Wechselvolles Schicksal der Jugendherberge „Freundschaft“
von Gerhard Seiffert
In der 9. Stunde am 5. Mai 1945 wurden die Milower unruhig. Von der Havel her kamen die Vorposten, der
Sowjetarmee in den Ort und überzeugten sich davon, dass keine deutschen Soldaten mehr im Dorf waren. Noch einen Tag zuvor hatten in der Hasenheide einige Flakgeschütze auf Schienen gestanden und waren von SS-Einheiten bedient worden. Von ihnen soll auch der Rathenower Kirchturm beschossen worden sein. In der Nacht zuvor waren sie allerdings in Richtung Elbe abgezogen, so dass Milow ohne jegliche Kampfhandlung von sowjetischen Soldaten eingenommen werden konnte. Wie wir ja bereits in dieser Serie berichteten, gehörte das Schlagen einer Notbrücke über die Havel, weil die Fähre gesprengt und versenkt worden war, zu den ersten Maßnahmen der Sowjetarmee.
Ziemlich schnell entwickelte sich im Ort wieder das kulturelle und gesellschaftliche Leben. Zunächst konnte in
der ehemaligen Gaststätte Daßler ein Lichtspieltheater eingerichtet werden, das bis heute noch besteht. Am 1. Oktober 1945 begann auch wieder der Schulbetrieb, der seit dem Frühjahr infolge der Kriegsereignisse unterbrochen worden war. Etwa 400 Schüler gingen damals in die Schule, aber nicht in ein Gebäude wie heute. Es gab vier Einklassenschulen im Ort. Mit dem Aufbau einer Zentralschule wurde erst 1952 begonnen, und zwar in der ehemaligen Burg, dort, wo sich heute noch die Oberschule befindet, während hinter der Hasenheide bereits die Vorbereitungen für den Bau eines neuen Schulgebäudes getroffen wurden.
Ein Gebäude im Ort hat ebenfalls eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Es ist die heutige
Jugendherberge „Freundschaft“, in der Mitte des Ortes gelegen. Bis es 1951 anlässlich der III. Weltfestspiele der Jugend und Studenten in Berlin dazu eingerichtet wurde, war dieses Haus von 1930 bis 1936 die Sommervilla für die Familie Bolle aus Berlin, bekannt unter dem Namen „Milch-Bolle“. Ab 1936 war in seinen Räumen das weibliche Arbeitsdienstpersonal untergebracht.
1945 richtete die Sowjetarmee ein Lazarett ein. Später diente das Gebäude als Waisenhaus und als Heim für schwer erziehbare Kinder. 1950 wurde schließlich ein Touristen- und Jugendheim mit einer Kapazität von 60 Übernachtungen eingerichtet.
Im Park der Jugendherberge baute sich die Milower eine Freilichtbühne die erstmals 1952 Veranstaltungen erlebte. Damit war auch eine Grundlage für eine breitere, kulturelle Tätigkeit im Ort gegeben. Die Sommer- und Sängerfeste aus den 60er Jahren, die hier stattfanden, sind noch vielen Bürgern des Ortes in guter Erinnerung. Sie hatten für die Kulturszene des ganzen Kreises Bedeutung.
Träger der kulturellen Veranstaltungen waren der Rat der Gemeinde, der Dorfklub, die LPGs Milow und Jerchel. Der Chor der Gemeinde und andere Volkskunstgruppen, aber auch namhafte Künstler von Funk und Fernsehen traten innerhalb von KGD Programmen auf der Freilichtbühne auf und erfreuen die zahlreichen. Zuschauer.
Quelle: Märkische Volksstimme Oktober 1983
Autor: Gerhard Seiffert (†)
Fotos: Archiv Havelland Kiosk
Redaktionell bearbeitet am 28.11.07 von Robby Schmalz
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