Müller fürchteten Konkurrenz -
Rathenower Dampfmühle verarbeitete
1849 täglich 10 Tonnen Getreide
von Erika Guthjahr (†)
Alle alten Gebäude am Mühlendamm, die zum ältesten Gewerbezweig unserer Stadt gehörten, sind erschwunden. Die ehemalige Dampfmühle am Schwedendamm soll bekanntlich einen Zentralpunkt für die Landesgartenschau bilden und an ihre alte Funktion als Mühle erinnern. Diese Bauten sind vergleichsweise neu, sie entstanden nämlich erst im 19. Jahrhundert.
Der Stadtrat Kaufmann Karl Friedrich Hübener, erwarb 1832 die beiden Prediger-Gärten vor den ... Brücke. Er wollte angeblich eine Ölmühle und eine Wollspinnerei einrichten. Seine Pläne wurden von allen Mühlmeistern der Umgebung mit Misstrauen und Sorge verfolgt. Die Müller befürchteten Konkurrenz und erhoben mit teilweise fadenscheinigen Behauptungen Einspruch. Färbermeister Kayser fürchtete, durch den Qualm der Dampfmaschine belästigt zu werden, der Windmühlenbesitzer Bitzelmann aus Steckelsdorf fürchtete, die hohen Gebäude könnten ihm den Wind wegnehmen.
Mit diesen und ähnlichen Beschwerden konnte sich aber niemand durchsetzen. Hübener besaß Kapital und kaufmännisches Geschick. Er baute die Dampfmühle der Langen Brücke auf. Am 1. Februar 1849 begann der Betrieb von vier Mahlgängen. Ab 1849 verarbeitete die Mühle täglich zehn Wispel Getreide (ein Wispel entspricht etwa einer Tonne). Ab 1879 führte der Sohn des Begründers, Karl Hübener, den
Betrieb und vergrößerte ihn. Nun wurden täglich16 Tonnen Getreide vermahlen. 1888 übernahmen die Gebrüder Schillow die Dampfmühle, die ab 1889 täglich 40 Tonnen Getreide verarbeitete. 1894 wurde ein Silo-Speicher erbaut, der 1200 Tonnen Getreide fasste. Seit 1900 verarbeitete die Mühle täglich 65 Tonnen Getreide und lieferte etwa 800 Zentner Mehl pro Tag. Ab 1937 gehörten die Dampfmühle am Schwedendamm und die Weizenmühle am Mühlendamm dann einer Gesellschaft. Von zentraler Stelle aus wurden sie elektrisch betrieben. Das Maschinenhaus lag neben der Wassermühle. Drei Turbinenpaare wurden dort vom Havelwasser in Bewegung gesetzt und lieferten bis zu 60 PS. Mit dieser Energie wurden beide Mühlen abwechselnd betrieben. Allerdings konnte die fortlaufende Stromerzeugung durch Wasserkraft nicht garantiert werden. Bei Hochwasser wurde das Oberwasser der Havel gesenkt, während das Unterwasser wegen zu hohen Elbewassers nicht verändert werden konnte. So führte dies dann zur Stauung und Stilllegung der Turbinen.
Um 1930 beschäftigten beide Mühlen 66 Personen, die täglich etwa 100 Tennen Getreide verarbeiteten. Die damaligen Arbeitsvorgänge beschrieb ein Fachmann so: Ehe die eigentliche Vermahlung beginnt, wird das in Silo-Zellen gelagerte Getreide in verschiedenen Maschinen mehrfach gereinigt, gewaschen, getrocknet und von Steinen, Keimen und Eisenteilen befreit. Dann kommt das Korn in die Walzenstühle. 13 Doppelstühle stehen in der Weizenmühle. Der Weizen muss die Mahlstühle 24-mal durchlaufen, bis er zu Gries und später zu Feinmehl wird. Roggen benötigt 12 bis 13 Durchgänge. Nach jedem Durchgang wird das Mehl gesiebt. Das Feinmehl läuft von dort aus in die Mehlkammer, während die groben Teile nochmals durch die Walzen müssen, bis nur noch Kleie und Futtermehl übrig bleiben. Den letzten Arbeitsgang vollzieht die automatische Packmaschine, die das Mehl einsackt und wiegt. In langen Kolonnen stehen in diesem Raum die vollen Säcke. Zum Schutz gegen Feuer ist in allen Räumen der Mühle eine automatische Feuerlöschanlage mit Brausen in Abständen von zwei Metern angebracht. So platzen bei einer Hitze von etwa 70 Grad die Verschlüsse der Brausen und der ausbrechende Wasserstrom löscht das Feuer.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde am Schwedendamm Hafer verarbeitet. Um 1970 erfolgte eine umfangreiche Erneuerung, die bis 1973 dauern. Damals schrieb die Tageszeitung: „Am 24. April 1973 wurde die modernste Anlage zur Herstellung von Hafer-Nährmitteln in Betrieb genommen. Diese vollautomatische Anlage gestattet es. jährlich 8000 Tonnen Haferflocken herzustellen. Sie läuft in drei Schichten und je Schicht werden 20 Tonnen produziert. Damit werden fast alle Bezirke der Republik mit Haferflocken beliefert.“ Nach 1990 wurde die Produktion leider eingestellt.
Quelle: Brandenburger Wochenblatt
Autor: Erika Guthjahr (†)
Foto: Archiv Guthjahr
Redaktionell bearbeitet am 29.11.07 von Robby Schmalz
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