3. Böhner Geschichtswerkstatt- Nachbetrachtungen
Lesermeinung von: Dieter Seeger Rathenow
 |
|
Beleg für Zahlung für Bodenreformland ( Anmerkung der Redaktion des HVL-Kiosk )
|
Die im Kulturhaus gezeigte Ausstellung der Böhner Geschichtswerkstatt „Der schwere Neuanfang - unsere Region 1945/46" befasst sich auch mit der demokratischen Bodenreform. Schon die Ankündigungen in der Presse ließen die Tendenz der Veranstaltung befürchten, wenn von „Unrecht" die Rede war. Falschdarstellungen und Lücken der Ausstellung stützen den Eindruck, dass damit eine Revision der Geschichte verfestigt werden soll.
Laut Ausstellungstext haben Sowjetunion und KPD die Bodenreform durchgesetzt. Sie allein? In der Darstellung der frühen Forderungen auch bürgerlicher Politiker nach einer Bodenreform zugunsten landloser und landarmer Bauern bzw. Landarbeiter fehlt die Tatsache: Selbstverständlich war in den Programmen der Arbeiterparteien SPD und KPD die Forderung immer enthalten, wollten sie damit doch das Bündnis zwischen Arbeitern und Bauern als Grundlage gemeinsamer Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse schaffen und festigen. Auch die bürgerlichen Parteien Nachkriegsdeutschlands, zum Beispiel die CDU und die LDP, proklamierten 1945 die Sozialisierung bei Industrie und Großgrundbesitz. Das Potsdamer Abkommen legte die Nachkriegsordnung fest und forderte die Besatzungstruppen auf, in ihren Zonen die Bestrafung der Nazis und der am Krieg schuldigen Kräfte einschließlich der Kriegsgewinnler durchzusetzen. Auf dem Lande fand man sie vor allem bei den Großgrundbesitzern. Die Bestrafung bestand in der Entmachtung, also dem Entzug ihrer ökonomischen Basis: Enteignung. Auf dieser Grundlage agierten die Parteien der sowjetischen Zone auch innerhalb der Selbstverwaltungen.
Im Juni 1945 wurde Edwin Hoernle mit der Leitung der Abteilung Landwirtschaft in der Provinzialverwaltung Brandenburg beauftragt. Er sah seine erste Aufgabe darin, die drohende Ernährungskatastrophe zu verhindern und alle Kräfte zu mobilisieren, um die brachliegenden und verwüsteten Felder zu bestellen sowie die verbliebene Ernte zu bergen: „Es gibt Gebiete, wo die Bauern selbst nicht mehr vorhanden sind. Hunderte Rittergüter sind von ihren Besitzern fluchtartig verlassen worden... Bedeutende Teile der diesjährigen Ernte werden mit Sensen und Sicheln, vielleicht sogar auf Handwagen abtransportiert, in altväterlicher Weise mit Dreschflegeln ausgedroschen werden müssen. Hier gibt es nur eine Lösung: Anpacken!" In Rathenow packte auch die Antifa-Jugend mit an: 1463 Jugendliche halfen (natürlich freiwillig, ohne Bezahlung) bei Aufräumungsarbeiten, Holzeinschlag, Bahn- und Brückenbau und eben auch in Ernteeinsätzen. Das waren „Feuerwehreinsätze", es musste eine dauerhafte Lösung her. Die Bodenreform stand auf der Tagesordnung. Hoernle: „Dazu gehören zwei Dinge: 1. Die Bauern führen ihre Bodenreform selbst durch. Dazu werden gewählte Bodenkommissionen in den Gemeinden tätig. Hier werden die Aufteilung entschieden und Maßnahmen für die Ansiedler festgelegt. 2. Zur demokratischen Bodenreform gehört, dass sie Anliegen des ganzen Volkes wird, das am Verschwinden der Junker und des preußischen Militarismus interessiert ist." Der Orientierung folgte die organisatorische Umsetzung. Die KPD hatte im Kreis Rathenow/Westhavelland 74 ländliche Ortsgruppen (über 1800 Mitglieder), die SPD 47 (über 1100 Mitgl.). Sie wurden von ihren Leitungen verpflichtet, aktiv in den Bodenkommissionen mitzuarbeiten. Diese bestanden aus jeweils fünf Personen, in ihnen sollte mindestens je ein Mitglied der KPD und SPD sein - immer paritätisch besetzt durch beide Parteien. Sie teilten den Großgrundbesitz auf und verteilten (verlosten) ihn: Über 23 000 ha wurden über den Bodenfonds den Neubauern übereignet, aber eben nicht - wie in der Ausstellung behauptet - gegen Bezahlung! Solch Blödsinn wird jedem klar, der die finanzielle Lage zum Beispiel der Umsiedler bedenkt. Die Urkunden sagen deutlich aus: Schuldenfrei als persönliches, vererbbares Eigentum. Die Besitzverhältnisse auf dem Lande wurden damit grundlegend geändert, denn 35 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche der späteren DDR (3,3 Mil, ha) wurden der kapitalistischen Produktionsweise entzogen und damit die antifaschistisch-demokratische Umwälzung im Osten eingeleitet, also der Prozess zum Aufbau einer nichtkapitalistischen Gesellschaft vorangetrieben.
Natürlich hatten und haben die Ergebnisse der Bodenreform vor allen Gerichtsinstanzen Bestand. Das Unrecht-Gezeter mutet denn doch wie Geschichtsrevisionismus an.
Quelle: MAZ vom 21.09.06
Lesermeinung von: Frank Riedel Wustrau
……………..Wer, wie Herr Seeger, von der Bodenreform des Herbstes 1945 nach dem Erkenntnisstand von über 60 Jahren noch immer von einer demokratischen Bodenreform spricht, hat doch ein beängstigendes Demokratieverständnis.
„Junkerland in Bauernhand" plakatierten die Kommunisten seit Anfang September 1945 auch auf den brandenburgischen Dörfern. „Junkerland in Bauernhand"? Mitnichten. Die Junker - so definierten die Bodenreformverantwortlichen alle Grundbesitzenden über 100 ha - wurden enteignet, etwa 2,1 Millionen Hektar Land parzelliert und überwiegend an insgesamt 544 079 Neubauern aufgeteilt. Stolz empfingen landarme und landlose Bauern, Flüchtlinge und Vertriebene ihre Besitzurkunden über in der Regel 5 Hektar Land.
Sie waren zwar Landbesitzer aber keine Eigentümer. Laut Bodenreformverordnungen durften die Neubauern ihre Wirtschaften weder ganz noch teilweise verkaufen, verpachten oder verpfänden und so dürfen sich deren Erben nicht immer daran erfreuen. Am 30. Juni 2005 fällte der Europäische Gerichtshof in Straßburg ein Grundsatzurteil, das die Bestimmungen des Zweiten Vermögensrechtsänderungsgesetzes aus dem Jahre 1992 bestätigte, die besagen, dass die Bodenreformgrundstücke der Neubauern entschädigungslos an die zuständigen Grundstücks- und Vermögensämter der Bundesländer abzutreten seien, sofern deren Besitzer zum 15. März 1990 oder in den letzten zehn Jahren davor nicht in der Land-, Forst- oder Nahrungsmittelwirtschaft tätig waren oder in der DDR keiner LPG angehört hatten.
Von dieser Regel sind aktuell ca. 70 000 Neubauern bzw. deren Erben mit einer Gesamtfläche von ca. 100 000 Hektar im Wert von mehr als 1 Milliarde Euro betroffen.
Junkerland befindet sich also zu einem großen Teil nicht in Bauernhand, sondern in Staatshand, im Eigentum der Bundesländer oder deren nachgeordneter treuhänderischer Gesellschaften. Dieser Tatbestand entspringt allerdings keinem Rachefeldzug gegen DDR-Biografien nach der Wende, sondern der Gesetzgebung eines gesellschaftlichen Aufbruchs in der SBZ nach Kriegsende von einer Diktatur in eine neue.
Die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bezieht sich in ihrem Urteil vom 30. Juni 2005 auf die Bestimmungen der Bodenreformverordnungen von 1945 und auf die Besitzwechselverordnungen der DDR von 1951, 1975 und 1988, die genau das nicht vorsahen, was den gutgläubigen Neubauern von den KPD-Funktionären mit den überreichten Zuteilungsurkunden suggeriert wurde: persönliches vererbbares Eigentum am Bodenreformland.
Quelle: MAZ vom 14.11.2006
Der Name soll bleiben
Bilanz der „Geschichtshandwerker"
JOACHIM WILISCH
RATHENOW Nach der dritten „Böhner Geschichtswerkstatt", zu der am vergangenen Wochenende in das Besucherzentrum der Landesgartenschau eingeladen wurde, soll sichergestellt werden, dass diese Veranstaltung auch in den kommenden Jahren stattfindet.
 |
|
Begleitend zur Veranstaltung entstanden auch wieder eine ganze Reihe von Informationstafeln, die bei den Besuchern reges Interesse fanden.
|
Darauf haben jetzt Hans-Jürgen Wodtke und Bettina Götze hingewiesen. Beide gehören zu der Gruppe, die bereits die erste Geschichtswerkstatt vorbereitet hat. Zusammen mit Michael Crone und Wolfram Bleis habe man sich dem Ziel verschrieben, große histori¬sche Zusammenhänge und lokale Ereignisse in Bezug zu setzen, erklärte Wodtke. „Wir sind der harte Kern", der die Geschichtswerkstatt betreibt", fügte Bettina Götze bei einem Gespräch mit dieser Zeitung hinzu, das dazu diente, eine Bilanz der dritten „Böhner Geschichtswerkstatt zu ziehen. Rund ISO Gäste woll¬ten wissen, wie das Thema „Neuan¬fang und Vertrei¬bung" aufgearbeitet wurde. „Es ist für uns ein großes Glück, dass sich jedes Jahr Interessenten zu unserer Gruppe hinzugesellen, die sich dem Thema widmen", so Wodtke. Jürgen Mai (Premnitz) und Jürgen Bleick (Rhinow) ließen interessante Sichtweisen und Erkenntnisse in die Vorbereitung der dritten Geschichtswerkstatt einfließen. „Wir wollen aber keinen Verein gründen", erläuterte Bettina Götze. „Es ist besser, wenn wir als Kreis agieren, der sich mal aus dieser und mal aus jener Personengruppe zusammensetzt. Das wird dann auch immer mit dem Thema zu tun haben, das gerade dran ist." Im Jahr 2007 könnte die Geschichte der Zuwanderung aufgearbeitet werden.
Die „Böhner Geschichtswerkstatt" soll ihren Namen behalten. Allerdings wird es schwierig, in Böhne einen geeigneten Raum zu finden, wo die Veranstaltung stattfinden und auch die Ausstellung, die zumeist damit verbunden ist, eine Weile präsentiert werden kann. Die Mitarbeiter der Geschichtswerkstatt werden sich also zunächst auf Raumsuche begeben. Gesucht werden dann auch wieder Sponsoren. Zum Nulltarif gibt es die Geschichtswerkstatt nicht, auch wenn die Veranstalter keinen Eintritt nehmen. Rund 5000 Euro müssen in die Vorbereitung investiert werden. Die Ausstellung ist vorzubereiten. Dazu gehören Schautafeln, Schaubilder und vieles mehr. Dazu kommen weitere Kosten. Für Gäste der Geschichtswerkstatt wird der Besuch dennoch vorerst nichts kosten.
In diesem Jahr war die Werkstatt auf dem Landesgartenschau-Gelände untergebracht. „Das war eine unkomplizierte Zusammenarbeit mit der Landesgartenschau GmbH", wertete Wodtke den „Umzug" von Böhne nach Rathenow.
Und er versprach, dass auch wieder eine Broschüre mit den Arbeitsergebnissen erscheinen wird. Wann, kann er nicht sagen. Weil auch dieses Druckwerk finanziert werden muss, wollen sich die „Geschichtshandwerker" zunächst auf die mühsame Sponsorensuche begeben.
Quelle: MAZ vom 02.09.2006
Foto: IBE Wodtke
Zurück