die neuen Schönholzer Bürger im Laufe der Jahre das Gut Schönholz zu einem Ort mit 45 Anwesen und einer guten und intakten dörflichen Infrastruktur,
► Jürgen Bleick aus Rhinow hat gemeinsam mit Schönholzer Bürgern deren Erlebnisse aufgearbeitet und wird die Ergebnisse seiner Arbeit den Besuchern der 3. Geschichtswerkstatt am 25. August 2006 ab 18 Uhr in seinem Beitrag vorstellen. Im Rahmen der begleitenden Ausstellung wird ergänzend zu seinem Beitrag eine Schautafel den Menschen aus Schönholz und ihrem Leben und Schaffen in der alten und neuen Heimat gewidmet.
Quelle: MAZ vom 19.08.2006
Repro: IBE Wodtke
Zerstört und enteignet
Rathenow nach dem Kriegsende
Der Rathenower Architekt und Historiker Wolfram Bleis wird am 25. August ab 18 Uhr (Presse- und Informationszentrum Landesgartenschau) zur Rathenower Geschichtswerkstatt in seinem Vortrag versuchen, den Besuchern die Nachkriegszeit in Rathenow noch einmal nahe zu bringen. Zu diesem Zweck wird er auszugsweise aus dem Tagebuch der Rathenowerin Gertrud Ryssowski (geb. Eckhardt) lesen. Mit diesem Beitrag endet unsere Kurzserie zur Ankündigung der Geschichtswerkstatt.
Als die Rote Armee am 6. Mai 1945 die gesamte Stadt besetzte hatte, gingen 12 Tage erbitterter Kämpfe quer durch das gesamte Stadtgebiet zu Ende.
Rathenow war damit die letzte Stadt auf deutschem Boden, um die noch so kurz vor Kriegsende so fanatisch gekämpft wurde. Das Ergebnis der Kämpfe war für die Situation der Bevölkerung, die bis dahin gut funktionierende Infrastruktur und die Unternehmen der Stadt verheerend.
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| Die zertsörte Skt.-Marien-Andreas-Kirche |
Allein im Gebiet der Altstadtinsel wurden 233 Wohn- und Nutzgebäude vollkommen zerstört. Das entspricht einer Zerstörungsrate von etwa 53 Prozent. Die restliche Bausubstanz wurde mehr oder weniger beschädigt. Im übrigen Stadtgebiet sah es sehr ähnlich aus. In der Folge entstand bereits zum Kriegsende eine große Wohnraumnot in der Stadt.
Offizielle Zahlen aus dem August 1945 sprechen von 50 000 Flüchtlingen im Gebiet des Westhavellandes. Dabei war die Dunkelziffer sicherlich noch viel größer. Die Zahl der Flüchtlinge in Rathenow wuchs auch im Jahre 1946 stetig weiter. Nach offiziellen Angaben nahm die Stadt Rathenow bis August 1946 weitere 2 817 und der Kreis Westhavelland weitere 25 110 Flüchtlinge auf. So war zu diesem Zeitpunkt etwa jeder zweite Bürger der Region kein Einheimischer mehr.
Neben dem stetig wachsenden Mangel an Wohnraum, wuchsen auch die Versorgungsprobleme der Rathenower Bevölkerung mit Grundnahrungsmitteln. Da waren die Rathenower, die „ihren Bauern" im Umfeld hatten, noch relativ gut bedient. Wer noch etwas Brauchbares zu tauschen hatte, versuchte das Nötigste auf dem Schwarzmarkt einzutauschen. Die SMA versuchte gemeinsam mit den neuen politischen Kräften die Versorgungslage in Rathenow, wenn auch auf niedrigem Niveau, zu stabilisieren.
So standen damals, soweit vorhanden, allen Einwohnern wöchentlich folgende Grundnahrungsmittel zu: 0,75 Liter entrahmte Frischmilch, 0,5 Liter Buttermilch, 50 Gramm Speisequark, 80 Gramm Butter für Kinder bis 5 Jahre und Kranke, 100 Gramm Butter für Schwerarbeiter und 60 Gramm Butter für die übrige Bevölkerung.
Die Brotration betrug täglich: 300 Gramm für Arbeitende, 200 Gramm für nicht Arbeitende und 150 Gramm für Kinder bis zu 3 Jahren.
Bereits im Juni 1945 begann die Rote Armee in der Region mit der Demontage von technischen Anlagen als Reparationsleistungen. Neben dem 2. Gleis der Bahnstrecke Berlin-Hannover, wurden auch für einen Neuanfang in Rathenow dringend benötigte Maschinen der Optischen Industrie demontiert und Richtung Osten abtransportiert.
Zahlreiche Rathenower Unternehmen fielen unter den Enteignungsbefehl der SMA. Zu den größten enteigneten Unternehmen der Stadt gehörten die Optikunternehmen Emil Busch AG und die Firma Nitsche und Günther.
In beiden Optikunternehmen versuchte man ab Oktober 1945 wieder die Produktion aufzunehmen. Mit Wirkung des 8. März 1946 wurden dann beide Unternehmen auf dem Gelände der Emil Busch AG unter neuer Firmenbezeichnung „Rathenower Optische Werke m.b.H." zusammen geführt. Auch zahlreiche kleinere Unternehmen wurden willkürlich von den damaligen Machthabern enteignet oder es wurde den Inhabern eine weitere Geschäftstätigkeit bei Strafe untersagt.
Quelle: MAZ vom 24.August 2006
Repro: IBE Wodtke
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